CO2-Kompensation & Klimaneutralität: Der Wolf im Schafspelz?

Words by Arzu Gül
Photography: Krzysztof Kowalik auf Unsplash
Lesezeit: 3 Minuten
CO2-neutral Reisen: Ist das überhaupt möglich?

Immer mehr Fluggesellschaften bieten die Möglichkeit, für einen kleinen Aufpreis klimaschädliche Emissionen zu kompensieren und CO2-neutral zu fliegen. Doch ist das überhaupt möglich? Und was steckt dahinter?

Im Zuge der Debatte um den Klimawandel sind besonders Fluggesellschaften und Transportunternehmen vielen Vorwürfen ausgesetzt. Die Nutzung von Brennstoffen und Freisetzung von Treibhausgasen tragen natürlich signifikant dazu bei, dass sich Erdatmosphäre und Planetenoberfläche immer mehr erwärmen, Lebensräume schwinden und auch Naturkatastrophen werden immer wahrscheinlicher.

Als Folge dessen versuchen immer mehr Logistik- und Transportunternehmen, den VerbraucherInnen Kompensationsmöglichkeiten für die Inanspruchnahme ihrer Leistungen und Produkte anzubieten. Doch ist die CO2-Kompensation wirklich sinnvoll und wirksam? Oder dient sie eher der Gewissensberuhigung und soll in Wahrheit nur die weitere Nutzung der Dienstleistungen und Produkte sicherstellen?

Immer mehr Anbieter bieten Kompensationen an

Flüge, Busreisen oder der nächste Urlaub: Mit der Zahlung eines kleinen Aufpreises sollen diese Aktivitäten gänzlich klimaneutral werden. Hierfür gibt es Anbieter wie »atmosfair« oder »myclimate«, die umweltbewussten BürgerInnen ihre Emissionen berechnen und gleichzeitig die Möglichkeit bieten, dem Klimawandel mit einer dem Verbrauch entsprechenden Spende entgegenzusteuern. Für die Berechnung werden unterschiedliche Faktoren mit einbezogen, etwa wie viel Kerosin ein Flugzeug auf der Strecke verbrennt, wie viel CO2-Emissionen freigesetzt werden oder wie viel Ozon gebildet wird. Die Spenden fließen dann meist in Umweltprojekte in Entwicklungsländern, die u. a. zur nachhaltigen ökologischen und sozialen Entwicklung vor Ort beitragen – zum Beispiel subventionierte Biogasanlagen oder Aufforstungsprojekte.

Die Berechnungen unterliegen großen Schwankungen!

Doch wie berechnen die Anbieter beispielsweise die CO2-Kompensation bei Flügen? Tatsächlich ist die Methode umstritten. Die Höhe der Spendensummen variieren je nach Anbieter stark, da diese von unterschiedlichen Klimawirkungen ausgehen. Grund hierfür ist die Nutzung des RFI (Radiative Forcing Index), einer Formel, welche die Klimawirkungen von Flugzeugen erfassen soll. Um die Klimaschäden eines Fluges abzuschätzen, werden die entstehenden CO2-Emissionen mit dem RFI-Faktor multipliziert. Allerdings herrscht in der Wissenschaft noch Unsicherheit über dessen exakte Höhe: Laut dem Bericht des Weltklimarats IPCC liegt der RFI Faktor bei 2,7. Das Max-Planck-Institut für Meteorologie geht von einem Faktor von 1,9 bis 4,7 aus, und das Umweltbundesamt spricht gar von einem Faktor zwischen 3 und 5.

So unterschiedlich die Berechnungsgrundlagen sind, so weit klaffen dann auch die angegebenen Kompensationsbeträge auseinander. Zum Vergleich: Für eine einfache Flugstrecke von Frankfurt nach Dubai in der Economy-Klasse berechnet »atmosfair« durchschnittlich 2,2 Tonnen CO2-Verbrauch, »myclimate« hingegen nur 0,7 Tonnen. Die Kompensation kostet dann entsprechend 51 bzw. nur 17 Euro.

Welcher dieser Werte nun wirklich realistisch und angemessen ist, lässt sich nicht mit genauer Sicherheit sagen, denn da die Einschätzungen und Berechnungen so weit auseinanderklaffen, ist die Grundlage für die Kompensationsberechnung aktuell nicht viel mehr als eine Schätzung.

