Wegen der Kinder zusammenbleiben? Das sagen Expert*innen

Words by Arzu Gül
Photography: Freepik
Lesezeit: 4 Minuten
Wegen der Kinder zusammenbleiben - Kind sitzt zwischen deprimierten Eltern

Immer wieder bleiben EhepartnerInnen nur noch deshalb zusammen, weil sie fürchten, eine Scheidung könne schwerwiegende Folgen für ihre Kinder haben. Doch tun sie ihnen damit wirklich einen Gefallen?

Verliebt, verlobt, verheiratet – Zweckgemeinschaft ? Viele Elternpaare glauben, dass eine Scheidung ihren Kindern irreparable Schäden zufügen würde. Medienberichte, Erziehungsratgeber und Horror-Storys aus dem eigenen Bekanntenkreis versetzen sie dermaßen in Sorge, dass sie sich dazu entscheiden, ihren Kindern zuliebe in unglücklichen und konfliktreichen Ehen zu bleiben. Doch was sagt die Forschung? Ist es wirklich immer das Beste, für das Wohl der Kinder zusammenzubleiben?

Wer sich auf die Suche nach einer Antwort auf diese Frage begibt, wird nach kurzer Recherche womöglich sagen: Ja. Sichere Familienkonstrukte, in denen Eltern sich gegenseitig und ihre Kinder lieben und diese Liebe auch zeigen, sind vielen Studien zufolge für Kinder die beste Option. Für ihre Entwicklung ist es vorteilhaft, sich in einer sicheren und stabilen Familiensituation wiederzufinden. Denn – und auch das ist nachgewiesen – eine Trennung ist in den meisten Fällen für alle Beteiligten beunruhigend, stressig und destabilisierend.

Die größte Sorge bei einer Trennung: Kommen die Kinder mit der Veränderung zurecht?

Depressionen, Verhaltensauffälligkeiten, Bindungsstörungen

Schaut man sich den Stand der Forschung zu den psychischen Folgen von Scheidungen für Kinder an, so gibt es tatsächlich eine Reihe von empirischen Langzeitstudien, die genau das offenbaren, was Eltern so sehr fürchten: Verhaltensauffälligkeiten, Depressionen, Verschlossenheit und Aggressionen treten vermehrt bei Kindern auf, deren Eltern sich in frühen Jahren getrennt haben. In vielen Fällen verschlechtern sich die schulischen Leistungen, die Kinder entwickeln Verlustängste oder zeigen im Erwachsenenalter Bindungsprobleme.

Bislang stammten die meisten dieser Studien jedoch fast ausschließlich aus den USA und bezogen sich auf die dortigen Verhältnisse. Die Psychologin Prof. Dr. Sabine Walper von der Ludwig-Maximilians-Universität München hat genau aus diesem Grund über zehn Jahre hinweg eine Längsschnittstudie durchgeführt, mit der sie die Auswirkungen einer Trennung auf die kindliche Entwicklung in Deutschland untersucht. Auslöser waren zum einen die unbefriedigende Forschungslage und zum anderen die Stigmatisierung von Scheidungskindern, die im Ruf stehen, häufig zu streiten, Ärger zu machen und Probleme in der Schule zu haben. Doch stimmen diese Vorurteile?

In Deutschland zeigen Studien durchaus andere Ergebnisse!

Für ihre Studie, die bereits Ende der 90er-Jahre begann, wurden aus über 6000 Schülerinnen und Schülern 749 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahren ausgewählt und über einen Zeitraum von sechs Jahren mehrfach in intensiven Einzelinterviews zu ihrer Situation befragt. Dabei wurden auch die schulischen Leistungen, sozialen Kompetenzen und die Liebesbeziehungen der später Jugendlichen und jungen Erwachsenen in die Analyse mit einbezogen. Die Ergebnisse sind erstaunlich:

Wir konnten bei Kindern und Jugendlichen aus Scheidungsfamilien kaum Nachteile in der Persönlichkeits-, Sozial- und Kompetenzentwicklung im Vergleich zu ihren Altersgenossen in traditionellen Kernfamilien mit beiden leiblichen Eltern nachweisen

Prof. Dr. Sabine Walper, Studienleiterin

Sofern nach einer Trennung die neue Familienordnung stabil blieb, konnte sich die Mehrheit der Kinder an die Situation gewöhnen und nach einer gewissen Zeit ein emotionales Gleichgewicht finden. Negative Entwicklungen konnten hingegen festgestellt werden, wenn sich die Elternteile nach einer Trennung immer wieder in neue Partnerschaften begaben, die wiederum erneute Trennungen und Umbrüche forderten.

Wenn Eltern einen liebevollen und respektvollen Umgang untereinander und zu den Kindern wahren, ist eine Trennung auch für die Kinder akzeptabel

Die Qualität der Beziehung zählt, nicht die Familienstruktur

Eine sehr wichtige Grundaussage der Studie von Prof. Dr. Sabine Walpers ist aber vor allem, dass die Qualität der Beziehung zwischen den Eltern sowie zwischen den Eltern und ihren Kindern viel entscheidender für die Entwicklung der Kinder ist als die Familienstruktur als solche. Kinder, die von unversöhnlichen Konflikten zwischen ihren Eltern berichteten, hatten zu diesen viel häufiger ein schlechtes Verhältnis, ein geringeres Selbstwertgefühl, depressive Neigungen und auch eher Probleme in ihren Beziehungen zu anderen Jugendlichen. Hierbei war es völlig irrelevant, ob die streitenden Eltern zusammen oder getrennt leben.

