Polyamorie: Wenn wir Liebe & Sex mit mehreren Menschen teilen

29.11.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Können wir mehrere Menschen zeitgleich lieben?

Kann man wirklich mehrere Menschen gleichzeitig lieben und diese Liebe bedingungslos ausleben? Polyamorie ist ein Lebensstil, der genau davon ausgeht. Doch wie genau kann so eine polyamore Beziehung aussehen – und können oder sollen wir alle zu Polys werden?

Der Begriff „Polyamorie“ setzt sich aus dem griechischen Wort polýs – das für „viel, mehrere“ steht – und dem lateinischen Wort amor, also „Liebe“, zusammen. Wer den sich immer weiter ausbreitenden Lebensstil lebt, liebt also mehrere Menschen zur selben Zeit – mit allem, was dazugehört. Eine klare Definition gibt es allerdings nicht, denn Polyamorie kann unterschiedliche Formen und Ausprägungen haben.

Was ist Polyamorie?
Können wir mehrere Menschen zeitgleich lieben? Bildquelle: Unsplash

Polyamore Lebensmodelle: Alles kann, nichts muss

So können sich beispielsweise zu einer Beziehung oder Ehe zwischen zwei Menschen, die im Grunde eher traditionell gelebt wird und zu der auch Kinder gehören können, noch weitere Partner*innen gesellen. Eine solche offene Zweierbeziehung – auch Primary-Secondary-Modell genannt – ist aktuell die wohl am häufigsten ausgelebte Form von Polyamorie. Die Priorität liegt hier zunächst bei der Paarbeziehung, die auch im Fokus steht. Weitere Beziehungen sind erlaubt, sollen jedoch die sogenannte Primärbeziehung nicht stören.

Wie genau dieses Modell gelebt und ein harmonisches Miteinander erreicht wird, bleibt jedoch jedem Paar selbst überlassen. So kann es sein, dass über weitere Partner*innen weitestgehend Stillschweigen bewahrt wird oder diese voll und ganz in das Familienleben integriert werden. Es kann auch die Vereinbarung gelten, dass Sekundärbeziehungen vom Primärpartner abgesegnet werden müssen oder Treffen nur gemeinsam stattfinden dürfen. Sind Kinder involviert, können zudem weitere, speziellere Absprachen stattfinden.

Können wir mehrere Menschen zeitgleich lieben?
Wenn die Sehnsucht nach weiteren Partnern steigt. Bildquelle: Unsplash

Als weiteres Lebensmodell gibt es sogenannte Poly-Familien – das sind Mehrfachbeziehungen, die geschlossen oder offen sein können. Hier sind alle Partner gleichberechtigte Primärpartner, und häufig leben alle zur Beziehung gehörenden Menschen unter einem Dach. Handelt es sich um die geschlossene Form, ist es außerhalb der Beziehung nicht erwünscht, noch weitere Partnerschaften zu pflegen. Eine solche eheähnliche Gruppenbeziehung funktioniert ähnlich wie eine feste monogame Beziehung – der einzige Unterschied: Es sind mehr als zwei Menschen mit allen Pflichten und Verantwortungen gleichberechtigt beteiligt. Die offene Mehrfachbeziehung sieht dagegen keine konkreten Vereinbarungen zur sexuellen Treue vor.

Aber es geht auch ganz ohne Primärpartner: Ein Poly-Single hat sich selbst für ein Leben ohne feste Beziehung entschieden. Gründe dafür könnten ein stressiger Job, eine noch nicht überwundene vergangene Beziehung oder Ähnliches sein. Poly-Singles suchen sich andere (Poly-)Singles, die einen ähnlichen Lebensstil bevorzugen, oder gehen eine offene Beziehung mit vergebenen, aber in polyamoren Beziehungen lebenden Menschen ein. Besondere Absprachen gibt es in diesem Modell eher selten – hier stehen Freiheit und Selbstständigkeit im Vordergrund.

Neben Menschen, die sich jeglicher Einordnung entziehen und sich auf nichts festlegen möchten, gibt es dann auch noch die Beziehungs-Mischform, in der die eine Person monogam und die andere polyamor leben möchte und in der die monogamen Partner*innen sämtliche Poly-Außenbeziehungen tolerieren.

