Was sind wir als Erwachsene unseren Eltern schuldig?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
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Warum wir unseren Eltern nichts schulden
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Wir alle haben Eltern. Und wir alle kennen es, das schlechte Gewissen, wenn wir uns mal wieder nicht gemeldet oder nicht ausreichend gekümmert haben. Mütter und Väter leisten viel, doch stehen wir deshalb ein Leben lang in ihrer Schuld? Oder dürfen wir aufhören, uns schuldig zu fühlen? Autorin und Philosophin Barbara Bleisch sagt: »Wir sind unseren Eltern nichts schuldig!«

 

Entscheiden sich Paare dafür, Nachwuchs zu bekommen, entscheiden sie sich damit auch automatisch dafür, ihr vorheriges Leben vollkommen umzukrempeln. Es ist künftig geprägt von wechselnden Emotionen wie Freude, Trauer, Stolz, Angst, Ärger und bedingungsloser Liebe, aber auch von schlaflosen Nächten, gesteigerten finanziellen Ausgaben und Zeit, die einem nun nicht mehr frei zur Verfügung steht. Bei den meisten ihrer Entscheidungen steht nun das Wohl des Kindes im Mittelpunkt. Doch was bedeutet das am Ende für das Kind, dessen Eltern sich immer wieder aufgeopfert haben? Heißt das für uns alle, dass wir für immer und ewig dankbar sein müssen für unser Leben und eine Familie, in die wir ohne großes Zutun einfach so hineingeboren wurden?

Was schulden wir unseren Eltern: Das Gesetz ist weiterhin streng

Diesen und weiteren, zugegeben ziemlich undankbar klingenden Fragen ist die Autorin und Philosophin Barbara Bleisch in ihrem Buch »Warum wir unseren Eltern nichts schulden« auf den Grund gegangen und stellt direkt zu Beginn klar: »Kinder haben um die Beziehung zu ihren Eltern ebenso wenig gebeten wie um ihr Leben. Familie hat man; nur Freundinnen und Freunde kann man sich aussuchen. […] Verwandte sind zuallererst die Leute, die man unter keinen Umständen auswählen kann, sondern vom Zufall vorgesetzt bekommt.«

Und doch ändert das erstmal wenig an unseren Gefühlen: Immer wieder schleicht sich das schlechte Gewissen ein und scheint uns zu einem Leben »zu verdonnern«, in dem wir uns ständig schuldig gegenüber unseren Eltern fühlen. Unterstützt wird dieses Empfinden von der Rechtsprechung. Im bekannten »Rabenvater-Urteil« wurde ein erwachsener Mann dazu verpflichtet, die Pflegekosten seines Vaters mitzutragen, obwohl die beiden jahrzehntelang keinen Kontakt gehabt hatten. Ein Fall, der für großes Aufsehen sorgte, da der Vater nach dem 18. Geburtstag seines Sohnes nichts mehr von diesem wissen wollte – ihn sogar enterbt hatte. Doch noch immer gilt: »Verwandte in gerader Linie sind verpflichtet, einander Unterhalt zu gewähren«(BGB, Paragraf 1601).

Stehen wir ein Leben lang in der Schuld unserer Eltern?

Sind wir alle Schuldner & unsere Eltern die Gläubiger?

Heißt das also, Kinder schulden ihren Eltern bis zu deren Tod etwas, weil diese sie auf die Welt gebracht und in Kindheitstagen umsorgt haben? Von einer solchen Art Gläubiger-Schuldner-Verhältnis ist Barbara Bleisch absolut nicht überzeugt, denn für sie führt diese Analogie, wie sie sagt, vollkommen in die Irre: »Sobald ein Schuldner seine Leistung erbracht hat, also beispielsweise Geld zurückzahlt, sind er und sein Gläubiger nämlich »quitt«; die Schuld ist abgetragen, der Gläubiger hat keine weiteren Ansprüche mehr, die er mit Blick auf den Schuldner geltend machen könnte. […] Eltern werden ihren Kindern ja nicht vorrechnen, dass sie sie noch dreimal besuchen müssen […], weil erst dann die Schuld abgetragen sei, die sich das Kind früher einmal eingehandelt habe«, so Bleisch. Weiterhin stellt sich die Philosophin die Frage, worin genau eine Rückzahlung der bezogenen Leistungen bestehen sollte. In regelmäßigen Anrufen oder Besuchen? In mehr Zeit mit den Enkelkindern oder überhaupt Zeit? Und wie verhält es sich mit Eltern, die in der Erziehung völlig versagt haben und ihre Kinder nicht umsorgt, sondern ihnen sogar Schaden zugefügt haben? 

