Polyamorie: So gelingt die Liebe zu dritt

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Priscilla du Preez auf Unsplash
Polyamorie: So gelingt die Liebe zu dritt

Die Liebe ist etwas Wunderbares. Wieso sollten wir sie also nicht mit mehreren Menschen teilen, wenn uns danach ist und alle beteiligten Personen einverstanden sind? Das Problem: Polyamore Beziehungen entstehen immer häufiger – akzeptiert und verstanden werden sie hingegen noch viel zu selten.

 

 

»Im Moment habe ich einen Herzensmenschen, der mit mir und einer weiteren Person zusammen liebt«, erklärt uns Robin. Bei YouTube, auf dem eigenen Blog und bei Instagram beschäftigt sich Robin neben Themen wie Queerfeminismus, Literatur, Minimalismus, Nachhaltigkeit, kritischem Konsum, Gesellschaftskritik, Veganismus und Reisen auch mit Polyamorie. Der Begriff setzt sich aus dem griechischen Wort polýs – das für »viel, mehrere« steht – und dem lateinischen Wort amor, also »Liebe«, zusammen. Eine klare Definition gibt es allerdings nicht, denn Polyamorie kann unterschiedliche Formen und Ausprägungen haben.

Wie genau das aussehen kann, wie man bei diesem Beziehungsmodell mit Eifersucht umgeht und welche Vorurteile häufig eine Rolle spielen, hat Robin uns im Interview verraten.

 

Kannst du beschreiben, wann und wie du dich das erste Mal mit Polyamorie auseinandergesetzt hast?

Das hätte einen prima Anti-Polyamorie-Werbespot abgeben können: Ich dachte, ich wäre in einer monogamen Beziehung, als mir gesagt wurde, dass es da noch eine Ehefrau gäbe und ich mich jetzt entscheiden könne, ob ich das mittragen oder die Beziehung verlassen möchte. Ich habe da erstmal heftig geschluckt, mich schlussendlich darauf eingelassen und irgendwann glücklicherweise begriffen, dass das nicht die Polyamorie ist, die ich leben möchte. Aber ich bin ein sturer und neugieriger Kopf und habe dann nach Ende der Beziehung nach anderen Erfahrungen gesucht, die meinen Vorstellungen entsprachen: Konsensual, in offener Kommunikation, hierarchiefrei. Die Menschen, die genau das auch wollten, haben dann auch in mein Leben gefunden.

 

Lebst du aktuell in einer polyamoren Beziehung? Wie ist dein Beziehungs-Status?

Ja, wir sind gerade eine Triade: Im Moment habe ich einen Herzensmenschen, der mit mir und einer weiteren Person zusammen liebt – das hatten wir so auch schon in veränderter Konstellation, in der ich mit dieser Person und meiner damaligen Freundin in einem Polygeflecht war. Nach dem holprigen Einstieg in die Polyamorie war das eine sehr heilsame Erfahrung: Das geht ja auch in voller Bejahung, mit geteiltem Wachsen und in einem Raum, in dem wir Ängste aussprechen können.

 

Was bedeutet Polyamorie für dich ganz persönlich?

Polyamorie bedeutet für mich, Hierarchien radikal zu hinterfragen und Mononormativität und Besitzansprüchen einen kritischen Blick anzubieten. Sie heißt für mich, ein sehr tiefes Vertrauen aufbauen zu dürfen, in dem ich keine Verlustangst haben muss, sie bedeutet das kribbelnde, ganz ungeahnte Gefühl der Mitfreude, die Menschen, die ich liebe, auch teilen zu dürfen und dabei am Ende mehr herauszubekommen. Das klingt ganz schön kitschig idealisiert: Aber meine Polyamorie ist das nicht, sie ruckelt und knirscht, sie kann genauso anstrengend sein wie jede andere Beziehung.

 

Wenn mein Herzensmensch sich, sagen wir, in eine trans-exklusive Feministin verlieben würde, hätten wir ein arges Problem.

 

Wie viele Liebesbeziehungen hattest du zeitgleich? Gab und gibt es für dich Grenzen?

