Nachhaltig leben: Diese Städte versorgen sich autonom!

Words by Arzu Gül
Photography: Freepik
Lesezeit: 2 Minuten
Mutter und Töchter bei der Ernte - Transition Town

Immer mehr Gemeinden und Städte verwandeln sich in selbstversorgende »Transition Towns« (»Städte im Wandel«): selbsterzeugter Strom, eigenständig angebaute Nahrung, eigene Währungen. Ist dies die Antwort auf den Klimawandel?

Der fortschreitende Klimawandel versetzt inzwischen die ganze Welt in Sorge. Viele Eltern fürchten um die Zukunft ihrer Kinder, junge Menschen gehen auf die Straßen, um die Politik zu einer radikalen Änderung der aktuellen Klimapolitik zu bewegen. Bei vielen wächst die Sorge um Ressourcenknappheit, Umweltkatastrophen und Wirtschaftskrisen, während es gleichzeitig auch immer mehr Klimaleugner gibt, die das alles für Panikmacherei halten und nicht bereit dazu sind, ihre Eigeninteressen hinter dem Gemeinwohl zurücktreten zu lassen. Inmitten einer zwiegespaltenen Gesellschaft finden sich nun immer mehr autonome Dörfer, die das ewige Abwarten satt haben und den Wandel nun selbst in die Hand nehmen. »Transition Towns« nennen sich die postfossilen Gemeinden, die auf geschlossene Energiekreisläufe und eine vollständige Selbstversorgung setzen. 

Pferdekutsche statt Schulbus

Im Osten Frankreichs, unmittelbar an der Grenze zu Baden-Württemberg, liegt ein kleines Dorf, das inzwischen Vorbild für ganz Frankreich ist. 2011 schloss sich die Gemeinde Ungersheim, bestehend aus nur 2.300 Menschen, der »Transition-Town-Bewegung« an, um die Zukunft endlich selbst in die Hand zu nehmen. Noch vor wenigen Jahrzehnten war das Dorf abhängig vom Kalibergbau und der Minenarbeit. Heute besitzt es ein eigenes Solarkraftwerk, das bis zu 10.000 Menschen mit Strom versorgt. Auch hinsichtlich der Ernährung ist die Gemeinde weitestgehend autark: In riesigen Gewächshäusern und Freiflächen arbeiten seit Jahren täglich GärtnerInnen, Freiwillige und SchülerInnen, um Obst und Gemüse in Bio-Qualität zu produzieren. Aus der gewonnenen Ernte werden inzwischen alle umliegenden Schulen mit wertvollen Mahlzeiten versorgt. Zur Schule gelangen die Kinder übrigens nicht mehr wie früher mit dem Schulbus, sondern mit einer Pferdekutsche. 2013 führte das Dorf sogar eine eigene Währung ein, den »Radis« (zu Deutsch: »Rettich«), um für die BewohnerInnen einen Anreiz zu schaffen, ihr Geld in lokale Angebote zu investieren. Denn viele lokale Restaurants und Läden bieten einen Rabatt von bis zu 30 Prozent an, sobald KundInnen mit dem Radis bezahlen.

Der Schulbus in Ungersheim wurde vor ein paar Jahren durch eine Pferdekutsche ersetzt

Die Geschichte von Ungersheim ist faszinierend und für Menschen aus Großstädten kaum nachvollziehbar. Wie lebt es sich in einer Gesellschaft, die in vollkommener Balance mit der Natur lebt? Wie funktioniert eine Wirtschaft, in der die Bedürfnisse aller Menschen fair und gerecht erfüllt werden? Das Elsass-Dorf ist ein tolles Vorbild, aber glücklicherweise auch kein Einzelfall. Inzwischen gibt es weltweit über 1000 unterschiedliche Initiativen – von organisierten Gruppen über Transition-Häuser und –Vereinigungen bis hin zu ganzen Dörfern. Das Ziel ist es, Stück für Stück eine nachhaltige Zukunft zu erschaffen, Aufklärung zu leisten und alternative Lebensmodelle aufzuzeigen sowie gemeinsam weiterzuentwickeln. 

Die erbauten Solaranlagen in Ungersheim versorgen inzwischen 10.000 Menschen mit Strom

Ein Dozent verändert die Welt

Initiiert wurde die Bewegung bereits 2006 von Robert »Rob« Hopkins, einem britischen Dozenten und Umweltaktivisten. Damals unterrichtete er am Kinsale College of Further Education in Irland im Studiengang »Permakulturen«, der sich mit dem Aufbau von nachhaltiger Landwirtschaft und Ökosystemen befasste. Doch für Hopkins war es nicht genug, seinen StudentInnen einfach nur von der Theorie zu erzählen. Er wollte aktiv werden und den Wandel mitgestalten. Deshalb initiierte er sein erstes Transition-Projekt, das er gemeinsam mit seinen KursteilnehmerInnen umsetzte. Schon bald konnte die Stadt Kinsale ihren Energieverbrauch drastisch senken und begann, sich selbst zu versorgen. Die erste »Stadt im Wandel« war geboren. Schnell folgten umliegende Dörfer und Städte dem Vorbild von Kinsale, schließlich breitete sich die Bewegung in die ganze Welt aus.

In Deutschland gibt es heute 35 Initiativen, die sich vor allem der Aufklärung und dem Austausch widmen. Als Transition-Town bezeichnen sich die Städte Hannover und Neuss. Hier finden seit vielen Jahren diverse Workshops und Aktionen statt. Auch wurden Grünflächen und Gewächshäuser angelegt, um Nahrungsmittel für die BewohnerInnen zu erzeugen. In Zusammenarbeit mit regionalen Bauern soll zudem die Lebensmittelverschwendung minimiert werden. 

Wer sich in einer bestehenden Transition-Organisation engagieren möchte, kann unter folgendem Link nach Initiativen in der Nähe suchen: transitioninitiative.org/search-initiatives

Auch der Aufbau eigener Transition-Projekte ist möglich. Informationsmaterial und Hilfestellungen erhalten Interessierte unter: transition-initiativen.org

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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