Pflege der Eltern: Zwischen Verantwortung & Existenzangst

Words by Arzu Gül
Photography: katemangostar / Freepik
Lesezeit: 5 Minuten
Frau umarmt ihre ältere Mutter - Pflege der Eltern

Wenn die eigenen Eltern plötzlich zum Pflegefall werden, treten viele Ungewissheiten und Fragen auf. In vielen Fällen werden dann die Kinder zur Verantwortung gezogen. Doch was sieht das Gesetz wirklich vor? Wo erhalten Angehörige Hilfe? Und was, wenn man sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühlt?

Manchmal tritt der Fall schleichend ein, manchmal ganz plötzlich. Doch meistens sind Kinder nicht darauf vorbereitet, wenn ihre Eltern pflegebedürftig werden. Häufig empfinden sie jedoch eine moralische Pflicht, sich um ihre Eltern zu kümmern, die sich zusätzlich mit Schuldgefühlen und eigenen existenziellen Ängsten mischt. Doch wozu sind Kinder eigentlich gesetzlich verpflichtet? Welche Hilfestellungen gibt es? Und wie geht man mit der nicht zu unterschätzenden psychischen Belastung um?

Es gibt viele Gründe dafür, weshalb Eltern nicht mehr dazu in der Lage sind, ihr eigenes Leben zu bestreiten. Zu den häufigsten Ursachen gehören körperliche oder psychische Erkrankungen, eine verringerte Mobilität oder eine veränderte Lebenssituation, wie etwa durch den Tod von EhepartnerInnen, die bis dahin einen Großteil der täglichen Aufgaben übernommen haben.

In solchen Fällen benötigen die Eltern dann Hilfe – mal mehr, mal weniger. Bei einigen reicht es vielleicht noch, die wöchentlichen Einkäufe und Zubereitungen der Mahlzeiten zu übernehmen, sich um den Haushalt zu kümmern oder bürokratische Aufgaben zu erledigen. Manchmal aber benötigen Eltern auch eine Rundum-Betreuung und müssen zu jeder Tages- und Nachtzeit auch medizinisch betreut werden. Je nach Schweregrad der elterlichen Bedürftigkeit kann eine Pflegesituation ganz unterschiedliche Herausforderungen und Fragestellungen mit sich bringen. Doch wozu sind Kinder eigentlich überhaupt verpflichtet?

Elternunterhalt: In diesem Fall müssen Kinder zahlen

Als Kind hat man nicht nur eine (in den meisten Fällen) individuell empfundene moralische, sondern auch eine gesetzliche Pflicht, für seine pflegebedürftigen Eltern aufzukommen. Denn wenn alternde Menschen die Kosten für ihre Pflege im Alter nicht selbst aufbringen können, werden häufig die erwachsenen Kinder zu Unterhaltszahlungen verpflichtet.

Die Kosten für eine Betreuung, beispielsweise in einem Pflegeheim, werden zwar teilweise von den staatlichen Pflegekassen und Sozialämtern übernommen, jedoch bleibt ein nicht unerheblicher Eigenanteil, der monatlich für die Unterbringung in einer entsprechenden Einrichtung anfällt. Die Kosten hierfür setzen sich aus Unterkunft, Zusatzleistungen, Verpflegung, Investitionskosten und der Pflegegrad-Stufe individuell zusammen. Aktuell liegt der Eigenanteil für einen Platz in einem Pflegeheim durchschnittlich bei knapp 1.930 Euro pro Monat.

Konnte der pflegebedürftige Elternteil oder dessen EhepartnerIn diesen Betrag nicht aufbringen, mussten bis Ende 2019 noch die Kinder für den Unterhalt ihrer Eltern aufkommen, sofern ihnen netto monatlich mehr als 1.800 Euro (bei Alleinstehenden) bzw. 3.240 Euro (bei Verheirateten) zur Verfügung standen. Dieser Selbstbehalt wurde von vielen Betroffenen, aber auch von PolitikerInnen, als zu gering empfunden. Seit dem 01.01.2020 wurde nach langer Diskussion daher das sogenannte Angehörigen-Entlastungsgesetz verabschiedet, wodurch Kinder erst dann zu Unterhaltszahlungen herangezogen werden können, wenn ihr Jahreseinkommen den Betrag von 100.000 Euro brutto (inklusive Vermietungen, Verpachtungen und sonstiger Einkünfte) übersteigt. Künftig werden bei der Kalkulation auch EhepartnerInnen nicht mehr mit einbezogen, es gilt also nur noch das eigene Einkommen. Damit soll Verwandten die Angst vor unkalkulierbaren finanziellen Forderungen genommen werden.

Pflege im Heim oder zu Hause?

Nicht immer muss ein pflegebedürftiger Elternteil direkt ins Heim. Bis Ende 2017 belief sich die Anzahl der Pflegebedürftigen in Deutschland auf rund 3,4 Millionen Menschen, von denen »nur« knapp ein Viertel vollstationär in Pflegeheimen versorgt wurde. Der Großteil wird zu Hause versorgt, entweder alleine durch Angehörige oder gemeinsam mit einem ambulanten Pflegedienst, der gewisse Aufgaben im Alltag übernimmt.

