Insekten essen: Nachhaltig, gesund und ethisch vertretbar?

Words by Arzu Gül
Photography: Freepik
Lesezeit: 4 Minuten
Frittierte Maden - Insekten essen

Heuschrecken, Würmer, Maden: Immer mehr Supermärkte bieten in Deutschland Nahrungsmittel auf Insektenbasis an. Doch wie gesund und nachhaltig sind die Krabbeltierchen wirklich? 

Wie wäre es heute Abend mal mit gebratenen Heuschrecken? Oder einem Burger aus Buffalo-Würmern? Diese Fragen dürften bei den meisten eher angeekeltes Entsetzen als Appetit hervorrufen. In Deutschland stellen Nahrungsmittel aus Insekten noch immer eine Seltenheit dar, obwohl die Kleintiere in vielen Ländern der Welt bereits seit Jahrzehnten auf den täglichen Speiseplan gehören. Verständlich, denn Insekten liefern nicht nur viele Eiweiße und Mineralien, sondern sind auch in der Herstellung weitaus klimafreundlicher als die herkömmliche Fleischproduktion. Doch hinter dem hierzulande neuen »Food-Trend« steckt noch ein weitaus ernsterer Gedanke, denn Insekten sollen als alternative Eiweißquelle irgendwann dem Hunger auf der Welt ein Ende bereiten. Was steckt dahinter?

 

Nur hierzulande sind Insekten eine Neuheit

In Asien, Lateinamerika und Afrika stellt der Verzehr von Insekten nichts Besonderes mehr dar. Bei weltweit schätzungsweise zwei Milliarden Menschen kommen die Tierchen regelmäßig auf den Tisch. Etwa 2.000 Arten gelten als essbar, darunter Käfer, Raupen, Ameisen, Grillen und Heuschrecken. In Europa ist der Verkauf von Nahrungsmitteln aus Insekten erst seit Anfang 2018 reglementiert und erlaubt. Inzwischen gibt es aber immer mehr Restaurants und Supermärkte, die Produkte wie Nudeln oder Burger auf Insektenbasis mit in ihr Sortiment aufnehmen. Doch während andere Kleintiere wie Garnelen, Krabben oder Austern hierzulande als Delikatesse gelten, sträuben sich noch viele Menschen davor, Würmer, Grillen oder Maden zu essen – ein klassischer Fall von Argwohn gegenüber dem Unbekannten.

In vielen Teilen der Welt gehören Insekten schon lange auf den Ernährungsplan

Niemals Tiere aus dem Garten essen!

Laut Verbraucherzentrale beziehen deutsche Anbieter ihre Insekten von großen Zuchtanlagen aus den Niederlanden, Frankreich, Kanada oder Thailand. Bei der Herstellung gelten dabei bislang die allgemeinen Anforderungen für Futtermittel, also die gleichen wie beispielsweise auch für Soja oder Reiskleie.

Wichtig ist es daher, nur Insekten zu essen, die auch für den menschlichen Verzehr gezüchtet wurden. Es wird dringend davon abgeraten, Insekten aus dem Zoo-Fachhandel oder gar aus dem heimischen Garten zu essen. Da die Innereien vor dem Verzehr nicht ausgenommen und Insekten im Ganzen gegessen werden, wird bei der Zucht sichergestellt, dass der Darm des Tieres zum Zeitpunkt der Tötung leer ist. In geschlossenen Zuchtstationen ist das Vorkommen von Parasiten und Viren sehr unwahrscheinlich und die Tierchen werden (laut Angaben der europäischen Hersteller) nicht mit Pestiziden oder Chemikalien behandelt. Bei Arten aus freier Wildbahn sind all diese Faktoren nicht gegeben, das heißt, die Tierchen könnten im schlimmsten Fall Giftstoffe oder Krankheitserreger auf den Menschen übertragen.

Wie bei allen proteinhaltigen Lebensmitteln besteht aber auch bei Insekten die Gefahr von Allergien. Insbesondere bei Menschen, die bereits eine Allergie gegen Hausstaubmilben oder Schalen- und Krustentiere haben, könnte beim Verzehr von Insekten ebenfalls eine unerwünschte Reaktion hervorgerufen werden. Laut der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) sei das Risiko, allergisch auf Insekten zu reagieren, eher gering, jedoch nicht ausgeschlossen.

Die ökologischen Vorteile gegenüber der Viehzucht

Herstellung und Konsum von Insekten bringen viele Vorteile mit sich – so viele, dass man ihnen sogar das Potenzial zuspricht, sich zukünftig zu einem Grundnahrungsmittel zu entwickeln. Zunächst einmal haben Insekten eine hervorragende Nährstoffbilanz: Sie enthalten viel hochwertiges Protein (Eiweiß), ungesättigte Fettsäuren und Vitamine wie B2 und B12. Vergleicht man die Nährwerte mit anderen Lebensmitteln, können einige Insektenarten sogar problemlos mit Milch, Rindfleisch oder bestimmten Fischarten mithalten. Je nach Insektenart und Form der Fütterung können die einzelnen Werte zwar variieren, doch die Proteinzusammensetzung entspricht den Empfehlungen der WHO für eine gesunde Ernährung.