Darüber hinaus betont Barbara Bleisch, dass niemand etwas zurückerwarten kann, sobald etwas aus freien Stücken gegeben und nicht explizit eine Gegenleistung formuliert wurde, der alle Parteien zuvor zugestimmt haben. Außerdem: »Viele Eltern berichten, dass ihre Kinder trotz aller Strapazen massiv zu ihrem Lebensglück beitragen, weil es sie zum einen erfüllt, Leben weiterzugeben und eine neue Generation heranwachsen zu sehen; und weil die Kinder ihnen zum anderen ebenfalls Liebe und Anerkennung entgegenbringen.« Aus diesem Grund drehte die Reformpädagogin Maria Montessori den Spieß um und meinte, dass Eltern in der Schuld ihrer Kinder stünden, da sie dank dieser erst den wahren Sinn in ihrem Leben entdecken würden.  

Gesellschaftspolitisch gut – moralisch fragwürdig

Obwohl die Meinung Montessoris sicher von einigen geteilt wird, empfindet die Mehrheit der Menschen doch immer wieder einen gewissen Druck und das Gefühl, den Eltern etwas schuldig zu sein. Warum das so ist, erklärt Bleisch zum einen damit, dass es schlicht undankbar erscheine, das Gegenteil zu behaupten. Doch betont sie auch, dass Dankbarkeit und Schuld nichts miteinander zu tun hätten. Zum anderen halte sich das »Schuld-Verhältnis« noch immer so hartnäckig, »weil dieses Konzept in gesellschaftspolitischer Hinsicht eine praktikable Idee zu sein scheint«. Wir als Gesellschaft werden immer älter – um die gestiegenen Bedürfnisse muss sich gekümmert werden. Am naheliegendsten ist es also weiterhin, dass die nachfolgende Generation diesen »Job« übernimmt. Barbara Bleisch stellt dieses Vorgehen moralisch gesehen infrage. Es sei nicht fair, wenn sich armutsbetroffene Kinder zusätzlich um ihre mittellosen Eltern kümmern oder die Schulden nach deren Tod zumindest teilweise tragen müssten, oder wenn auch Kindern, die von ihren Eltern geschlagen und misshandelt wurden, dennoch die Kosten für das Begräbnis aufgehalst würden. »Und Menschen ohne Kinder sind gefährdet, weil keiner für sie aufkommt, wenn sie pflegebedürftig werden«, heißt es weiter. 

Vor Gericht gilt: Blut ist dicker als Wasser. Kinder müssen für ihre Eltern aufkommen. Ausnahmen gibt es aber immer wieder…

Wir sollten dankbar sein statt uns schuldig zu fühlen

Im weiteren Verlauf des Buches betont Barbara Bleisch immer wieder, dass ihre Ausführungen und Beispiele deutlich machen sollen, dass wir uns von dem Schuldgefühl gegenüber unseren Eltern befreien müssen. »Kinder sind nicht die Schuldner ihrer Eltern«, betont sie entschlossen. Vielmehr sollten wir unseren Eltern stets mit Respekt und Dankbarkeit begegnen, denn: »Natürlich aber haben Kinder ihren Eltern gegenüber insofern Pflichten, als Eltern in erster Linie auch Menschen sind, denen mit Achtung und Menschlichkeit zu begegnen ist. Kinder schulden ihren Eltern deshalb klarerweise all das, was wir alle einander schulden: Wir dürfen einander nicht verletzen (es sei denn, es handelt sich um Notwehr), und wir sollten einander in akuten Notsituationen beistehen.«

In ihrem Buch liefert die Philosophin noch viele weitere Beispiele und Denkanstöße, die der einen oder dem anderen dabei helfen könnten, das schlechte Gewissen ein wenig kleiner zu halten, wenn man es wieder einmal nicht geschafft hat, bei den Eltern anzurufen, weil das eigene Leben eben auch eine ganze Menge fordert. Zum Schluss erklärt sie, dass wir alle versuchen sollten, gute Kinder zu sein. Doch sollen wir dabei auch nie vergessen, dass wir als Erwachsene in erster Linie eigenständige Menschen und nicht Tochter oder Sohn sind. Und dass Menschen nun mal notgedrungen ein Leben lang immer wieder an den eigenen Idealen scheitern. Was die Familie betrifft, sei es die hohe Kunst, den richtigen Abstand oder auch die richtige Dosis zu finden. Nur so könnten wir uns allmählich von dem festverankerten Gedanken lösen, dass wir unseren Eltern (oder auch einer anderen nahestehenden Person) Besuche, Anrufe oder Interesse schulden. So ist sich Barbara Bleisch sicher: »Die Zuwendung, die wir uns wünschen, wird umso reicher sein, je freier wir darin sind, sie aus freien Stücken zu schenken…«

»Warum wir unseren Eltern nichts schulden« von Barbara Bleisch – erschienen im Carl Hanser Verlag, 2018

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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