Verderben zu viele Geschenke dein Kind?

Words by Arzu Gül
Photography: Andrew Neel via Unsplash
Lesezeit: 3 Minuten
Zu viele Geschenke: Weihnachtsgeschenke unterm Tannenbaum mit Füßen

Untersuchungen zeigen: Zu viele Geschenke schaden Kindern eher und können sogar ihr Selbstwertgefühl mindern. Zwei PsychologInnen erklären, wie Eltern besonders zur Weihnachtszeit mit dem Schenken umgehen sollten, um ihren Kindern nachhaltig Freude zu bereiten.

 

Gerade zur Weihnachtszeit werden Kinder oft mit massig Geschenken überhäuft: der tägliche Adventskalender, ein prall gefüllter Stiefel an Nikolaus und dann noch Berge von Geschenken zu Heiligabend. Für Eltern und Verwandte ist es immer ein schöner Moment, wenn sie sehen, wie die Kleinen sich freuen und ihre Augen erstrahlen. Doch was man sich vorher oft so besinnlich und harmonisch vorstellt, artet in vielen Fällen oft in ein wildes Aufreißen und Beiseitestellen aus. Wenn die aufgedrehten Kinder dann auch noch fragen: »War es das schon?«, ist es an der Zeit, sein eigenes Verhalten zu überdenken. 

Viele Eltern haben es selbst erlebt: Beim ersten Weihnachtsfest ist das eigene Kind noch zögerlich, freut sich über jede Kleinigkeit und ist ganz erstaunt, wenn es gar mehrere Geschenke erhält. Mit den Jahren erwarten die Kinder dann schließlich ganz selbstverständlich Berge an Geschenken, schreiben ellenlange Wunschlisten und reißen die Pakete wild und lieblos nacheinander auf, nur um sie gleich wieder zur Seite zu legen und nach dem nächsten zu greifen.

Überschenkte Kinder neigen später zu Schulden und Spielsucht

Dieses Phänomen ist bei Weitem kein Einzelfall und zeigt: Statt die erwünschte Freude zu bringen, kann das »Überschenken« an Weihnachten oder anderen Festtagen das Kind sogar frustrieren und überfordern. Der amerikanische Psychotherapeut Sean Grover hat in dem Magazin Psychology Today seine Untersuchungen zu den Auswirkungen von zu vielen Geschenken an Feiertagen veröffentlicht und kommt zu dem ernüchternden Ergebnis: Viele Geschenke schaden Kindern eher, als dass sie ihnen guttun.

Die Berge an Geschenken erzeugen bei Kindern eine Art Rauschgefühl. Sie verspüren zwar großes Glück, allerdings hält dieses nur für kurze Zeit an. Schnell entwickeln sie das Verlangen nach mehr und kompensieren damit ihre emotionalen Defizite. Laut Grover kann das Überschenken sogar weitreichende Folgen bis ins Erwachsenenalter haben: Untersuchungen der University of Missouri haben ergeben, dass diese Kinder im Erwachsenenalter anfälliger für Kreditkartenschulden, Glücksspiel und zwanghaftes Einkaufen waren.

Weiterhin können zu viele Geschenke das Selbstwertgefühl der Kinder verringern. Viele Eltern sind durch den Alltag so eingespannt, dass sie nur wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen können. Oft möchten sie ihnen dann über ihre Großzügigkeit vermitteln, wie wertvoll sie ihnen sind. Jedoch wurzelt das Selbstwertgefühl von Menschen nicht im Materiellen. Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass Kinder mit wenig materiellem Besitz, aber positiven Beziehungen zu ihren Eltern glücklicher sind und weniger Verhaltensprobleme aufweisen als Kinder mit übermäßig schenkfreudigen Eltern. Hinzu kommt noch, dass Kinder weniger Empathie entwickeln, wenn sie nur lernen zu nehmen, statt zu geben.

Was sollen Eltern also stattdessen tun?

Natürlich soll das Schenken an Weihnachten nicht ganz ausfallen. Laut Grover täten Eltern gut daran, sich an die Drei-Geschenke-Regel zu halten. Das bedeutet: Es gibt nur drei wohl überlegte Geschenke für jeden, die im besten Fall noch die Kreativität und individuellen Talente der Kinder fördern, wie beispielsweise ein Musikinstrument.

Psychologin Svenja Lüthge aus Kiel empfiehlt außerdem, den Fokus in der Weihnachtszeit eher auf gemeinsame Rituale zu legen: So könne gemeinsames Plätzchenbacken, Basteln und Adventssingen die Kinder ebenso zum Strahlen bringen wie neues Spielzeug – da Eltern sich für diese Aktivitäten Zeit nehmen müssen, zeigen sie ihren Kindern dadurch automatisch, wie wichtig sie ihnen sind. Diese Freude ist nachhaltiger als jedes materielle Geschenk es sein könnte. Weiterhin sei es absolut in Ordnung, auch Verwandte und Freunde darum zu bitten, statt herkömmlicher Geschenke lieber eine gemeinsame Unternehmung wie einen Kinobesuch oder einen Ausflug zu verschenken. Solche Gaben haben den zusätzlichen Vorteil, die Beziehung des Schenkenden zum Kind zu vertiefen.

Gemeinsame Aktivitäten fördern den Zusammenhalt wesentlich mehr als Geschenke

Falsche Erwartungen auflösen und Großzügigkeit vermitteln

Wer nun Angst hat, an Weihnachten in enttäuschte Gesichter zu blicken, der müsse laut Lüthge einfach offener mit dem Kind kommunizieren. So seien Enttäuschungen im Grunde nur falsche Erwartungen, die aufgelöst werden müssen. Wenn das Kind unrealistische Vorstellungen und unerfüllbare Wünsche hat, sei es wichtig, sich im Vorfeld mit dem Kind hinzusetzen und nachvollziehbar zu erklären, warum beispielsweise ein Haustier oder ein eigenes Pony nicht im Rahmen des Möglichen ist.

Zu guter Letzt sei es laut Grover von Vorteil, Kindern schon früh die Freude am Geben zu vermitteln. Gemeinsame Spenden an Bedürftige, gerade zur Weihnachtszeit, würden die Großzügigkeit der Kinder fördern und ihren Sinn für Verbundenheit stärken. So könnten die Kleinen echtes Glück verspüren, das im Gegensatz zum Geschenke-Rausch nachhaltig ist und lange währt. 

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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