CO2 kompensieren: Ist das überhaupt möglich?

Unrealistische Werte und vernachlässigte Emissionen!

Eine weitere Kritik an den Kompensationen ist, dass die ermittelten Mengen an CO2 sich nur auf den Flug selbst beziehen. Doch bereits bei der Förderung von Erdöl, der Weiterverarbeitung zu Kerosin und dem Transport bis zum Flughafen entstehen klimaschädliche Emissionen. Diese werden ebenso wenig berücksichtigt wie die Emissionen des Flughafenbetriebs oder des Baus und der Instandhaltung eines Flugzeugs. Im Vergleich zum Flug dürften die freigesetzten Schadstoffe hierbei zwar gering sein, aber dennoch offenbart dies, dass längst nicht alle klimawirksamen Faktoren bei einer Kompensation berücksichtigt werden. 

Ebenfalls problematisch: Unter Umständen können Kompensationsmodelle dem Klimaschutz sogar entgegenstehen, indem sie beispielsweise die Entwicklung von klimafreundlicheren Alternativen hemmen. Hierfür hat »atmosfair« eigens einen Leitfaden entwickelt, in dem für drei Kategorien von Produkten und Dienstleistungen bewertet wird, wie sinnvoll eine Kompensation überhaupt ist:

Klasse 1 »Die Unverträglichen«

Diese Kategorie beschreibt Leistungen, die für das Klima untragbar seien und deren Konsum daher reduziert oder gänzlich vermieden werden sollte. Ein Beispiel hierfür ist der tägliche Fleischkonsum aus Massentierhaltung. Wer weiterhin Fleisch esse und die Emissionen immer nur kompensiere, würde den aktuell untragbaren Zustand damit nur verlängern. Die Kompensation stehe also der Entwicklung einer umweltfreundlichen Alternative im Wege.

 

Klasse 2 »Die Auslaufmodelle«

Als Auslaufmodelle werden Leistungen bezeichnet, für die es bereits gleichwertige und klimafreundlichere Alternativen gibt. Wer also beispielsweise die Wahl zwischen einem Kurzstreckenflug mit Kompensation oder einer Zugfahrt habe, solle sich eher für die umweltschonendere Zugfahrt entscheiden. Andernfalls würde man sein Geld zwar in die Kompensation investieren, damit aber gleichzeitig die Aufrechterhaltung der alten Technologie fördern, was wiederum dem Klimaschutz entgegensteht.

 

Klasse 3 »Die Wandelbaren«

Einzig in dieser Kategorie sei es sinnvoll, Kompensationen zu leisten. In dieser Gruppe sind Leistungen und Produkte versammelt, für die zukünftig CO2-arme Alternativen entwickelt werden könnten, für die jedoch aktuell die notwendigen Technologien noch nicht verfügbar seien. Beispiel: Langstreckenflüge. Wer also eine weite Strecke auf sich nehmen müsse, könne mithilfe der Kompensation zumindest ein wenig Wiedergutmachung leisten, ohne bessere Lösungen auszubremsen oder den untragbaren Status quo zu festigen.

CO2-Kompensationen sind nur in seltenen Fällen sinnvoll!

Generell sind CO2-Kompensationen also immer nur begrenzt möglich. Viele treibhauswirksamen Gase und Schädigungen werden aktuell leider gar nicht erst in die Berechnungen mit einbezogen. Schon deshalb stößt die Möglichkeit des Kompensierens also schnell an ihre Grenzen. Eine dauerhafte Lösung für Klimaneutralität bietet sie jedenfalls nicht.

Wie in den obigen Beispielen veranschaulicht, können Kompensationsbeiträge sogar zur Stärkung von klimaschädlichen Verhaltensweisen beitragen. Die entsprechenden Produkte und Dienstleistungen werden moralisch aufgewertet und der Konsum weiterhin gefördert. Wem der Umweltschutz also tatsächlich am Herzen liegt, kommt nicht umhin, sich selbst und seine Gewohnheiten zu hinterfragen und diese tatsächlich zu ändern, statt sie nur finanziell auszugleichen und ansonsten weiterzumachen wie bisher.   

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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