Lebendiges Interior mit der Fotografin Anne Deppe

Words by Jana Ahrens
Photography: Anne Deppe
Anne Deppe
Anne Deppe fotografiert Orte und Dinge. Dabei wirken ihre Stillleben superlebendig. Fast scheint es, als würde Anne selber durch jedes Bild spazieren. Wie sie ihre Motive zum Leben erweckt, hat sie uns im Interview verraten. Und auch, was das alles mit dem Hashtag #sameplacedifferentcoffee zu tun hat.
Sunbathing
Sunbathing-Styling

 

Wie hat es dich nach deiner Ausbildung in Richtung Stillleben- und Interior-Fotografie verschlagen?

Ich habe überlegt: Was interessiert mich wirklich? Womit kann ich einen ganzen Tag verbringen? Da habe ich gemerkt, dass ich mich sehr für Farben, Formen, Materialien von Möbeln und Produkten begeistern kann. Ich habe angefangen, Räume zu fotografieren, klassische Innenarchitektur-Fotografie. Dann habe ich gemerkt, dass ich sehr gerne die Räume – oder das, was in den Räumen ist – zusätzlich selber verändere. Dass ich also lieber mitbestimme, was auf dem Bild zu sehen ist, und weniger gerne fertige Szenerien fotografiere.

Das heißt, du machst auch Styling?

Ja, aber ich habe meistens eine Stylistin dabei. Das ist sehr wichtig. Wir arbeiten dann Hand in Hand. Es geht für mich darum, dass ich mir sehr viel Zeit nehmen kann, um ein Motiv – gemeinsam mit einer Stylistin – einzurichten. Im Idealfall arbeite ich mit einer Stylistin, die die gleiche Sprache spricht wie ich. Wir wissen dann beide genau: Dinge dürfen sich im Motiv berühren und überschneiden. Aber sie dürfen es nicht nur “fast” tun. Sie müssen sich deutlich überschneiden. Ich habe es selber nicht entdeckt, aber jemand hat für mich festgestellt, dass ich oft einen sehr ähnlichen Bildaufbau habe. Einmal darauf hingewiesen, sehe ich das jetzt natürlich auch.

Wie sieht das aus?

Bei mir bleibt meistens die Mitte des Bildes frei. Es muss ein kleines Ungleichgewicht, eine Spannung im Bild geben. Wenn ich beim Einrichten oder Fotografieren mit der Stylistin rede, dann sprechen wir davon, dass Gegenstände im Bild miteinander kommunizieren. Deswegen müssen die auf eine bestimmte Weise zueinanderstehen. Wir haben dann eine Idee im Kopf dazu, was die Dinge im Bild tun. Es ist eine Art kleine Geschichte.

LINK-Regal
LINK Regal von Studio Hausen–Styling

Sowas wie eine Familienaufstellung?

Ja, wahrscheinlich. (lacht). Und wenn man mit natürlichem Licht arbeitet, wenn die Sonne gerade in den Raum scheint, muss man eben auch sehr schnell sein. Das ist manchmal schwierig für mich. Zum Beispiel bei #sameplacedifferentcoffee – das ist mit dem Handy fotografiert.

Kannst du mir ein bisschen mehr zu diesem Hashtag erzählen?

Das ist eigentlich genau das, wonach es klingt. Ich sitze morgens auf dem Sofa – mit meinem Kaffee – und sehe, wie toll das Licht da in den Raum fällt, wo ich gerade hingucke. Dann mache ich vom Sofa aus ein Bild. Mittlerweile stehe ich für diese Bilder sogar manchmal auf, weil ich merke, dass das Licht auf dem Sofa selber eigentlich am schönsten ist. (lacht.) Aber so ist die Serie entstanden. Sofa, Kaffee und gegenüber auf der Wand ist das Licht besonders schön.

Das heißt aber auch, dass du eine sehr fotogene Wohnung hast.

Ja, es gibt dort vor allem sehr fotogenes Sonnenlicht.