Ich war als Single polyamor auf der Suche nach anderen, die auch polyamor leben wollten, ich war in einer Beziehung, die von außen oft als monogam gelesen wurde, es aber nie war, und ich war in Polyam-Geflechten mit bis zu vier Personen. Für mich gibt es ganz klare Grenzen: Ohne Konsens gibt es keine (weitere) Beziehung, es gibt keine Hierarchisierung als Primär- und Sekundärpartner*innen, alle Beteiligten sind grundsätzlich bereit, gemeinsame Kommunikationswege zu finden. Falls Sexualität eine Rolle in einer Beziehung spielen sollte – das muss sie ja nicht, und es geht bei Polyamorie auch erstmal nur um romantische Gefühle, nicht um Sex – ist Safer Sex nicht verhandelbar.

 

Wir geben uns in unserer Beziehung große Mühe, keine Vetos in den Raum zu werfen, sondern die Situation über Bedürfnisse und Befürchtungen zu verhandeln, aber es gibt sicherlich Grenzen: Wenn mein Herzensmensch sich, sagen wir, in eine trans-exklusive Feministin verlieben würde, hätten wir ein arges Problem.

 

Wie genau sah und sieht deine polyamore Beziehung aus?

Alle meine polyamoren Beziehungen wurden zum Teil auch in Fernbeziehungen geführt, das erleichtert die Organisation enorm, ich mag aber Fernbeziehungen eh sehr gern. Manche zwischenmenschlichen Beziehungen waren näher als andere, aber wir kannten einander alle. Das war mir nach meiner ersten Erfahrung mit Polyamorie auch wichtig.

Robin hat sich dazu entschieden, polyamor zu leben und zu lieben.

 

Polyamorie gab es schon immer – die Menschen waren bzw. sind nur nicht mutig genug, es sich selbst einzugestehen oder zu leben. Was hältst du von dieser Aussage?

Das ist eine ziemlich problematische Aussage. Romantisierte Liebe ist eine Erfindung der Neuzeit und gab es in Europa erst ab dem 18. Jahrhundert. Polyamorie hat auch nicht immer etwas mit Mut zu tun, sondern auch damit, wie sicher es ist, sie offen leben zu können (in den USA gab es schon Fälle, in denen polyamore Personen allein aufgrund ihres Beziehungsmodells um das Sorgerecht für ihre Kinder fürchten mussten), und für manche ist Polyamorie auch einfach nichts, und das ist vollkommen in Ordnung und hat nichts damit zu tun, sie sich nicht einzugestehen – wichtig ist erstmal, die eigene Entscheidung für die Monogamie zu reflektieren. Wieso will ich nicht polyamor leben? Gibt es vielleicht Vorurteile, die dabei eine Rolle spielen?

 

Ich persönlich »bin« nicht polyamor, sondern entscheide mich für ein polyamores Beziehungsmodell.

 

Ist Polyamorie eine Typfrage?

Für manche ist Polyamorie einfach nichts, ich empfehle trotzdem, den Gedanken einmal durchzuspielen, ganz leise und in einer ruhigen Minute. Ich persönlich »bin« nicht polyamor, sondern entscheide mich für ein polyamores Beziehungsmodell und habe einen ganzen Koffer voller Werkzeug, der mich dabei unterstützt. Du darfst Eifersucht erleben und auch Angst, wir können dann damit arbeiten, wenn Du es möchtest.

 

Ist Polyamorie für dich eine Beziehungsform, die in der Zukunft als eine allgemein akzeptierte Alternative zur Monogamie stehen kann?

Ich gebe viel Kraft in diese Utopie, aber das ist noch ein weiter Weg. Ich wünsche mir wirklich, dass Menschen die Angst vor der Polyamorie verlieren, verschiedene Modelle dürfen auch ganz wertfrei nebeneinanderstehen.

Welche Vor- aber auch Nachteile bieten polyamore Beziehungen deiner Meinung nach?

Für mich ist Polyamorie auch eine Möglichkeit, gesellschaftliche Beziehungsstrukturen, Bedürfnisse und Ängste intensiv und in einem sehr geschützten Rahmen zu reflektieren und herrschaftsfreie Utopie ganz praktisch auszuprobieren, mit vielen Küssen, aufgeschürften Knien und Raum für spielerisches Ausprobieren, das tief verbindlich ist. Das kann sehr herausfordernd sein, und wie bei jeder großen Herausforderung kann es Dich wachsen lassen oder sich manchmal auch nur wie ein Schlag in den Magen anfühlen, das muss keine*r wollen, aber es kann sich sehr lohnen. Auf organisatorische Probleme oder darauf, den skeptischen Schwiegereltern unterm Tannenbaum erklären zu müssen, dass es da noch eine Person gibt und wir das alle wirklich, wirklich wollen und es richtig ist für uns, könnte ich aber schon verzichten.