Was ist, wenn wir uns in mehrere Menschen zeitgleich verlieben?
Nur die Liebe zählt!? Bildquelle: Unsplash

Polyamorie und die Vorurteile

Polys werden immer wieder mit unangenehmen Fragen gelöchert und müssen sich mit einigen Vorurteilen auseinandersetzen. Dazu gehört das Vorurteil, Polyamorie sei für viele Menschen lediglich eine Phase. In Polyamorie-Foren und im direkten Gespräch mit Polys lässt sich jedoch schnell feststellen, dass das zwar für einige Menschen gelten mag, doch eben nicht für alle und schon gar nicht für den Großteil. Viele Polys sind vielmehr davon überzeugt, dass Polyamorie keine Entscheidung ist, sondern eine Veranlagung.

Ein weiteres Vorurteil ist, Menschen würden nur in polyamore Beziehungen flüchten, um sich diverse Optionen offenzuhalten und sich bloß nicht festlegen zu müssen. Oder dass es sich um eine Ausrede handle, um nicht treu sein zu müssen. Diese Ansichten nehmen viele Polys als verletzend wahr, da sie sich liebevoll um ihre Beziehungen bemühen und diese – je nach Modell – sehr wohl ernst nehmen.

Auch die Fragen, wie es ist, den Partner zu teilen, und ob man dabei keine Eifersucht empfindet, sind immer wieder Thema. Zunächst einmal: Doch, auch Polys spüren Eifersucht. Allerdings steht bei ihnen der Versuch, einen völlig anderen Ansatz und Umgang damit zu finden, im Vordergrund: „Viele Redewendungen und Begriffe, die mit Liebe oder Beziehungen zu tun haben, drücken einen Besitz aus. Partner*innen gehören uns aber nicht, sie gehören nur sich selbst. Deshalb sollten wir auch nicht bestimmen, mit wem sie reden, Freundschaften schließen, ausgehen oder eben Sex haben dürfen. Polyamorie heißt zu akzeptieren, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, zu tun und zu lassen, was sich gut für sie oder ihn anfühlt. Eine Beziehung bedeutet, dass wir daran teilhaben und darüber reden und vielleicht auch hier und da einen Kompromiss eingehen. Aber das ist auch alles“, schreibt Anna Christin Koch in 10 Sätze, die ich als polyamorer Mensch nicht mehr hören kann.

Können wir mehrere Menschen zeitgleich lieben?
Viele Polys sind vielmehr davon überzeugt, dass Polyamorie keine Entscheidung ist, sondern eine Veranlagung. Bildquelle: Unsplash

Polyamorie: Kann jeder zum Poly werden?

Polyamore Beziehungen sind ganz sicher nicht für jeden etwas. Das müssen sie ja auch nicht – schließlich handelt es sich dabei auch gar nicht um ein Modell, das die Monogamie über kurz oder lang ablösen soll. Für Menschen, die sich in einer 1:1-Beziehung vollkommen wohl und geborgen fühlen und kein Bedürfnis danach haben, mehrere Menschen zeitgleich zu lieben, gibt es auch keinen Grund, ihre Beziehung für weitere Partner zu öffnen.

Wer noch mehr erfahren und sich weiter informieren möchte, findet in den Büchern „Wie wir lieben: Vom Ende der Monogamie“ und „Offene Beziehung: Wie sie funktioniert und was du wissen musst, wenn es brennt“ praktische Erklärungen, Ratschläge und Beispiele. Außerdem lohnt es sich, in den Podcast Polyamory Weekly reinzuhören oder die Website Polyamorie.de zu besuchen.