Tisch

 

Fotografierst du gern mit natürlichem Licht?

Ich nutze Instagram seit einigen Jahren, um Licht zu studieren und um spontan mit dem Handy einfach los zu fotografieren. Die Bilder sind dann meine Vorlagen dafür, wie ich im Studio oder on location das Licht bauen möchte, damit ich es zu jeder Tageszeit abrufen kann.

Gibt es denn auch bestimmte Materialien, mit denen du arbeitest

Ich brauche in jedem Fall Farben. Es muss nicht unbedingt was Knalliges sein. Aber ich mag es schon gerne, wenn Farben sich in einem Bild ein bisschen aneinander reiben. Material ist mir sehr wichtig, weil das einen großen Einfluss auf das hat, was mit dem Licht passiert. Wenn ich jetzt immer nur mit Objekten aus Papier arbeite, dann passiert für mich im Bild nicht genug. Wenn du Holz hast und Textilien, etwas Mattes und etwas Glänzendes, dann kann das Licht unterschiedlich reflektieren.

Hast du auch selber Lieblingsobjekte zu Hause?

Das habe ich. Ab und zu kaufe ich mir Möbel aus einem Shooting, oder ich darf mir sogar Objekte mitnehmen. Andererseits ist es aber auch so, dass ich manchmal jahrelang einen Stuhl vor der Linse haben möchte. Und wenn ich ihn dann fotografiert habe, dann reicht mir das auch. Dann muss ich ihn nicht auch noch besitzen. Das ist ganz gut. Seitdem ich die Möglichkeit habe, so viele schöne Möbel zu fotografieren, muss ich gar nicht mehr alle bei mir zu Hause haben.

Drinks-Getränke
Drinks – Getränke

 

Flurstück
Flurstück

 

Und wie ist es andersherum? Brauchst du in deiner eigenen Wohnung ein Mindestmaß an Inszenierung?

Ich habe seit Neuestem ein Regal in der Wohnung, in der ich mit meinem Freund wohne. Das war bisher verboten, weil die Wohnung möglichst leer sein musste, damit viel Raum für Konzentration möglich ist. Meine ganzen Gegenstände und Sammlungen waren in einem Schrank versteckt. Das Regal war als eine Art Styling-Training gedacht. Die Idee war, die Gegenstände darin regelmäßig neu zu arrangieren. Ich muss gestehen: Ich dachte, ich baue es jeden Tag um. Jetzt habe ich es einmal eingeräumt und bin total happy damit. Mein Freund ist auch Fotograf und liebt eigentlich das Nichts, die Leere. Aber er mag das Regal inzwischen auch sehr gern.

Neben den Möbeln und Interior-Gegenständen, die du inszenierst, gibt es ja auch immer die sogenannten Props, die Fotografen und Stylisten arrangieren, um alles perfekt in Szene zu setzen. Sind das auch Gegenstände, an denen das Herz hängen kann?

Ich mag es, wenn nicht nur neue Sachen im Bild sind. Toll ist es, wenn die Stylisten etwas mitbringen, was aussieht, als hätte es eine Geschichte. Oder wir arbeiten mit etwas, das einfach zweckentfremdet wird. Bei zwei Strecken hatte ich durch Zufall eine Verpackung von Blitzlampen dabei, die aussahen wie ein kleines Architektur-Modell. Sowas, gezielt im Raum aufgebaut, sieht total gut aus. Die Verpackungen liegen jetzt grad noch in meinem Auto, die werde ich aber vermutlich morgen schweren Herzens entsorgen. Ich habe auch mal in einem neu gekauften Paar Schuhe von meinem Freund so Einsätze gefunden, die aussehen wie Schusterleisten aus Pappmaché. Die sind direkt in meinem Archiv gelandet, weil es einfach schöne Objekte sind.

Jetzt hast du ja inzwischen mit dem Who is Who unter den Interior- und Tableware-Marken gearbeitet. Was sind deine nächsten Ziele?

