Fleisch aus dem Labor – essen wir bald In-Vitro-Burger?

Words by Arzu Gül
Photography: Mosa Meat
Lesezeit: 3 Minuten
Szabo Viktor via Unsplash

Fleisch aus dem Labor, ganz ohne Leid für Tiere und Umwelt – daran arbeiten diverse Forschungsteams weltweit. Doch wie entsteht In-Vitro-Fleisch und hat es wirklich so viele Vorteile?  

Mit der Diskussion um den Klimawandel ist in den letzten Jahren auch immer wieder der immense Fleischkonsum der Menschen in den Vordergrund gerückt. Der Vorwurf: Der Fleischkonsum zerstört unsere Umwelt. Laut des Sonderberichts über Klimawandel und Landsysteme des Weltklimarats IPPC sind die Land- und Forstwirtschaft sowie weitere Formen der Landnutzung für über 23 Prozent der gesamten Netto-Treibhausgasemissionen verantwortlich. Die Folgen: Veränderungen des Klimas, Erderwärmung, ein höheres Risiko für Wetterextreme sowie eine starke Belastung der Landsysteme, die wiederum die biologische Vielfalt sowie die Gesundheit von Menschen und Ökosystemen in Gefahr bringt. Zu diesen fatalen Ergebnissen kamen die insgesamt 107 Wissenschaftler, die über drei Jahre mehr als 7.000 Studien ausgewertet haben.

Deutsche essen 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr!

Doch der Fleischkonsum hat noch mehr Schattenseiten. Viele Menschen lehnen inzwischen Fleisch oder andere tierische Produkte, wie Milch und Eier, aus ethischen Gründen ab. Denn um die Mengen an Nahrungsmittel zu produzieren, die täglich konsumiert werden, kam die Landwirtschaft bisher nicht um Massentierhaltung herum. In Deutschland verzehren die Menschen durchschnittlich ca. 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Im Vergleich zu den 1950er-Jahren hat sich der Konsum somit verdoppelt. Verglichen mit dem weltweiten Durchschnitt ist die Nachfrage in Deutschland sogar besonders hoch. Laut einer Hochrechnung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) lag der weltweite Pro-Kopf-Verbrauch 2013 weltweit bei durchschnittlich 42,5 Kilogramm pro Jahr. 

Um diese Mengen an Fleisch zu produzieren, werden Tiere in nicht artgerechten Käfigen und Massenställen gehalten, erkranken häufig und leiden ihr gesamtes Leben lang. Viele Menschen schränken deshalb ihren Fleischkonsum inzwischen ein und setzen auf eine pflanzenbasierte Ernährung. Und auch die Industrie sucht nach möglichen Auswegen aus der industrialisierten Tierhaltung. Ein Lösungsansatz lautet dabei »In-Vitro-Fleisch« – echtes Fleisch aus dem Reagenzglas.

Der Gründer von Mosa-Meat, Professor Mark Post, präsentiert In-Vitro-Fleisch. Bald soll es das Labor-Fleisch im Supermarkt zu kaufen geben.

Erster In-Vitro-Burger kostete 250.000 Euro

Bereits 2013 präsentierte der niederländische Pharmakologe Mark Post einen Hamburger aus künstlich erzeugtem Rindfleisch. Dieses stammte nicht von einem echten Tier, sondern wurde mittels eines Laborverfahrens herangezüchtet. Dazu wurden Stammzellen von einem Rind entnommen und mit einer Nährlösung aus u. a. Zucker, Mineralien und Sauerstoff zusammengebracht. In einem Bioreaktor wuchsen die Zellen schließlich zu Muskel-, Fett- und anderem Gewebe heran. 

