Baukindergeld: Wem nützt es wirklich?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Jolie Johnson auf Unsplash
Baukindergeld
Es steht fest: Das Baukindergeld kommt noch in diesem Jahr. Es soll junge Familien bei der Finanzierung eines Eigenheims unterstützen. Kritiker sind skeptisch und befürchten einen Anstieg der Immobilienpreise.

Viele Menschen haben ihn: den großen Traum vom Eigenheim. Alle, die ihren Traum leben und sich nicht über Jahrzehnte hoch verschulden oder durchkämpfen möchten, brauchen nicht nur Rücklagen, sondern auch ein sicheres Einkommen. Doch laut Bundesregierung haben es gerade junge Leute mit Kindern schwer, die Bedingungen für einen Neubau oder den Kauf einer Bestandsimmobilie zu erfüllen. Das soll sich jetzt ändern. Auf einer Klausurtagung bestätigte der CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt die Einführung des Baukindergeldes. Das entsprechende Gesetz soll noch vor der Sommerpause beschlossen werden. Zudem wurde auch festgelegt, dass das Baukindergeld rückwirkend zum 1. Januar 2018 gezahlt wird. Wer also Anfang des Jahres begonnen hat zu bauen, darf sich bei Beantragung über eine Rückzahlung freuen.

BAUKINDERGELD: WER BEKOMMT ES?

Doch wer bekommt überhaupt das Baukindergeld? Und um wie viel Geld handelt es sich dabei? Anspruch haben Familien, die das erste Mal bauen oder kaufen. Weiterhin darf das Nettoeinkommen pro Haushalt nicht mehr als 75.000 Euro betragen. Zu diesem Grenzwert kommt ein Freibetrag von 15.000 Euro für jedes Kind. Das Baukindergeld wird genau für zehn Jahre ausgezahlt und beträgt 1.200 Euro pro Jahr und Kind, also 2.400 Euro für zwei Kinder – für fünf Kinder gibt es bereits 6000 Euro pro Jahr. Ob ein Kind volljährig ist oder nicht, spielt übrigens keine Rolle. Der Anspruch besteht, solange es Kindergeld erhält. Wo und ab wann die Anträge künftig gestellt werden können, steht bisher noch nicht fest, dürfte aber in den kommenden Wochen bekannt gegeben werden. Dass vor allem Familien mit mittlerem Einkommen unterstützt werden sollen, dürfte bei vielen gut ankommen. Doch sollte das Baukindergeld nicht der Auslöser sein, sich direkt mit einem Makler in Verbindung zu setzen. Und auch wer sich entschließt, auf das Geld zu warten, könnte eine böse Überraschung erleben.

Wohnsiedlung

BAUKINDERGELD: EXPERTEN ÄUSSERN BEDENKE

Davor warnen Immobilienexperten des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in einem Gutachten. Es gibt mehrere Szenarien, die in Bezug auf das Baukindergeld in den kommenden Monaten und Jahren eintreten können und keinesfalls zu unterschätzen sind. “Angesichts der aktuell hohen Nachfrage bei geringem Baulandangebot werden derartige Förderungen vor allem dazu führen, dass Baulandpreise weiter ansteigen”, heißt es in dem Anfang April veröffentlichten Bericht. Steigen die Baulandpreise, erschwert das wiederum – trotz der Unterstützung durch das Baukindergeld – den Kauf. Da würde die Katze sich also in den Schwanz beißen.

Auch unabhängig vom Baukindergeld sind die Kaufpreise gestiegen. Seit 2012 gab es laut vdpResearch einen Anstieg von 28 Prozent. Dabei gibt es große regionale Unterschiede. Während die Kaufpreise in einigen Landkreisen zurückgehen, sind sie in München, Berlin oder Frankfurt um satte 50 Prozent gestiegen. Eine Entwicklung, die vielen Menschen große Kopfschmerzen bereitet. Um künftige Preisexplosionen einzudämmen, sollte laut IW die Politik dafür sorgen, dass sich nicht allein die Bautätigkeit erhöht, so wie es mit dem Baukindergeld befürchtet wird. Stattdessen muss vor allem an den richtigen Stellen gebaut werden. “In demografisch belasteten Regionen mit relativ konstanter oder auch teilweise rückläufiger Bevölkerung wird häufig zu viel gebaut, weil dort ein Großteil an Bauland zu nicht kostendeckenden Preisen von den Kommunen angeboten wird. Die Kommunen tun dies in der Hoffnung, neue Bürger für ihre Kommune gewinnen zu können. Oftmals gibt es aber keinen überregionalen Zuzug, sondern die Haushalte kommen aus der eigenen Kommune oder Nachbarkommune.” Heißt, noch immer zieht es die Menschen in die Großstädte oder an den Stadtrand. Viele Dörfer und Kleinstädte leiden unter der konstanten Abwanderung. Um das Wohnen dort wieder attraktiver zu machen, locken die Kommunen mit niedrigen Grundstückspreisen, die aber meist nur jene Leute nutzen, die ohnehin schon in der Gegend wohnen. Der große Erfolg blieb also bisher aus. Zudem bevorzugen viele Haushalte in diesen Regionen Neubauten, da sich Wohnwünsche so leichter realisieren lassen, heißt es weiter. Das Resultat könnte also sein: noch mehr leerstehende Immobilien und noch stärker sinkende Preise dort, wo gerade eh kaum Nachfrage ist.

