Was sind Rasenmäher-Eltern und weshalb schaden sie Kindern?

Words by Arzu Gül
Photography: Agung Pandit Wiguna via Pexels
Lesezeit: 5 Minuten
Eltern helfen Kind beim Fahrrad fahren - Rasenmäher Eltern

Rasenmäher-Eltern greifen massiv in das Leben ihrer Kinder ein, um diese ja vor schlechten Erfahrungen zu bewahren. Warum sie ihnen damit mehr schaden als helfen.

Während der Begriff »Helikopter-Eltern« Väter und Mütter beschreibt, die ständig präsent sind, um ihre Kinder vor potenziell lauernden Gefahren zu schützen, geht der Begriff »Rasenmäher-Eltern« noch einen Schritt weiter. Er bezeichnet Mütter und Väter, die Gefahren gar nicht erst entstehen lassen, sondern sämtliche potenzielle Hindernisse regelrecht »niedermähen«, bevor ihr Nachwuchs überhaupt erahnen kann, dass eine Situation hätte schwierig werden können.

Der Begriff »Rasenmäher-Eltern« erlangte erstmals 2018 große Aufmerksamkeit, als ein US-amerikanischer Lehrer auf der Plattform »Weareteachers.com« einen anonymen Blogbeitrag zu diesem Thema veröffentlichte. Der Lehrer berichtete in dem Artikel von seinen eigenen Erfahrungen mit überfürsorglichen Eltern und warnte zugleich vor den gravierenden erzieherischen Folgen dieses Verhaltens:

Indem wir Kinder großziehen, die kaum Auseinandersetzungen erlebt haben, erschaffen wir keine glückliche Generation von Kindern. Wir erschaffen eine Generation, die keine Ahnung hat, was sie tun soll, wenn sie tatsächlich einmal in Schwierigkeiten gerät. Eine Generation, die bei dem bloßen Gedanken an einen Misserfolg in Panik verfällt oder gar zusammenbricht. Eine Generation, für die Scheitern so schmerzhaft ist, dass sie mithilfe von Bewältigungsmechanismen wie Sucht, Schuldzuweisungen oder Internalisierung versucht, damit klarzukommen.

Warum werden Eltern zu Rasenmäher-Eltern?

Natürlich möchte kein Elternteil die oben genannten Folgen für sein Kind absichtlich herbeirufen. Rasenmäher-Eltern handeln vorranging aus Liebe und Sorge. Sie möchten ihre Kinder vor schwierigen Situationen, negativen Erfahrungen und den damit verbundenen Enttäuschungen beschützen. Wäre es nicht schön zu wissen, dass das Kind behütet und glücklich aufgewachsen ist und nicht mit Problemen zu kämpfen hatte, die einen Schatten über ihre Kindheit warfen?

Väter und Mütter, die versuchen, es ihren Kindern immer recht zu machen, handeln im Grunde genommen in bester Absicht. Wenn sich ihr Kind auf dem Spielplatz mit einem anderen Kind streitet, greifen sie ein und versuchen zu schlichten, ehe die Situation eskaliert. Wenn ihr Kind Probleme bei den Hausaufgaben hat, helfen sie eifrig mit, korrigieren Fehler oder erledigen einen Teil der Aufgaben vielleicht sogar selbst. Wenn das Kind sein Musikinstrument zur Probe vergisst, lassen sie alles stehen und liegen und eilen in Rekordgeschwindigkeit zur Hilfe, damit es ja keinen Ärger bekommt.

Eltern wollen ihre Kinder in erster Linie beschützen. So soll es auch sein...

Sicher können viele Eltern dieses Verhalten nachvollziehen, erinnern sich vielleicht sogar an Situationen, in denen sie ähnlich gehandelt haben. Schließlich möchte man das Beste für sein Kind. Doch wenn aus der gut gemeinten Fürsorge ein regelrechter Kontrollzwang wird und sich dadurch eine permanente Einmischung in alle Lebensbereiche des Kindes entwickelt, wird eine unnatürliche Abhängigkeitsbeziehung kreiert, die zur Passivität und letztlich auch zur Inkompetenz des Kindes führen kann.

Warum ist dieses Verhalten so problematisch?

Wie der anonyme Lehrer bereits in seinem Text beschrieb, nehmen Rasenmäher-Eltern ihren Kindern jegliche Möglichkeit, eigenständig zu handeln. Indem Kinder nie Konfrontationen ausgesetzt sind, lernen sie auch nicht, mit schwierigen Situationen umzugehen, Enttäuschungen zu verkraften oder ihr eigenes Fehlverhalten zu reflektieren, um es beim nächsten Mal besser zu machen.

»Aus Fehlern wird man klug« – diese Redewendung besagt, dass wir gerade aus Misserfolgen und Irrtümern die größten Erkenntnisse ziehen können. Aus Problemen entsteht persönliches Wachstum; Hürden und Schwierigkeiten führen zu mehr Eigenverantwortung, Selbstständigkeit und Zielstrebigkeit. Doch woraus lernen Kinder, die nie Misserfolge erlebt haben? Woraus ziehen sie ihre Erkenntnisse?