Mir geht’s nicht hauptsächlich darum, für bestimmte Marken zu fotografieren. Es geht mehr darum, dass ich schöne Bilder machen darf mit tollen Produkten. Es ist natürlich wahnsinnig toll, wenn Kunden mir die Freiheit lassen, einfach so zu arbeiten, wie ich die Dinge selber sehe. Aber auch außerhalb der Kundenarbeit bin ich viel mit Fotografie beschäftigt. Ich mache freie Strecken mit Stylisten, weil ich einfach wahnsinnig gern Bilder entstehen lasse. Nächste Woche treffe ich mich beispielsweise mit einer Stylistin in einem Requisiten-Verleih, der sehr viele Stühle von einer Sorte hat. Das ist ein Traum, mit richtig vielen Stühlen in einem Shooting zu arbeiten.

Auf Kunden bezogen habe ich in diesem und im letzten Jahr hauptsächlich mit Marken und Teams gearbeitet, mit denen ich schon immer mal zusammenarbeiten wollte. Das heißt, ich bin jetzt gerade eher an einem Punkt, an dem ich denke: Ich würd‘ gern einfach eine Weile so weitermachen. Das war schon ganz toll. Aber es gibt natürlich weiterhin Ziele und in jedem Segment tolle Marken, mit denen ich noch nicht gearbeitet habe.

USM-Lookbook
USM Lookbook

Was ist da der nächste Schritt?

Ach, hauptsächlich suche ich gerade erstmal neue Atelier-Räume im Prenzlauer Berg und Umgebung. Jede Woche gucke ich mir etwas Neues an und richte in Gedanken schon mal alles ein. Das ist auch eine gute Übung.

Wenn dich dein sechzehnjähriges Ich heute so sehen würde, wie würde es vermutlich reagieren?

Sehr überrascht. Ich dachte damals, dass ich mit dreiundzwanzig schon zwei Kinder haben und im Reihenhaus sitzen würde. Und dass man mit Mitte zwanzig schon total alt sein würde. Dass das jetzt anders ist, liegt wohl sowohl an der Stadt Berlin als auch an meinem Job. Mit sechzehn hatte ich nicht den Horizont, zu sehen, dass es noch was anderes als das Dorf und die Kleinstadt gibt, in der ich da war. Obwohl ich berufstätige Eltern hatte, die auch nicht mit dreiundzwanzig im Reihenhaus saßen, habe ich mir das damals so vorgestellt.

Wie ist das eigentlich für dich, wenn jemand anderes sagt: “Anne Deppe ist Fotografin”? Fühlt sich das noch komisch an?

Mittlerweile fühlt es sich nicht mehr komisch an. Ich habe lange gebraucht, mich Fotografin zu nennen – das wirklich als meinen Beruf zu bezeichnen. Also eigentlich erst in dem Moment, als ich komplett davon leben konnte.

Silhouet Schoeming Porzellan

 

Hast du jemals zwischendrin überlegt, etwas komplett anderes zu machen?

Ja, vor ein paar Jahren war die Situation so, dass ich jeden Tag gearbeitet habe. Also auch am Wochenende und immer wieder auch Nachtschichten. Am Ende kam aber nichts dabei rum. Ich konnte so gerade davon leben, aber nur mit übermäßig viel Arbeit. Zu dem Zeitpunkt dachte ich: Jetzt reichts. Ich wollte damals auf Styling wechseln, also nicht ganz komplett etwas anderes. Aber plötzlich kamen die guten Foto-Aufträge, und so bin ich dann doch beim Fotografieren geblieben. Also eigentlich war es der Moment, in dem ich dachte “Ich lasse es jetzt”, in dem meine Karriere begann, richtig gut zu laufen. Ich bin damit sehr glücklich und weiß das sehr zu schätzen. Ich kann so arbeiten, wie ich es gerne tue, und kann davon leben.

Vielen Dank, Anne!

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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