Das Beitragsbild ist übrigens von Omar Lopez auf Unsplash

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

1 Kommentar

  1. Mom Tonn

    Die Mehrheit im Deutschen Bundestag hat bekanntlich auf situative Initiative der ehemaligen bürgerlichen Arbeiterpartei in einer gewissenlosen Gewissensentscheidung dafür plädiert, das Institut der “partnerschaftlichen” Ehe für Schwule und Lesben zu öffnen.
    Da solches geschehen ist, werden Menschen in Gesellschaft in zweierlei Richtung folgerichtig weiterdenken.
    Entweder die Politikgesellschaft schafft irgendwann das Institut der Ehe ab, denn dieses würde in seiner neugewonnenen “Breite der Beliebigkeit” eines besonderen Schutzes nicht mehr bedürfen, vielmehr im Umkehrschluss auf eine Diskriminierung nichtverehelichter Personen hinauslaufen, die ebenso ein berechtigtes Interesse daran haben dürfen, als verantwortliche Staatsbürger wahrgenommen zu werden.
    Oder der Anschauungswandel macht nicht halt, sondern fährt darin fort, das Wirkprinzip von Ehe und Familie zu transformieren, über Doppelehen und Tripleehen bis hin zu vermaschten Polyehen, der so zu benennenden Hyperheirat. What?!
    Nun, Polyamorie wird immer zu einer affengleichen Rangordnung führen, wenngleich sie sich unter Menschen subtil durchsetzt, nicht gewalttätig “kraft des Stärkeren”, und in Abwandlung zur mohammedanischen Vielehe (Darwin’sche Abstammungslehre, kein Rassismus – Halloo!) es dann Hauptmänner und Nebenmänner gibt.
    Doch lasst mich den argumentativen Umweg über die Geschlechterorientierung weiterführen, um zu zeigen, wie sich die Polygamie als Ausdrucksform der beschriebenen Polyamorie zu einer gesetzlich verankerten Beziehungsform entwickeln könnte, was dann den kulturellen Untergang des Abendlandes vollends manifestieren würde: Die nächste Ratlosigkeit wird bevorstehen, sobald sich eine Lesbe und ein Schwuler verheiraten oder ein Schwuler und eine Lesbe (Transsexuelle für die Betrachtung einmal außen vor gelassen) wegen irgendeines Drittgrundes (Immobilie, Adoption, …) die Ehe miteinander eingehen wollen. Damit diese dann in einer erfüllten Sexualbeziehung gemeinsam alt werden können, ohne “unzumutbar Fremdgehen” zu müssen, entsteht ein neuartiges Regelungsbedürfnis, für dessen Beseitigung sich im Idealfall das neu zu schaffende Institut der Doppelehe anbieten wird: Einem schwul-lesbischen Ehepaar wird es von dem Gesetz gestattet, ein anderes lesbisch-schwules Ehepaar zu heiraten. So, im Idealfall, findet jeder Topf seinen Topf und jeder Deckel seinen Deckel.
    Allermeist wird es aber so sein, das sich eine solche idealtypische sexuelle Beziehungsparallelität in der Lebenswirklichkeit nicht herstellen lassen wird, da – ganz einfach – Ausstrahlung, Anziehung und Chemie divergieren. Also wird von den liberalen Parteien der gesellschaftsorientierende Ruf nach Legalisierung von Triple- und Quadehen aufkommen, in der sich der Homopart mit einem anderen schwul-lesbischen Ehepaar hyperverheiratet, und/oder ergo die Lesbenpartie mit einer anderen, selbstgewählten lesbisch-schwulen Ehe. In der unmittelbaren Folge, geradezu denknotwendig, wird die Bundesrepublik Deutschland zum Exporteur des Rechtsinstitutes der “vermaschten Polyehe”, die zur gipfelnden Krönung offen für die Einbeziehung heterosexueller Normalehen werden wird.
    Gesetzt dem Fall, es bleibt bei der Zulässigkeit der Doppelten Staatsbürgerschaft, hätte unser Gemeinwesen bereits schon mit dem skizzierten Fall der Doppelehe, sehr viel wahrscheinlicher aber mit der Hyper-Hyper-Heirat in einer Vermaschten Polyehe das Problem der Multistaatsangehörigkeit von Adoptivkindern. (Und wie schnell das gehen kann sogar ohne Freigabe der Adoption hat der Beitrag über den LESBENsamenspender Ed Houven aus den Niederlanden sehr deutlich werden lassen.) Die ganze Welt nicht nur in einem Dorf, sondern schon in einer Ehe, als Keimzelle der Familie – wie lautet die Positionierung nachfolgender Kommentre? Eines sollte euch dabei allerdings nicht entgangen sein: Hier schreit eine gehörige Portion Sarkasmus offen heraus.

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