Anders sieht es in vielen Ballungsräumen aus, also in den großen Städten und begehrten Wohnvierteln: “Dort gibt es aufgrund der hohen Nachfrage ein starkes Interesse zu bauen, doch es fehlt an Baugrundstücken.” Das Institut der deutschen Wirtschaft vermutet, dass “einige Marktteilnehmer bewusst Flächen zurückhalten, um künftig zu noch höheren Preisen zu verkaufen.” Makler würden also bewusst auf das Baukindergeld warten, um dann noch mehr Geld pro Quadratmeter verlangen zu können. Allerdings bezieht sich diese Vermutung “nur auf einige angespannte Märkte” und lässt sich bisher nicht belegen.

Außerdem problematisch: Besonders Familien, in denen Vater oder Mutter ein recht niedriges monatliches Gehalt beziehen, sind auf jeden Cent angewiesen. Sie könnten in Schwierigkeiten geraten, sobald das Baukindergeld nach der 10-jährigen Laufzeit wegfällt. Auch die hohen Kosten für die Staatskasse werden bereits diskutiert. Im Bundeshaushalt sind für einen Zeitraum von vier Jahren knapp zwei Milliarden Euro vorgesehen, die durch eine Steuerumverteilung nun beispielsweise nicht mehr im Bildungsbereich landen.

Bestandsimmobilien

BAUKINDERGELD ALS NEUE EIGENHEIMZULAGE

So wirklich neu ist die Idee vom Baukindergeld nicht. Schon zwischen 1996 und 2005 gab es die Eigenheimzulage, die ebenfalls den Bau und Kauf von Häusern und Wohnungen unterstützen sollte. Laut IW gab es damals bereits das Problem, dass diese Art der Unterstützung vor allem Neubauvorhaben in Regionen anregte, in denen es nur wenig Bedarf gab. Zudem waren die Kosten enorm: “Die frühere Kinderzulage im Rahmen der Eigenheimzulage kostete 2006 den Fiskus drei Milliarden Euro”, heißt es in dem Bericht. Seit 2006 wird die Eigenheimzulage nicht mehr gezahlt. Die damalige Bundesregierung gab als Begründung an, dass sich die Wohnsituation zu diesem Zeitpunkt entspannt hatte. Zudem sollten die freiwerdenden Gelder in andere Bereiche fließen.

Vermutlich wird das Baukindergeld vielen jungen Familien auf ihrem Weg zum Eigenheim eine Stütze sein und den Hauskauf generell anregen. Dennoch scheinen die Bedenken der Immobilienexperten des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft berechtigt. Wie sich der Markt entwickelt und welche Szenarien am Ende wirklich eintreten, wird sich allerdings erst zeigen, wenn die ersten Anträge gestellt und genehmigt wurden.Doch auch wenn das Baukindergeld gut ankommt, könnten – wie vom IW vermutet – die Baulandpreise steigen. Die Finanzierung eines Eigenheims könnte dann erneut für Familien mit nur durchschnittlichem Einkommen zu einem Kampf werden. Das Institut der deutschen Wirtschaft macht daher den Vorschlag, “die Förderung in demografisch belasteten Märkten nur für den Kauf einer Bestandsimmobilie zu gewähren”. Mit dieser Maßnahme könnte das Leerstandsproblem gelöst werden. Außerdem müsste sich eigentlich dringend an ganz anderer Stelle etwas ändern: “Vielfach scheitert ein Erwerb heute nicht an den laufenden Kosten aus Zins, Tilgung und Instandsetzung, sondern an dem hohen Kapitalbedarf, bestehend aus Eigenkapital und Erwerbsnebenkosten.”

Aber das ist eine Baustelle, an der leider auch die neue Regierung nicht viel wird ändern können.

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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