 

Für mich ist Polyamorie auch eine Möglichkeit, gesellschaftliche Beziehungsstrukturen zu reflektieren.

 

Mit welchen Vorurteilen wurdest du konfrontiert?

Viele Menschen verstehen gar nicht, dass es wirklich möglich ist, mehrere gleichzeitig und genauso heftig zu lieben, und finden keinen anderen Weg aus diesem Gedanken, ohne Polyamorie als Bindungsangst zu verorten (es könnte nicht weiter entfernt davon sein). Ansonsten ist von Slut Shaming und dem Vorwurf, nur Krankheitsüberträger*in zu sein, bis zu der Vorstellung von Orgien (als gäbe es keine asexuellen Personen in polyamoren Beziehungen), von Egoismusvorwürfen (obwohl Besitzansprüche doch gerade aufgelöst werden) bis hin zur Bedrohung christlicher Werte alles dabei. Solche Vorwürfe habe ich in meinem näheren Umfeld glücklicherweise nie erleben müssen, und es kann wichtig sein, gerade in kleineren Städten andere Menschen zu suchen, die die Entscheidung für offene oder polyamore Beziehungsmodelle verstehen und ähnliche Erfahrungen machen oder suchen.

 

Schließen sich Eifersucht und polyamore Beziehungen grundsätzlich aus?

Nein, gar nicht – na, das muss ich vielleicht korrigieren: Wer ganz extrem eifersüchtig ist, wird in polyamoren Beziehungen möglicherweise nicht glücklich. In monogamen aber auch nicht. Prinzipiell ist Eifersucht weder ein Liebesbeweis noch zwingend nötig noch das Böse schlechthin. Eifersucht lässt sich ganz gut analysieren, oft ist sie eher ein Ausdruck ganz vieler verschiedener Gefühle, mit denen sich gut arbeiten lässt. Packt die Eifersucht mit ein auf euren Roadtrip, an ihr lässt sich viel lernen.

Vielen lieben Dank, Robin!

 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

13 Kommentare

ME
#6 — vor 4 Monaten
Armer Irrer.
Aurora
#5 — vor 5 Monaten 1 Woche
EIn schönes Modell, sicher nichts für mich. Ich finde es sehr erfrischend dieses Modell in einem toleranten und liberalen Ton erklärt zu bekommen, anders geht es nicht.
Moralist
#4 — vor 5 Monaten 2 Wochen
Was Kommt als Nächtes:
Schmeckt Menschenfleisch gut?! Oder:
Wie schön ist Sex mit kleinen Kindern?!
Sorry, aber die Gesellschaft verabschiedet sich grad von sich selber.
Aurora
#4.1 — vor 5 Monaten 1 Woche
Diese Art der Liebe hat nichts mit Kanibalismus oder Pedophilie zu tun. Dieser Vergleich ist extrem unangebracht, unmenschlich und hinkt genauso sehr wie zu sagen, dass die AfD nur von dummen Menschen gewählt wird, denn das ist ist (leider) nicht der Fall.

In reply to #4 by Moralist

Annonym
#4.2 — vor 5 Monaten
Polyamorie ist in keiner Form Vergleichbar mit Menschenfleischkonsum unter Sex mit Minderjährigen. Es hat nämlich einen Entscheidenden Unterschied: bei Polyamorie kommt niemand zu Schaden.

Natürlich scheint es erst mal abschreckend, dass man Regeln, die anscheinend immer gollten hinterfragen und aufweichen darf. Doch ich glaube, dass eine Regel die keinen Rationalen Grund hat, irgendwann aufgeweicht werden muss. Wir haben uns im Laufe der Geschichte von vielen »Regeln« verabschiedet, die schon immer gollten - von Schlechten Regeln, wie dass nicht-Christen immer böse sind, oder davon dass Untertanen dem Herrscher gehören. Aber genauso auf von Guten Regeln, wie dass alle Menschen gleich sind. Wir sollten uns nicht Wahllos von Regeln Verabschieden, da haben sie Recht. Sonst würden wir beim Kannibalismus Landen, wie sie es hier befürchten. Aber wenn wir an Allen Regeln wahllos Festhalten würden - dann würden wir immer noch im Mittelalter Leben. Die Regel eine Beziehung geht nur eins zu eins muss also auf den Prüfstand - dabei hilft ein ausprobieren im kleinen Rahmen, einige Gruppen - bevor die Ganze Gesellschaft zum Versuchskaninchen wird. einen Solchen versuch hat der Interviewte durchgeführt, und für sich dass Ergebnis bewertet.
Dieser Artikel stellt einen Erfahrungsbericht dar und ist soweit ich ihn verstanden habe keine Aufforderung zur Polyamorie.

