Zu alt für ein Kind? Darf man mit 40 noch Mutter werden?

Words by Arzu Gül
Photography: Freepik
Lesezeit: 5 Minuten
Frau hält Baby im Arm - Mutter ab 40

Ein Kind ab 40 Jahren? MedizinerInnen warnen vor Geburtsrisiken, doch PsychologInnen kommen immer häufiger zu dem Ergebnis: Kinder von älteren Müttern leben gesünder!

Immer mehr Frauen in Deutschland bekommen im höheren Alter Kinder. Das erste Kind jenseits der 35? Das ist keine Seltenheit mehr, sondern inzwischen ganz normal. Doch gibt es ein »zu alt« für das Kinderkriegen? MedizinerInnen und SkeptikerInnen sagen: Ja! Aus gesundheitlichen Gründen und zum Wohle des Kindes sollten Frauen eher in jungen Jahren Mutter werden. PsychologInnen halten dagegen und betonen, Kinder von älteren Müttern würden gesünder leben und hätten es oft besser. Gibt es ein Richtig oder Falsch?

Mutter ab 40: Die Anzahl hat sich vervierfacht!

Das Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes ist seit den 60er Jahren stetig angestiegen. Laut Statistischem Bundesamt lag das Alter für eine Erstgeburt 1970 noch bei 24 Jahren, heute bekommen Frauen ihr erstes Kind mit durchschnittlich 30 Jahren. Aber auch die Geburtenhäufigkeit bei Frauen ab 40 Jahren stieg signifikant an. 1990 lag diese bei 23 Kindern je 1000 Frauen, 2018 waren es schon 88 Kinder je 1000 Frauen. Zwar ist ein so hohes Geburtsalter im Vergleich noch eher die Ausnahme, jedoch hat sich die Zahl immerhin vervierfacht. Ein Trend ist also definitiv erkennbar.

Warum Frauen ihren Kinderwunsch immer später erfüllen, ist leicht aufzuklären. Aufgrund der steigenden Bildungschancen und dem Bedürfnis, eine gute Ausbildung und möglichst auch Berufserfahrung vorweisen zu können, liegen die Prioritäten häufig nicht mehr nur auf der Familienplanung. Auch hat sich das gesamte Dating-Verhalten mit den Jahren verändert. Eine Hochzeit ist kein Muss mehr, der Wunsch, »ewig« zusammen zu bleiben, scheint für viele veraltet. Eine stabile, gefestigte Partnerschaft lässt somit heute länger auf sich warten, ist für viele Menschen gleichzeitig aber häufig noch Voraussetzung dafür, sich für ein Kind zu entscheiden.

Risiko Downsyndrom: 1 zu 97!

Doch was bedeutet dieser demografische Wandel für das Wohl des Kindes? In der Medizin wurden zu diesem Thema bereits zahlreiche Studien durchgeführt. Die Ergebnisse sprechen eindeutig zugunsten jüngerer Mütter: So steigt mit zunehmendem Alter der Mutter auch das Risiko für Früh- und Fehlgeburten oder Fehlbildungen. Zum Vergleich: Bei Frauen im Alter von 20 bis 25 Jahren liegt das Risiko für eine Fehlgeburt bei 9 Prozent. Bei einer Schwangerschaft ab 35 Jahren liegt das Risiko bereits bei 20 Prozent. Auch die Wahrscheinlichkeit, ein Kind mit dem Downsyndrom (Trisomie 21) zu bekommen, nimmt mit dem Alter zu. Liegt die Wahrscheinlichkeit im Alter von 20 Jahren noch bei 1 zu 1.526, steigt sie im Alter von 30 Jahren bereits auf 1 zu 594 und im Alter von 40 Jahren sogar auf 1 zu 97 an. Doch: So erschreckend die Zahlen auch klingen, die Realität sieht häufig anders aus. Laut Pränatalmediziner Professor Constantin von Kaisenberg von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) würden die meisten Kinder mit Trisomie 21 von jungen Müttern geboren. Dies hängt natürlich mit der höheren Geburtenrate in dieser Altersgruppe zusammen, jedoch bringen eben auch viele Mütter im höheren Alter kerngesunde Babys auf die Welt.