Damals steckte die Forschung noch in den Kinderschuhen und war dementsprechend teuer. Ein Burger aus In-Vitro-Fleisch hätte umgerechnet etwa 250.000 Euro gekostet. Eine Summe, die wohl niemand auf der Welt für ein Stück Fleisch ausgeben würde. Doch die Idee von Mark Post erregte die Aufmerksamkeit namhafter Investoren wie z. B. Google-Mitgründer Sergey Brin, die eine Menge Geld für die weitere Forschung bereitstellten. Mark Post gründete sein Start-up »Mosa Meat« und optimierte in den darauffolgenden Jahren gemeinsam mit seinem Forschungsteam die Herstellungsverfahren. Würde die Produktion hochgefahren, lägen die Produktionskosten heute schon bei nur noch neun Euro pro Burger. In wenigen Jahren möchte das Unternehmen das Produkt in Supermärkten verkaufen.

Könnten wir bald Fleisch zu Hause selbst herstellen?

Dieses Ziel haben sich inzwischen auch andere Start-ups auf die Fahne geschrieben. Das israelische Unternehmen »Supermeat« arbeitet ebenfalls mit Hochdruck an der Entwicklung von künstlich erzeugtem Fleisch. Das Start-up geht sogar noch einen Schritt weiter und versucht ein Verfahren zu entwickeln, das es VerbraucherInnen ermöglichen soll, zu Hause ihr eigenes Fleisch herzustellen. Gelingt dies, wäre es künftig möglich, nur so viel zu produzieren, wie auch wirklich konsumiert wird. So ließen sich Lebensmittelverschwendungen minimieren.

Doch ist das Fleisch aus dem Labor wirklich gesünder und besser für die Umwelt? Die BefürworterInnen von Laborfleisch, das auch »Clean Meat« (zu Deutsch: »Sauberes Fleisch«) genannt wird, betonen, dass für die Produktion 99 Prozent weniger Land und ca. 90 Prozent weniger Wasser verbraucht würde. Sollten diese Zahlen stimmen, wären die positiven Auswirkungen auf das Klima immens. Doch bislang gibt es noch nicht viele Studien zu den Umweltauswirkungen von kultiviertem Fleisch, zudem basieren diese aktuell lediglich auf Annahmen.

Auf den ersten Blick ist beim In-Vitro-Fleisch kein Unterschied zum herkömmlichen Burger-Patty zu erkennen

Scharfe Kritik: Kälberserum wird aus Fötus entnommen

KritikerInnen halten dagegen, dass für die künstliche Züchtung von Fleisch zwar kein Tierfutter und deutlich weniger Wasser benötigt würde als für die konventionelle Fleischproduktion, dafür aber weitaus mehr Energie. Es ist fraglich, woher diese Energie bezogen würde, falls die Produktion tatsächlich hochgefahren werden sollte. Sofern sie nicht aus nachhaltigen Quellen stamme, stünde die Industrie gleich vor dem nächsten Problem. 

Auch sei das In-Vitro-Fleisch nicht ganz tierleidfrei. Bisher wurde für die Herstellung des Fleisches ein Wachstumsserum eingesetzt, das von Kälbern im Mutterleib entnommen wurde. Das »Kälberserum« ist umstritten, weil es nach der Schlachtung einer tragenden Kuh aus dem noch schlagenden Herzen eines ungeborenen Kälberfötus entnommen wird, das im Anschluss an den Eingriff stirbt. Die unterschiedlichen Start-ups sind sich dieser Grausamkeit bewusst und arbeiten nach eigenen Angaben bereits an Lösungen, um das Serum durch eine Alternative zu ersetzen. Dennoch: Von »Clean Meat« kann bisher also noch nicht die Rede sein.

Ob und wann das Laborfleisch in Deutschland den Weg in den Supermarkt findet, ist bisher unklar. Der Bundestag hat zwar bereits mehrere Ausarbeitungen zu der Thematik vorgelegt, jedoch gibt es bisher noch keine entsprechende Entscheidung. Sollten die Unternehmen eine Zulassung zur Produktion und Verbreitung erhalten, könnte das künstliche Fleisch jedoch schon bald auf unseren Tellern landen.  

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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