Misserfolge sind wichtig, damit Kinder aus ihnen Erfahrungswerte ziehen und lernen können

Wenn die kleinen und großen Lehren aus dem Alltag fehlen und Kindern ständig alles vorgekaut wird, kann das dazu führen, dass sie keine Motivation entwickeln, Dinge im Leben eigenständig in Angriff zu nehmen. Schließlich kümmern sich Mama und Papa ja eh um alles. Und so kann es kommen, dass genau diese Kinder später im Erwachsenenalter unfähig sind, jede noch so kleine Entscheidung selbst zu treffen, dass sie ständig Hilfestellung und Bestätigung von außen benötigen und bereits bei den kleinsten Hindernissen überfordert sind.

Ein Problem für die Entwicklung des Selbstwertgefühls

Das beschriebene Rasenmäher-Verhalten kann außerdem negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl von Kindern haben. ExpertInnen aus der Sozialforschung erklären in diversen Publikationen, dass Eltern ihren Kindern durch das ständige Eingreifen das Gefühl vermitteln, Probleme gar nicht selbst lösen zu können. Sie wachsen also mit der Selbstwahrnehmung auf, unfähig zu eigenständigem Handeln zu sein und ohnehin nichts alleine zu schaffen. Sonst hätten die Eltern ja schließlich nicht permanent eingreifen müssen, oder? Aus einem solchen Bewusstsein können gefährliche Glaubenssätze entstehen, die das Selbstvertrauen der Kinder nachhaltig schädigen.

Zusätzlich vermitteln Eltern durch die ständige Hilfestellung, dass sie hohe Ansprüche an ihre Kinder haben. Wer zum Beispiel jedes Mal bei den Hausaufgaben mithilft, damit sich auch ja kein Fehler einschleicht, kommuniziert damit, dass Fehler nicht erwünscht und auch nicht tolerierbar sind. Damit baut sich einerseits ein hoher Leistungsdruck beim Nachwuchs auf, andererseits glauben die Kinder, dass sie die Aufgaben ja ohnehin nicht ohne ihre Eltern lösen können. Ein Teufelskreis!

Schon im Kindesalter kann dies zu einer sehr niedrigen Frustrationsgrenze führen, die sich im Erwachsenenleben fortsetzt. Studien zeigen, dass Kinder von überfürsorglichen Eltern größere Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten, was sich in Zorn, Wut und Aggressionen äußern kann. Wer außerdem nie lernt, zwischenmenschliche Konflikte mit seinen Mitmenschen selber zu lösen, der wird es später sehr schwer haben, Freundschaften zu schließen und Beziehungen zu halten. Wie erwähnt fehlt den Kindern die Kontrolle über ihre eigenen Emotionen, was aber gerade in einem sozialen Gefüge besonders wichtig wäre. Zusätzlich sind sie wenig reflektiert darüber, wie ihr eigenes Verhalten möglicherweise mit aufkommenden Konflikten zusammenhängt bzw. dazu beiträgt, und können nur schwer Schuld eingestehen. Eine schwierige Kombination.

Ein überbehütetes Umfeld ohne Grenzen kann später zu Aggressionen und Problemen führen

Wie können Eltern es besser machen?

Laut PsychologInnen möchten Kinder selbstwirksam sein. Sie möchten also Dinge selbst in die Hand nehmen und infolge dessen Resultate sehen. Dies ist bereits im Kleinkindalter zu beobachten, wenn Zweijährige nach der Gabel ihrer Eltern greifen, um ihr Essen selbst an den Mund zu führen.

Eltern sollten und müssen natürlich für ihre Kinder da sein. Am besten tun sie dies aber, indem sie ihre Kinder darin bestärken, die Aufgaben selbst zu bewältigen, statt direkt einzugreifen. Natürlich darf dabei auch Hilfestellung geleistet werden, in manchen Fällen mehr, in anderen aber eben weniger. Am Ende sollte es immer die eigene Leistung des Kindes sein, die dann von den Eltern entsprechend anerkannt, wertgeschätzt oder eben auch mal kritisch reflektiert wird.

Wichtig ist, in diesem Zuge eine positive Fehlerkultur zu etablieren. Laut PsychologInnen sollten Eltern ihren Kindern vermitteln, dass Fehler zum Leben dazugehören, jedem mal passieren und eben kein Weltuntergang sind. Bei Konflikten können Eltern gemeinsam mit dem Nachwuchs überlegen, wieso es dazu kam und wie man es in Zukunft besser machen kann. Selbstverständlich dürfen die Eltern auch mal bei der Lösung eines Problems unterstützen, müssen dafür aber erst einmal zulassen, dass Schwierigkeiten überhaupt auftreten.

Damit Kinder zu selbstständigen Erwachsenen mit sozialen Kompetenzen heranwachsen, müssen Eltern ihre eigenen Ängste überwinden und auch negative Erfahrungen zulassen. Wer seinen Kindern Vertrauen und Zuversicht schenkt, wird erkennen, dass sie weitaus mehr können, als wir ihnen manchmal zutrauen.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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