In Deutschland gibt es keine gesetzliche Anforderung, die Pflege der Eltern selbst zu übernehmen. Dennoch fühlen sich viele Kinder dazu verpflichtet. Schließlich waren die Eltern in der Regel die meiste Zeit ihres Lebens für sie da, haben sie erzogen, umsorgt und finanziell unterstützt. Doch die Versorgung und Pflege alternder oder kranker Eltern mit deren Erziehungsarbeit auf eine Stufe zu stellen, ist ein unfairer Vergleich. Die Fürsorge für die eigenen Kinder ist eine Verantwortung, für die sich Eltern ganz bewusst entschieden haben, als sie ihren Nachwuchs geplant haben. Für die Pflege der eigenen Eltern hingegen nicht. Hinzu kommen der Haushalt, Partnerschaften und weitere Verpflichtungen und Verantwortungen. Für viele ist an diesem Punkt schon das volle Maß an Stress im Alltag erreicht. Die Pflege der Eltern dann noch selbstverständlich on top zu übernehmen, ist für einige Menschen aufgrund einer drohenden physischen und psychischen Überlastung dann nicht mehr tragbar.

Ob und in welcher Form die Pflege eines Elternteils übernommen werden soll, sollte daher kein Automatismus und keine Ad-hoc-Entscheidung sein, sondern mit allen Familienangehörigen ausführlich besprochen werden. Hierzu sollten sich Betroffene viele Fragen stellen und die eigene finanzielle und räumliche Situation, das innerfamiliäre Zeitmanagement, zur Verfügung stehende Hilfsdienste sowie die körperlichen und psychischen Fähigkeiten aller Beteiligten analysieren. Ist womöglich ein barrierefreier Umbau der eigenen Immobilie notwendig? Muss die pflegende Person in eine Teilzeit-Anstellung wechseln? Reicht das Gehalt, gegebenenfalls mit finanzieller Unterstützung des Staates, aus, um alle Fix- und variablen Kosten zu decken? Pflegende Angehörige sollten zusätzlich physisch und psychisch gesund genug sein, um die Aufgabe der Pflege zu übernehmen

Wenn die Pflege der Eltern zu psychischen Belastung führt, sollten sich Betroffene professionelle Hilfe holen

Eine erste Anlaufstelle, um genau diese Fragen zu klären und sich ausführlich beraten zu lassen, sind soziale Einrichtungen und Institutionen, z. B. die AWO, Caritas, Diakonie, das DRK oder der Paritätische. Auch in den Ämtern und Behörden von Stadt, Gemeinde oder Kommune erhalten Angehörige Informationen zu gesetzlichen Unterstützungsprogrammen und können gemeinsam mit Fachleuten einen individuellen Pflegeplan aufstellen.

In einem solchen Plan sollten dann auch alle möglichen Hilfeleistungen aufgelistet werden, die der Staat und die Versicherungen im Falle einer Übernahme der Pflege anbieten. Darunter fallen finanzielle Unterstützungen, steuerliche Vorteile, Pflegekurse für Angehörige, Zuschüsse zu Wohnungsanpassungen sowie auch Urlaubs- und Krankheitsvertretungen. Eine vollständige Liste aller Leistungen der Pflegeversicherungen findet sich im Online-Ratgeber des Bundesministeriums für Gesundheit.

Es ist in Ordnung, die Verantwortung abzugeben

Wer erkennt und entscheidet, dass er die Pflege der eigenen Eltern nicht übernehmen möchte oder kann, sollte sich hierfür weder schämen noch verstecken. Denn wer aus einem falschen Verantwortungsgefühl heraus diese schwere Aufgabe übernimmt, der wird schnell an seine Grenzen stoßen, womit niemandem geholfen wäre. Rund 70 Prozent der Pflegenden fühlen sich Umfragen zufolge überfordert. Die ständigen Schuldgefühle den Eltern, aber auch der eigenen Familie gegenüber, weil man nicht allen gerecht werden kann, die Sorge, etwas falsch zu machen oder zu »versagen«, aber auch ein Mangel an Freizeit und Privatsphäre sowie die Mehrfachbelastung durch Job, Haushalt, Familie und Kinder können nicht nur zu körperlichen Beschwerden und schwerer Unzufriedenheit, sondern unter Umständen gar zu Burn-out, Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit, Aggressionen oder Depressionen führen.

Dass Angehörige ihren pflegebedürftigen Eltern damit keinen Gefallen tun, versteht sich von selbst. Denn Eltern möchten in der Regel nicht dabei zusehen müssen, wie ihre Kinder unter ihrer Lebenssituation leiden, geschweige denn dafür verantwortlich sein. Wenn die Unzufriedenheit, der Druck und die Schuldgefühle in schwerwiegenden Fällen sogar in eine physische oder psychische Gewaltanwendung den Eltern gegenüber ausarten, ist es höchste Zeit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen – besser wäre es natürlich, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Wer sich dafür entscheidet, die Pflege selbst zu übernehmen, sollte also immer bedenken, dass die übernommene Verantwortung nicht damit einhergehen darf, sich selbst aufzugeben. Die Sorge um das Wohlbefinden des pflegebedürftigen Menschen muss ausnahmslos mit der Sorge um das eigene Leben einhergehen.

Weiterführende Hilfestellungen finden Betroffene beim Bundesministerium für Gesundheit:

bundesgesundheitsministerium.de/online-ratgeber-pflege.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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