Mehr Verständnis? Wie wir mit Pädophilen umgehen sollten

Words by Monda Magazin
Photography: Ben White auf Unsplash
Lesezeit: 5 Minuten
Wie können wir Pädophilie unterstützen?

Was ist eigentlich Pädophilie? Handelt es sich um eine Krankheit und wenn ja, ist diese heilbar? Darüber hinaus fragen wir uns auch: Wie können wir Pädophilen künftig besser helfen? 

 

Wer sich zu Kindern hingezogen fühlt oder noch schlimmer, sich an ihnen vergeht, hat nach Ansicht der meisten Menschen nichts in der Gesellschaft verloren. Pädophilie gilt allgemein als falsch, krank und abstoßend. So sind Männer – seltener auch Frauen –, die von intimen Berührungen im Zusammenhang mit Kindern fantasieren, unzähligen Stigmata ausgesetzt. Was Außenstehende dabei nur sehr selten bedenken: Viele Menschen, die sich mit derartigen Gedanken konfrontiert sehen, sind selbst über sich erschrocken, empfinden Scham und fühlen sich fehl am Platz. Doch wie die Forschung inzwischen weiß, handelt es sich bei Pädophilie ganz klar um eine sexuelle Neigung, die sich niemand bewusst aussucht und die entsprechend jeden betreffen und auch im engsten Familien- und Freundeskreis vorkommen kann. 

Pädophilie: Was ist das eigentlich?

Pädophile Menschen fühlen sich zu Mädchen, Jungen oder ganz allgemein vorpubertären Kindern beiderlei Geschlechts hingezogen, also meistens zu Kindern vor ihrem 11. Lebensjahr. Besteht eher ein Interesse für bereits pubertierende Kinder bzw. Jugendliche, spricht man von Hebephilie. Pädophile bemerken meist bereits in ihrer Jugend, dass etwas anders ist und sie sich nicht für gleichaltrige Mädchen oder Jungen interessieren. Betroffene spüren eine Sehnsucht nach deutlich Jüngeren und fühlen sich von diesen sexuell angezogen. Das Bewusstwerden dieser Neigung ist für die meisten Betroffenen sehr verstörend. 

Pädophilie ist Schicksal, nicht Wahl.

Alle Menschen haben eine sexuelle Orientierung, die sie sich nicht aussuchen können. Sie ist angeboren, sozusagen vorprogrammiert, und bestimmt zum Beispiel, ob jemand sich mehr zu Frauen oder zu Männern, zu beiden Geschlechtern gleichermaßen oder auch zu keinem Geschlecht sexuell hingezogen fühlt. Davon zu unterscheiden sind die sogenannten sexuellen Neigungen. Dazu zählt beispielsweise eine Vorliebe für bestimmte Sexualpraktiken – etwa sich beim Sex schlagen zu lassen oder seine Sexualpartner zu fesseln – oder auch eine Vorliebe für unbelebte Objekte. Sich besonders zu Menschen eines ganz bestimmten Alters hingezogen zu fühlen, zählt ebenfalls dazu. Menschen mit einer pädophilen Neigung sind zumeist heterosexuell und männlich. Zwar gibt es auch pädophile Frauen, doch sind diese eher die Ausnahme. Wie viele Menschen in Deutschland unter Pädophilie leiden, ist übrigens nicht eindeutig geklärt – eine zuverlässige Statistik gibt es dazu nicht.  

Was ist Pädophilie?

Wie entsteht Pädophilie?

Über die Ursachen von Pädophilie besteht in der Forschung noch keine Einigkeit, doch gibt es inzwischen einige psychologische und biologische Theorien, die diese Neigung näher erklären sollen. Was jedoch feststeht, ist, dass es keine Faktoren gibt, deren Vorhandensein zwingend zu einer Pädophilie führt. Eher ist es eine Kombination aus entwicklungsbiologischen, psychischen, aber auch sozialen Faktoren, die für deren Entstehung verantwortlich sein kann. 