Neben dem Inhaltlichen Widerspruch möchte ich jedoch auch Methodische Kritik äußern. Ihr Argumentationsschema ist ein sogenanntes Strohmann-Argument. Dass heißt sie legen dem Argumentationsgegner Argumente in den Mund, die er so nie gesagt und wahrscheinlich auch nie gemeint hat, da dieses Leichter zu widerlegen ist, als seine Tatsächliche Argumentation. Mich würde es freuen, wenn sie ihren Widerspruch auf das Tatsächliche Thema, beziehen - denn dieser Lebensentwurf ist ja eben gerade auf dem Prüfstand - und auch Kritik an der Polyamorie ist hier wichtig, im Gegensatz zu Kritik am Kannibalismus.

Man muss ihnen jedoch zugute Halten, dass sie den treffenden Namen »Moralist« gewählt haben, da die Moral nicht die Reflektion über gut und Böse ist (Das wäre Ethik) - sondern die verbreitete (oder je nach Kontext eigene) emotional behafteten Sichtweise auf Gut und Böse ist. Daher ist es wichtig, dass sie diese Ängste hier Artikullieren. Zumal ich glaube dass sie eine sehr verbreitete Angst vor der Regellosigkeit artikulieren - die wir unbedingt in den Diskurs einbeziehen sollten. Denn auch wenn die Angst unbegründet sein kann, so ist sie doch da, und wir sollten sie verstehen, damit wir bei Konventionen erarbeiten können, die ihnen Sicherheit geben ohne Polyamoren die Freiheit zu nehmen.

In reply to #4 by Moralist

Sebastian
#4.2.1 — vor 4 Monaten 3 Wochen
Die Definition wird den »echten« moralisten nur unzureichend gerecht...
;)

In reply to #4.2 by Annonym

Sebastian
#4.3 — vor 4 Monaten 3 Wochen
Wovor hast du Angst?

In reply to #4 by Moralist

allergoman
#4.4 — vor 3 Monaten 2 Wochen
soso, da wirkt das alte gift der kirche und ihrer doppelmoral immer noch weiter fort, anders kann ich mir diese antwort nicht erklären. hier beschreibt jemand sein ganz persönliches lebensmodell, ohne anspruch auf allgemeingültigkeit und wertung. wozu dann den untergang des abendlandes beschwören....??

In reply to #4 by Moralist

Nonkonformist
#3 — vor 6 Monaten 1 Woche
Alles Unsinn; und in der Vergangenheit schon mehrmals unter verschiedenen Bezeichnungen ausprobiert worden. Ist also nichts Neues. Und hat nie wirklich funktioniert, sowie viel psychischen Schaden angerichtet.
anonym
#3.1 — vor 5 Monaten
Ich bin da leider nicht so gut informiert wie sie. könnten sie vielleicht Genauer aufschlüsseln, wann Polyamorie versucht wurde, und welche Schäden angerichtet wurden? Dass würde mir helfen, ihrer Argumentation zu folgen.

In reply to #3 by Nonkonformist

Hubsi von Dürremen
#2 — vor 6 Monaten 1 Woche
»Im Moment habe ich einen Herzensmenschen, der mit mir und einer weiteren Person zusammen liebt«

Was ist denn das für ein Deutsch?
Samuel Speitelsbach
#1 — vor 6 Monaten 2 Wochen
Es ist schon klar, dass Polygamie Mord und Totschlag bedeutet und Frauen alleine alle Arbeit erledigen müssen?!
aufgeklärte Mitte
#1.1 — vor 4 Monaten 3 Wochen
Das wäre in einer polyamoren male Dom, female Sub DS-Beziehung vielleicht so. Ich kenne es aus dem Freundeskreis sogar andersherum. In einer polyamoren Beziehung hat meistens (nicht immer) das Geschlecht in der Minderheit das sagen. Und wenn ich sehe, wie meine Bekannte ihre drei Männer und die zwei Kinder managed, dann sieht das weniger nach Mord und Totschlag oder der armen unterdrückten Frau aus.

In reply to #1 by Samuel Speitelsbach

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