Radikale Transparenz: Modelabels zeigen Kosten & Margen

Words by Arzu Gül
Photography: Nicole Wolf via Unsplash
Lesezeit: 3 Minuten
Transparenz in der Mode - Frau sitzt mit Laptop im Cafe

Einzelne nachhaltige Labels legen inzwischen ihre vollständige Produktionskette und die dazugehörigen Kosten offen. Damit setzen sie neue Maßstäbe für die gesamte Branche. Die neue Transparenz in der Mode.

 

Mit der Debatte um den Klimawandel wird der Druck der Gesellschaft auf die Modeindustrie immer größer. Unterschiedliche Studien offenbaren die Schattenseiten der Textilherstellung. So gehört die Modebranche zu den weltweit größten Schuldträgern des Klimawandels und verursacht mit 1,2 Milliarden Tonnen jährlich einen höheren CO2-Ausstoß als alle internationalen Flüge und Kreuzfahrten zusammen. 

Hinzu kommen ein immenser Wasserverbrauch, die Verschwendung etlicher Ressourcen und die Verwendung von Mikroplastik, welches bei jedem bestimmter Kleidungsstücke ins Wasser und damit in die Meere und Ozeane gelangt. Doch nicht nur die Umwelt wird durch den Fast-Fashion-Kreislauf zerstört, auch Menschen in Anbau- und Verarbeitungsländern leiden unter unwürdigen Arbeitsbedingungen, Löhnen unter dem Existenzminimum und gesundheitsschädlichen Chemikalien, welchen sie sehr häufig ohne angemessene Schutzmaßnahmen ausgesetzt sind.

Produktionsbedingungen werden oft verschleiert

Diese Missstände führen unter anderem dazu, dass sich immer mehr nachhaltige Marken der Mission annehmen, die Modeindustrie zu revolutionieren. Auf der Berlin Fashion Week Mitte Januar 2020 war das Hauptthema auf allen Messen und Events, wie Marken zukünftig umwelt‑ und ressourcenschonende Methoden einsetzen können, um Mutter Natur zu schützen. Tatsächlich steigt die Nachfrage nach Alternativen auch seitens der KonsumentInnen, und immer mehr Modemarken produzieren unter ökologischen und fairen Bedingungen.

Was aber selbst bei nachhaltigen Labels noch fehlt, ist die Nachvollziehbarkeit der Produktionsbedingungen und Lieferwege. Öko-Zertifikate wie der Grüne Knopf stehen in der Kritik, nur die Weiterverarbeitung der Produkte zu bewerten, nicht aber die Erzeugung der Rohstoffe. In diesem ersten Produktionsschritt können aber bereits umweltschädliche Strukturen vorherrschen, die für die EndkonsumentInnen verschleiert bleiben. Auch die Verpflichtung, ArbeitnehmerInnen mit Mindestlöhnen zu entlohnen, stelle nicht sicher, dass diese Löhne in den Produktionsländern tatsächlich existenzsichernd seien.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Ein Beitrag geteilt von Monda Magazin (@mondamagazin) am

Neue Mode-Marken machen komplette Kostenstruktur öffentlich

Die Gegenbewegung besteht aus neuen innovativen Modelabels, die sich ganz der Nachhaltigkeit verschrieben haben. »HUND HUND« ist eine solche Marke – sie wurde 2016 von Rohan Michael und Isabel Kücke als Online-Brand aufgezogen. Die beiden gehören zu den Ersten, die ihre Preisstrukturen durch eine radikale Transparenz für alle Außenstehenden öffentlich zugänglich machen. Im Online-Shop von »HUND HUND« kann im Informationsfeld vieler Kleidungsstücke nachvollzogen werden, wo das Produkt hergestellt wurde, aus welchen Materialien es besteht und wie viele Kosten die Marke u. a. für Stoff, Stickerei, Fotoshooting und Marketing ausgegeben hat. Damit wird gleichzeitig auch die Marge ganz transparent kommuniziert. So liegt diese bei »HUND HUND« bei einem Faktor von 2, d. h. ein für 50 Euro produziertes Kleidungsstück wird etwa für 100 Euro verkauft. Bei großen Retailern kann dieser Wert schnell bei einem Faktor von 3-4 liegen, bei Luxusmarken sogar noch höher. 