 

So gibt es zum einen die sogenannte »Abused-Abuser-Theorie«, die besagt, dass Menschen zu Pädophilie neigen können, wenn sie in ihrer Kindheit selbst zu Opfern von Gewalterfahrungen und sexuellem Missbrauch geworden sind. Zum anderen können auch ungünstige oder traumatische Begegnungen oder Beziehungen in der Kindheit dazu führen, dass es einzelnen Menschen später schwerer fällt, sich auf Beziehungen mit Gleichaltrigen einzulassen, was wiederum eine Pädophilie begünstigen kann. Einige Theorien sprechen sogar dafür, dass es genetische und epigenetische Faktoren gibt, die im Zusammenhang mit der Ausbildung von Pädophilie stehen können (mehr zum Thema Epigenetik liest du hier). In diesem Fall könnten bereits im Mutterleib Veränderungen im Gehirn eingeleitet werden, die eine solche sexuelle Präferenz begünstigen. Um eine oder mehrere Theorien wirklich zu bestätigen oder zu widerlegen, bedarf es allerdings noch einer wesentlich intensiveren Forschung. 

Wann ist Pädophilie strafbar? 

Bei Pädophilie handelt es sich zunächst also nur um eine sexuelle Neigung, zu der sich niemand bewusst entscheidet. Da es aber eine Neigung ist, die anderen – zumindest potenziell – Schaden zufügt, wird sie in der Medizin als Störung betrachtet. Um eine Straftat handelt es sich bei Pädophilie für sich genommen hingegen nicht: Tatsächlich werden sehr viele Menschen mit dieser Neigung niemals straffällig. Doch gilt Pädophilie ganz klar als ein Risikofaktor. Eindeutig strafbar machen sich Personen, die ihre pädophile Neigung ausleben, sei es direkt, also in Form sexuell motivierter Übergriffe auf Jungen oder Mädchen (Pädosexualität), oder auch indirekt durch das Herstellen, Erwerben, Besitzen oder Vertreiben kinderpornografischer Fotos und Filme. 

 Pädophilie: Warum wir Betroffenen helfen müssen

Zunächst einmal: Nicht alle, die sich an Kindern vergehen, sind zwangsläufig pädophil. Kriminalstatistiken zeigen, dass etwa die Hälfte der sexuellen Übergriffe auf Kinder nicht durch eine pädophile Neigung motiviert ist. Die TäterInnen sind oft Männer und Frauen, die etwas Traumatisches erlebt haben, geistig behindert sind oder unter anderen psychischen Störungen leiden – zum Beispiel unter einer Störung der inneren Impulskontrolle. Darüber hinaus lassen sich bei TäterInnen häufig Suchterkrankungen wie Alkohol- oder Sexsucht feststellen. Zu Übergriffen auf Kinder kommt es auch immer wieder durch junge Erwachsene, die große Probleme damit haben, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen. 

Menschen, die bei sich jedoch eindeutig feststellen, dass sie pädophil sind, stehen mit dem Problem häufig alleine da. Die Scham darüber und die Gefahr der sozialen Ausgrenzung sind so groß, dass sich die Betroffenen immer mehr isolieren, allein aber oft nicht weiterkommen. Die Folge können Angststörungen und Depressionen sein. Da es für Betroffene kaum eine Chance gibt, ihre Neigung loszuwerden, bleibt ihnen als einzige Möglichkeit, sich gegen die eigenen Bedürfnisse zu stellen und dafür zu sorgen, ihrem Verlangen niemals nachzugeben. Keine leichte Aufgabe. Damit das gelingen kann, bräuchte es flächendeckendere Hilfsangebote, Aufmerksamkeit und auch ein Stück weit mehr Verständnis. Verständnis dafür, dass diese Menschen eben keine Wahl haben und ihre Neigung für sie so gut wie immer eine große Bürde mit enormem Leidensdruck darstellt.

Wie können wir Pädophilen und auch Opfern helfen?

Pädophilie: Es gibt unterschiedliche Hilfsangebote & Therapiemöglichkeiten

  • Da sich Pädophilie nicht wie eine Erkältung behandeln oder auskurieren lässt, haben Menschen mit dieser Neigung also nur die Chance, einen verantwortungsvollen Umgang damit zu lernen. Wer dies schafft, kann den Leidensdruck verringern und ein annähernd selbstbestimmtes, glückliches Leben führen. Um dies zu erreichen, braucht es ein verständnisvolles, vorurteilsfreies und stützendes Umfeld sowie professionelle Hilfsangebote. 
     