Insekten, die zu Lebensmitteln verarbeitet werden, stammen hierzulande ausschließlich aus Zuchtanlagen. Es werden somit keine Wildtiere gefangen, was zum ökologisch bedenklichen Insektensterben beitragen könnte. Gleichzeitig benötigen die Tiere in der Haltung kaum Platz, nur wenig Wasser und Futter – und noch dazu vermehren sie sich rasant. Zum Vergleich: Um ein Kilogramm essbares Fleisch aufzubauen, benötigt ein Rind laut dem Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung rund acht Kilogramm Futter, ein Schwein etwa fünf, Insekten hingegen durchschnittlich nur zwei Kilogramm. Auch der Wasserverbrauch und die CO2-Emissionen fallen im Vergleich zur traditionellen Viehzucht sehr gering aus, was Insekten zu einem weitaus nachhaltigeren Lebensmittel macht als Fleisch.

Fehlende Transparenz und ethische Bedenklichkeit

Trotz der vielen Vorteile bedarf es noch weiterer Untersuchungen und Studien zur tatsächlichen Nachhaltigkeit der Insektenzucht. In Deutschland gibt es noch keine eigene Bio-Zertifizierung für Insekten. Verfügbare Bio-Produkte stammen aktuell aus kanadischen Zuchtstationen, deren Bio-Standards für VerbraucherInnen aber kaum nachvollziehbar sind. Bisher fehlen offizielle Angaben und Vorgaben hinsichtlich der Haltung und des verfügbaren Platzes für die Tiere, der zugelassenen Futtermittel oder des Einsatzes von Medikamenten.

Hinzu kommt, dass auch Insekten Lebewesen sind, die eine würdige Haltung und Tötung verdienen. Über das Schmerzempfinden der Tiere ist aber bisher nur wenig bekannt. Die Nichtregierungsorganisation »ProVeg e. V.«, die sich für eine Welt einsetzt, in der sich alle für Essen entscheiden, das gut für alle Menschen und Tiere ist, lehnt den Konsum von Insekten oder Lebensmitteln auf Insektenbasis daher ab.

Fragwürdig ist zudem auch der Import der Tiere aus asiatischen Ländern, beispielsweise aus Thailand. Sollte die Nachfrage in Europa rasant ansteigen, könnten die Exportpreise schnell steigen, sodass sich die einheimische Bevölkerung Insekten als Grundnahrungsmittel bald nicht mehr leisten könnte. Eine fatale Entwicklung, die dem eigentlichen Sinn, eine alternative Nahrungsquelle für die Menschen vieler Länder darzustellen, entgegensteht.

 

Könnten Insekten den Welthunger beenden?

Laut der Deutschen Welthungerhilfe e. V. gibt es aktuell 690 Millionen hungernde Menschen, rund zwei Milliarden leiden an Mangelernährung. Mithilfe von Nahrungsmitteln auf Insektenbasis könnten zukünftig weite Teile der Weltbevölkerung mit Nahrung versorgt werden, heißt es vielfach in der Presse und aus ExpertInnenkreisen. Da Insekten in der Herstellung weitaus kostengünstiger seien und gleichzeitig so viele wertvolle Nährstoffe enthielten, seien sie die perfekte Lösung, um den anhaltenden Hunger auf der Welt zu bekämpfen und den Anforderungen einer stetig wachsenden Weltbevölkerung Herr zu werden.

Doch Aussagen dieser Art unterschlagen die wichtige Information, dass im Grunde schon jetzt genug Nahrung für alle verfügbar ist. Denn der Grund für die hohe Anzahl hungernder Menschen ist nicht etwa die mangelnde Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, sondern schlichtweg die Armut dieser Menschen, denen das Geld fehlt, um sich Nahrung kaufen zu können. Hinzu kommen Kriege, Konflikte, Naturkatastrophen und ein verzerrter und ungerechter Welthandel, der besonders in Dritte-Welt-Ländern die Situation der Menschen verschärft und die Ernährungssicherung unmöglich macht.

So schön der Gedanke also auch sein mag – solange in den betroffenen Ländern derlei Missstände und strukturelle Ungleichheiten andauern, können Insekten noch so vorteilhaft und reich an Nährstoffen sein, am bestehenden Welthunger werden sie nichts ändern können – Insekten-Burger hin, gebratene Heuschrecken her.

Für Menschen jedoch, die darüber nachdenken, ihren Fleischkonsum zu reduzieren und im Alltag nachhaltiger zu leben, könnten die neuen Produkte definitiv eine gesunde, spannende und vielleicht ja sogar überraschend leckere Alternative zu Steak, Schnitzel, Burger & Co. darstellen.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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