Das Hamburger Label »Jan »N June« geht sogar noch einen Schritt weiter: Für jedes seiner Kleidungsstücke wurde eine Art ökologischer Personalausweis kreiert, welcher mithilfe eines QR-Codes am Hangtag über das Smartphone abgerufen werden kann. So können KundInnen vor dem Kauf einen genauen Einblick in die Herkunft sämtlicher Rohstoffe, die Lieferketten und die Zusammensetzung des Artikels erhalten, bis hin zum Namen der Näherin, die das jeweilige Stück gefertigt hat. Auf der Webseite informieren die beiden Gründerinnen außerdem über die Verwendung von recycelten Fischernetzen, PET-Flaschen und Bio-Baumwolle sowie über die unterschiedlichen Öko-Zertifizierungen, die sie natürlich erfüllen.

Auch das brandneue Label »Attire – The Studio« von Fashion-Influencerin Xenia Adonts setzt auf die neue radikale Transparenz. Xenia Adonts hatte zuvor verschiedene Angebote für gemeinsame Kollektionen mit namhaften Retailern abgelehnt – aufgrund fehlender Transparenz. Stattdessen startete sie Ende 2019 ihre eigene nachhaltige Modemarke. Für sie ist nicht nur die Auswahl der Zwischenhändler, sondern auch die Herkunft der Ressourcen wichtig. Xenia möchte sicherstellen, dass alle beteiligten Menschen in der Produktionskette unter fairen Bedingungen arbeiten. Hierfür stattete sie allen Manufakturen vor der Auftragsvergabe und Produktion einen persönlichen Besuch ab. Das Ziel von »Attire« ist CO2-Neutralität. Deshalb verzichtet die Marke auch vollständig auf die Verwendung von Plastik, Polyester und Mischgeweben. Und auch in Bezug auf die Kosten gibt es keine Geheimhaltung. Im Online-Shop wird die Preisgestaltung nachvollziehbar ausgewiesen. Neben den Material‑ und Arbeitskosten und dem Transport ist auch hier die Gewinnmarge offen dargelegt. Bei »Attire« liegt sie, ähnlich wie bei »HUND HUND«, bei einem Faktor von 2,5 und damit weit unter den Margen anderer Brands im qualitativ hochwertigen Segment.

Große Marken ziehen langsam mit

Diese neue Ehrlichkeit und Transparenz den KonsumentInnen gegenüber scheint aufzugehen. Obwohl die Preise der drei Labels nicht mit denen von Billigherstellern vergleichbar sind, sind viele Teile dennoch regelmäßig ausverkauft. Die Nachfrage nach neuen Produkten und Kollektionen steigt, und die KundInnen belohnen die offenen und fairen Strukturen mit Loyalität und einem regen Interesse. Das scheinen auch große Brands zu spüren. Im Fashion Transparency Index 2019, einer Studie, in der über 200 der größten globalen Fashion-Brands nach ihrem Grad der Offenlegung von sozial- und umweltpolitischen Strukturen bewertet werden, ist eine positive Tendenz erkennbar. Haben 2017 nur 32 Prozent der Marken Informationen über ihre direkten Hersteller offengelegt, sind es 2019 schon über 70 Marken. Etwa 55 Prozent der 200 gelisteten Brands veröffentlichen außerdem einen Bericht über ihren CO2-Fußabdruck und zeigen gleichzeitig Bemühungen, diesen in Zukunft zu verringern.

Es wird deutlich: Der Druck von außen wird immer größer, und das Vertrauen in die Modeindustrie ist getrübt. Wenn Modemarken zukünftig ihre KundInnen ernst nehmen und die Produktionsabläufe transparent und nachvollziehbar darlegen, könnte dies dabei helfen, das brüchige Vertrauen wieder aufzubauen. 

Dazu Passend

Fair Fashion: Neue nachhaltige Labels, die du lieben wirst

Fair Fashion ist voll im Trend: Wir stellen 5 nachhaltige Labels vor, die tolle Kleidung unter fairen Bedingungen herstellen!

Share:

Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

Kommentieren