Wie Richterin Ruth Bader Ginsburg zum Popstar wurde

Words by Jana Ahrens
Photography: Steve Petteway
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Eine dunkelhaarige, ältere Dame mit Brille und in einer Richterinnen-Robe schaut ernst in die Kamera
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Für viele klingt der Beruf Juristin erst einmal richtig trocken. Doch das täuscht, schließlich lässt sich über die Rechtsprechung richtig viel bewegen. Eine Frau, die das besonders tatkräftig bewiesen hat, ist Ruth Bader Ginsberg – seit 1993 die zweite Frau am Obersten Gerichtshof der USA. Das ZDF zeigt jetzt in der Mediathek eine Dokumentation über das Leben dieser Frau. Der Film ist nicht nur mitreißend, sondern erklärt auch, wie Richterin Bader Ginsberg zu ihrem Spitznamen „The Notorious RBG“ gekommen ist.
 

Fast wirkt es in dieser Dokumentation, als hätte von Anfang an alles genauso laufen sollen für Ruth Bader Ginsberg. Fast könnte man vergessen, wie hart sie um all das, was sie erreicht hat, kämpfen musste. Ihr Weg von einer jungen Frau und Immigrantentochter aus einer jüdischen Arbeiterfamilie in Brooklyn zur zweiten Frau am Obersten Gerichtshof führte über viele Instanzen, die sich zum Zeitpunkt ihres Eintreffens dort noch vollkommen offen gegen die Partizipation von Frauen aussprachen.

Ein Ausschnitt des Jahrgangsfotos der Havard Law School 1956 mit Ruth Bader Ginsberg ganz rechts am Rand.

Nach ihrem hervorragenden Abschluss am Cornell College – damals eine Schule für „höhere Töchter“ – setzte sie sich zum Ziel, die renommierte Harvard Law School zu absolvieren. Sie bekam einen Platz und gehörte zum ersten Jahrgang, in dem überhaupt Frauen an dieser Fakultät zugelassen wurden. Sie war eine von 9 Frauen in ihrem Jahrgang, der über 500 Studierende umfasste. Zur Begrüßung sagte der Dekan zu den Frauen: „Was tun sie hier? Jede von ihnen nimmt einem Mann den Platz weg.“

 

 

Diese verbreitete Einstellung gegenüber der Gleichberechtigung der Geschlechter und Ruth Bader Ginsbergs stetiges Bemühen, diese Logik sachlich, argumentativ und rechtlich zu entkräften, zieht sich bis heute durch ihr Leben. Und auf diesem Weg hat sie während ihrer Karriere als Anwältin und Richterin Erfolge erzielt, mit denen viele nicht gerechnet hätten.

 

Das zeigt die Dokumentation lebhaft. Und legt zugleich Zeugnis ab für die besondere Kraft, die in willensstarken, introvertierten Persönlichkeiten steckt. Ja, introvertiert. Denn so sehr Ruth Bader Ginsberg heute für viele junge Frauen die Rolle einer Superheldin innehat, so wenig ist sie jemand, die sich in den Vordergrund spielen würde.  

Eines der inzwischen sehr beliebten »Notorious RBG« T-Shirts.

Auch den anhaltenden Hype um ihre Person nimmt sie eher gelassen hin und kann ihrer eigenen Repräsentation in Comedy-Shows oder Internet-Memes höchstens ein süffisantes Lächeln abgewinnen. Die Regisseurinnen der Dokumentation fragen die Richterin auch, ob sie eigentlich wisse, was hinter ihrem Spitznamen „The Notorious RBG“ stecke. Geflissentlich antwortet sie, ihr sei klar, dass dies eine Referenz auf die 1997 verstorbene Rap-Legende „Notorious B.I.G.“ sei. Aber obwohl sie einem Freund bereits einmal ein entsprechendes T‑Shirt mit ihrem Konterfei geschenkt hat, kann sie mit diesem Vergleich eigentlich nicht viel anfangen. Umso mehr kann es eine junge Generation von Juristinnen und Aktivistinnen, die Ruth Bader Ginsberg nacheifert. Und damit hat sie letzten Endes noch viel mehr erreicht als die rechtliche Befreiung der Frau: Sie hat viele Generationen von Frauen geprägt, die bereit sind, sich für die Gleichberechtigung einzusetzen.

 

 

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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