Was bei Kindern tatsächlich unerwünschte Schäden hinterlässt, sind ständige Streitereien zwischen den Eltern, die häufig ein zunehmend harsches Verhalten den Kindern gegenüber mit sich bringen. Ebenfalls ungünstig wirkt es sich aus, wenn Eltern versuchen, ihre Kinder »in eine Allianz gegen den anderen Elternteil« einzubinden. Daraus entstehe emotionale Unsicherheit und Überforderung. »Kinder brauchen ein emotionales Nest und entwickeln sich am besten, wenn die Eltern ein gutes Team sind«, so Walper.

Wenn Eltern sich häufig, heftig und unversöhnlich streiten, macht es wenig Sinn, »der Kinder wegen« zusammen zu bleiben. Auch wenn die Feindseligkeiten nach der Trennung weiter bestehen, belastet dies die Kinder.

Prof. Dr. Sabine Walper, Studienleiterin

Welche Auswirkungen eine Scheidung auf ein Kind hat, ist also immer individuell zu betrachten. Können Eltern ihre Streitigkeiten überhaupt noch verbergen oder ist der Familienalltag geprägt von emotionaler Distanz, Geschrei oder sogar Tyrannei? Lassen Eltern die Kinder bei den Beziehungsproblemen außen vor oder missbrauchen sie die Kinder sogar als psychisches Druckmittel? In solchen Fällen kann es kaum von Vorteil sein, wenn Eltern »für die Kinder« zusammenbleiben. Sie richten damit im Zweifel mehr Schaden als Nutzen an.

Wenn die Liebe innerhalb der Ehe nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, sollte das eigene Wohl nicht außen Vor gelassen werden

Co-Elternschaft als Kompromiss?

Doch wie sieht es aus, wenn Eltern sich im Grunde noch gut verstehen, aber keine sexuelle Zuneigung und Liebe mehr zueinander verspüren? Immer häufiger hört man von Beziehungsmodellen, in denen sich eine konventionelle Ehe mit den Jahren zu einer »Co-Elternschaft« entwickelt hat. Manche Ehepaare entschließen sich dann ganz bewusst dazu, ihre Wohnsituation beizubehalten und in einer Art Wohngemeinschaft weiterhin zusammenzuleben und die Kinder gemeinsam großzuziehen. Das Liebesleben wird dann in beiderseitigem Einverständnis »ausgelagert«.

Doch kann dieses Modell funktionieren? Wird das Kind in die veränderte Beziehungskonstellation eingeweiht oder der Schein einer auf Liebe basierenden Beziehung aufrechterhalten? Und was passiert, wenn die neue Freundin oder der neue Freund zu Besuch kommt? Kann man wirklich aus erster Reihe dabei zusehen, wenn der oder die Ex-PartnerIn glücklich in einer neuen Beziehung lebt? Sind Spannungen und Eifersucht hier nicht vorprogrammiert?

Wie bei allen neuen Beziehungs- und Familienmodellen lässt sich hier keine pauschale Antwort finden. Was für die einen wunderbar funktionieren kann, kann für andere unvorstellbar sein. Sofern beide EhepartnerInnen und Kinder mit der neuen Familiendynamik einverstanden sind, steht auch einer Co-Elternschaft mit gemeinsamer Wohnsituation nichts im Wege.

Entscheidende Faktoren für die gesunde Entwicklung des Kindes

Laut ExpertInnen sind für die gesunde Entwicklung von Kindern folgende Erziehungsfaktoren entscheidend:

  • Vermittlung eines Gefühls von Sicherheit und Geborgenheit
  • ein warmherziger, liebevoller und offener Umgang in der Eltern-Kind-Beziehung gegenseitiger Respekt zwischen den Elternteilen
  • harmonisches Kooperieren der Eltern bei Fragen, die die Kinder betreffen
  • ein regelmäßiger, verlässlicher Kontakt zwischen Eltern und zwischen Eltern und Kindern
  • klare und vernünftige Erwartungen an die Kinder
  • respektvolles Setzen von Grenzen und Schaffen von Strukturen
  • unterstützendes Verhalten, das die Kinder gleichzeitig Autonomie und Problemlösungsverhalten lehrt

Ob und in welchem Konstrukt dabei die Eltern zusammenleben, wird nicht erwähnt und scheint ja auch zweitrangig zu sein. Eltern sollten sich also vor allem fragen, ob sie diese Erziehungsanforderungen grundsätzlich erfüllen bzw. ob sie in einer künstlich aufrecht erhaltenen Ehegemeinschaft weiterhin dazu in der Lage wären. Oder hätte eine Trennung möglicherweise sogar eine Verbesserung der Erziehungssituation zur Folge?

Schlussendlich sehnen sich Kinder nach Harmonie. Sie möchten Stabilität und Berechenbarkeit in ihrem Alltag. Wenn Eltern sich nicht mehr ausstehen können und dies auch offen zeigen, tun sie ihren Kindern keinen Gefallen damit, die Beziehung noch künstlich aufrechtzuerhalten. Wer die bestmögliche Lösung für seine Kinder sucht, sollte also einen Lebensstil wählen, die einen respektvollen, offenen und harmonischen Umgang mit dem oder der EhepartnerIn ermöglicht. Egal ob zusammen, getrennt, geschieden oder in einer Co-Elternschaft.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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