Per App gegen Lebensmittelverschwendung

Words by Arzu Gül
Photography: Les Kaner
Lesezeit: 3 Minuten
Mette Lykke - Too Good To Go App

Jedes Jahr werfen die Deutschen 75 Kilogramm Lebensmittel weg – die App »Too Good To Go« wirkt diesem Trend nun entgegen: Wie wir künftig Geld sparen und Lebensmittel vor der Tonne retten können.

Lebensmittelverschwendung ist ein Problem. Ein großes Problem. Weltweit landen jährlich 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Müll. Das macht etwa ein Drittel der gesamten Lebensmittel aus. Stellt euch vor: Ihr kommt mit dem teuren Wocheneinkauf vom Supermarkt nach Hause, nehmt ein Drittel der Produkte aus der Tüte und schmeißt diese direkt wieder in den Abfall. Eine absurd anmutende Vorstellung, bei der unweigerlich Unverständnis und Ärger aufkommt. Nicht nur, weil das eine massive Geldverschwendung für jede*n Einzelne*n ist, sondern vor allem, weil in vielen anderen Teilen der Erde Menschen, insbesondere Kinder, noch immer hungern müssen.

Deutschland: 75 kg Lebensmittel landen pro Jahr im Müll!

Das Problem: Als VerbraucherInnen erwarten wir, dass wir sämtliche Lebensmittel jederzeit frisch, unversehrt und im Überfluss vorfinden. Wir haben das Bewusstsein dafür verloren, welche Produktionsketten und welcher Energieverbrauch eigentlich hinter jedem Stück Obst und Gemüse stecken, und sind nicht einmal mehr gewillt, Produkte zu kaufen, die optisch vielleicht nicht mehr so ansprechend aussehen, aber ansonsten noch völlig in Ordnung wären. Allein in Deutschland werden pro Kopf jährlich 75 Kilogramm Lebensmittel weggeworfen – zwei Drittel davon wären vermeidbar. Zu Lebensmittelverschwendung kommt es aber nicht nur im privaten Bereich oder in Supermärkten – hinzu kommen auch Lebensmittelverluste aus der Landwirtschaft, durch Transportschäden oder aufgrund der unkalkulierbaren Nachfrage in der Gastronomie.

Was viele dabei vergessen: Lebensmittelverschwendung ist nicht nur deshalb ein Problem, weil sie dem eigenen Geldbeutel schadet oder weil es aus ethischen Gründen nicht vertretbar ist, Nahrung wegzuschmeißen, während andere Menschen hungern. Lebensmittelverschwendung hat auch immense Auswirkungen auf die Umwelt. Für die Produktion und den Transport der Nahrung werden Unmengen von Wasser, Anbauflächen und Arbeitskräften benötigt. Pro Kilo nicht verzehrten Brots werden beispielsweise rund 1000 Liter Wasser verschwendet! Wem also das Klima und der Umweltschutz am Herzen liegen, kommt auch um das Thema Lebensmittelverschwendung nicht herum, ist diese doch für 8 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Die Gesellschaft erwartet heutzutage permanente Verfügbarkeit von Lebensmitteln - doch nur ein Bruchteil wird verzehrt

Wie können wir der immensen Verschwendung entgegenwirken?

Im privaten Bereich landen Lebensmittel meist aufgrund unzureichender Planung im Müll. Man kauft einfach ein, ohne vorher zu überlegen, wie viel Nahrungsmittel man wirklich benötigt – und meist kauft man dann zu viel. Da viele Produkte nur kurz haltbar sind, müssen sie häufig bereits nach wenigen Tagen wieder entsorgt werden, sofern man es nicht geschafft hat, sie rechtzeitig zu verzehren oder zu verarbeiten. Aus diesem Grund kann die richtige Planung von Einkäufen und Speiseplan bereits viel bewirken.

Auch hilft es, sich zu informieren, wie unterschiedliche Lebensmittel richtig gelagert werden können, um deren Haltbarkeit zu verlängern. Tropische Früchte beispielsweise sollten nicht in den Kühlschrank gelegt werden. Im Kühlschrank selbst gibt es außerdem verschiedene Fächer mit unterschiedlichen Temperaturzonen für Gemüse, Fisch und Fleisch oder Milchprodukte. Das Befolgen der Lagerungsempfehlungen kann dabei helfen, das Haltbarkeitsdatum zu verlängern und diese Lebensmittel vor dem Abfall zu retten.

Inzwischen gibt es auch verschiedene soziale Projekte, Webseiten und Apps, die gemeinsam mit GastwirtInnen und Supermärkten versuchen, Lebensmittel vor der Tonne zu bewahren. Eines dieser Projekte ist die Smartphone-App »Too Good To Go«, bereits 2015 von fünf dänischen Unternehmern ins Leben gerufen mit der Vision, eine Welt ohne Verschwendung zu etablieren. Seit 2017 leitet die Unternehmerin Mette Lykke das Unternehmen und die inzwischen 500 MitarbeiterInnen.

Kurz per App reserviert und schon lässt sich das überproduzierte Essen aus dem Restaurant abholen

»Too Good To Go« – So kannst du Mahlzeiten retten und Geld sparen

Die App funktioniert denkbar einfach: GastronomInnen und Supermärkte registrieren sich im Netzwerk und geben täglich an, wie viele Portionen Essen sie übrig haben. Lebensmittel-EnthusiastInnen können dann über die GPS-Ortung ihres Handys nachschauen, wo sie in ihrer Nähe eine Portion reservieren und diese kurz vor Ladenschluss abholen können. Der Vorteil: Die Portion kostet meist nur einen Bruchteil von dem, was normalerweise für das Essen anfällt. So kann man beispielsweise für drei Euro eine ganze Kiste Obst und Gemüse oder eine Wochenration Backwaren ergattern.

Auch bereits zubereitete Gerichte und warme Speisen, etwa für das Mittag- oder Abendessen, können über die App direkt eingekauft und anschließend abgeholt werden. Hier ist aber ein wenig Flexibilität gefragt. Meistens gibt es von den teilnehmenden Restaurants eine »Wundertüte«, deren Inhalt im Vorfeld nicht bekannt ist. Denn im Tagesgeschäft ist nur schwer absehbar, welches Gericht ausverkauft sein wird und welches übrig bleibt. Wer aber auf keine Unverträglichkeiten oder speziellen Ernährungsweisen Rücksicht nehmen muss, dürfte damit kein Problem haben.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Man spart nicht nur sehr viel Geld und muss weniger selbst kochen, sondern kann auch noch Gutes tun und die Verschwendung von wertvollen Lebensmitteln verhindern. Heute ist die App in 13 europäischen Ländern verfügbar. In Deutschland arbeitet »Too Good To Go« mit über 4000 Partnern zusammen und bietet damit ein vielfältiges Angebot für die über 2 Millionen angemeldeten NutzerInnen.

Natürlich ist die App nichts für jeden Tag. Gerade wer eine Familie ernähren muss, kann sich nicht an die späten Abholzeiten oder begrenzt verfügbaren Portionen halten. Wer aber im Alltag flexibel ist oder nur für sich selbst kocht, kann mit dieser App einiges an Geld sparen und viele Lebensmittel vor dem Abfall retten.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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