  • Ein besonders gutes Angebot bietet das Netzwerk »Kein Täter werden«. Hier heißt es: »Das Präventionsnetzwerk möchte Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, dabei helfen, ihre sexuelle Präferenz zu akzeptieren und in ihr Selbstbild zu integrieren. Dies soll durch eine flächendeckende Etablierung qualifizierter ambulanter, präventiver Therapieangebote erfolgen. Übergeordnetes Ziel ist es, sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche zu verhindern. Darüber hinaus möchte das Netzwerk auch bei den Konsumenten von Missbrauchsabbildungen (sogenannte Kinderpornografie) und deren Angehörigen ein Problembewusstsein wecken sowie die Bereitschaft erhöhen, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.«

 

  • So bietet das Netzwerk kostenlos und anonym therapeutische Hilfe über ein Online-Programm oder vor Ort in inzwischen 12 Städten in Deutschland an. Die Krankenkassen von Betroffenen, die das ambulante Therapieangebot in Anspruch nehmen, werden nicht darüber in Kenntnis gesetzt. Die Kassen fördern die Initiative im Hintergrund – so wird das Geld für die Behandlung automatisch bereitgestellt. Für alle involvierten Personen gilt natürlich eine Schweigepflicht. Die Therapie findet meist in Gruppen statt, kann auf Anfrage jedoch auch auf Einzelsitzungen ausgeweitet werden, an denen dann auch Angehörige teilnehmen dürfen. Wer Bedarf hat, kann sich in einem ersten einfühlsamen Telefongespräch über alles Weitere informieren. Darüber hinaus hat sich das Präventionsnetzwerk auch zum Ziel gesetzt, »die Öffentlichkeit rund um das Thema zu informieren und damit zu einer sachlichen Diskussion innerhalb der Gesellschaft anzuregen.«
 
  • Eine weiteres Angebot im Netz ist »Schicksal und Herausforderung« – eine Seite, die unter anderem ebenfalls Adressen und Anlaufstellen, einen Selbsthilfechat und viele Antworten auf Fragen zum Thema bereithält. Das moderierte Forum ist aktuell zwar nicht in Betrieb, soll aber demnächst wieder verfügbar sein. 
     
  • Zudem können sich Opfer und Angehörige unter folgender Adresse informieren: Auf hilfeportal-missbrauch.de sind unter anderem Adressen zu professionellen Hilfs- und Beratungsangeboten in der direkten Umgebung zu finden.  


Es besteht also nicht nur für Pädophile selbst die Notwendigkeit, sich zu informieren und zu einem besseren Verständnis des Themas zu kommen, sondern auch für den Rest der Gesellschaft. Natürlich – Kinder müssen unter allen Umständen vor sexuellen Übergriffen geschützt und Straftäter zwingend zur Rechenschaft gezogen werden. Doch sollten wir gemeinsam alles dafür tun, damit es erst gar nicht so weit kommt. 

Dazu Passend

Sexualaufklärung mit pro youth

Sex – und alles was damit zusammenhängt – will gelernt sein. Nicht wenige erinnern sich mit Schrecken an peinliche Aufklärungsgespräche. Dass Aufklärung extrem wichtig ist und dabei nicht unangenehm sein muss, zeigt das Berliner Projekt pro youth. Im Interview sprechen Taina Engineer und Lyza Schwab von pro youth darüber, wie es zu dem Projekt kam, wie ihre Arbeit genau aussieht und welche Fragen von Jugendlichen sie zum Schmunzeln bringen.

Share:

Seit Mai 2018 ist Monda das stilvollste und effektivste Mittel gegen modische und gesellschaftliche Einseitigkeit im Netz. Als Anlaufstelle für Frauen mit scharfem Verstand und ambitionierten Zielen bringen wir wohl kuratierte Berichte über Stil und Beauty mit konsequenten und geistreichen Artikeln über Persönlichkeitsentwicklung, Kulturreportagen und Gesellschaftliches zusammen. Wir berichten mit einem Blick für fluide Rollenbilder und verlieren dabei den Mainstream nie aus den Augen. Unsere Inhalte berühren, inspirieren und bilden.

Kommentieren