Übrigens treten Komplikationen nicht nur in Verbindung mit dem Alter der Mutter auf. Auch Männer sollten sich nicht unbegrenzt mit dem Kinderkriegen Zeit lassen. Laut einer Studie nehme die Spermienqualität ab einem Alter von 35 Jahren ab. Bei Vätern ab 45 Jahren steige zudem das Risiko für Frühgeburten, Totgeburten, angeborene Herzerkrankungen sowie psychische und kognitive Störungen und Autismus. Grund hierfür seien u. a. ein mit zunehmendem Alter auftretender Testosteronabfall sowie epigenetische Veränderungen des Erbmaterials.

Laut PsychologInnen sind ältere Mütter eher im Leben angekommen und fördern eine gesunde Erziehung der Kinder

Ältere Mütter haben weitaus besseren Lebensstandard

Wann also ist medizinisch gesehen der beste Zeitpunkt, ein Kind zu bekommen? Rein biologisch betrachtet sollten Frauen in der Lebensphase zwischen 20 und 29 Jahren schwanger werden. In diesem Alter ist die Fruchtbarkeit am höchsten. Doch gibt es auch viele andere wichtige Faktoren, die bei dieser Frage bedacht werden müssen. Generell ist, unabhängig vom Alter, eine gesunde und bewusste Lebensweise wichtig. Eine ausgewogene Ernährung fördert die Gesundheit und mindert das Risiko von Fehlbildungen. Auch ausreichend Bewegung, Sport, wenig Stress und ein sicherer Lebensstandard wirken sich positiv auf die spätere Gesundheit des Kindes aus. Und diese ist bei Frauen jenseits der 30 oftmals besser als noch mit Anfang 20.

Stellt man die Frage nach dem optimalen Alter beispielsweise PsychologInnen, so raten viele eher zu Geburten ab 30 Jahren. Dann nämlich sind Mütter im Leben angekommen, finanziell abgesichert und auch häufig besser informiert über den Prozess des Kinderkriegens, in Bezug auf Kindergesundheit und in Fragen der Erziehung. Eine Studie der Aarhus Universität untersuchte über 4.741 Mütter und Kinder. Das Ergebnis: Kinder im Alter von 7 bis 11 Jahren von Müttern, die zum Zeitpunkt der Geburt Mitte 30 oder älter waren, wiesen weitaus weniger soziale, emotionale sowie Verhaltensschwierigkeiten auf. Die Studie hat weiterhin herausgefunden, dass die älteren Mütter ihre Kinder seltener physisch oder verbal bestrafen, was auf einen höheren Grad an emotionaler Reife hindeutet. 

Kinder von älteren Müttern sind häufig intelligenter

Eine andere Studie der London School of Economics (LSE) stützt diese Aussage. Für diese Studie wurden die Daten von 18.000 Geburten um das Jahr 2000 verglichen. Die Kinder wurden später in einem Alter von ca. 5 Jahren untersucht. Dabei kam heraus, dass Kinder von Ü30-Müttern in Intelligenztests besser abschnitten als die Kinder jüngerer Mütter. Laut Dr. Alice Goises, Forscherin an der LSE, hänge dieses Ergebnis mit dem Lebensstil älterer Mütter zusammen:

»Frauen, die in ihren 30ern das erste Mal Mutter werden, sind in der Regel gebildeter, haben ein höheres Einkommen, befinden sich häufiger in stabilen Partnerschaften, führen einen gesünderen Lebensstil, suchen früher Vorsorgeuntersuchungen auf und planen ihre Schwangerschaften. Diese Faktoren tragen möglicherweise dazu bei, dass Kinder bessere Leistungen erbringen.«

Zu ähnlichen Erkenntnissen kommen WissenschaftlerInnen immer häufiger. Eine weitere Studie der University of Southern California belegt, dass eine Frau ab 35 Jahren mental in der besten Verfassung ist, ein Kind zu bekommen. Bei einem Test mit 830 Frauen kam heraus, dass Mütter ab 24 Jahren eine bessere Auffassungsgabe aufwiesen als diejenigen, die bei ihrem ersten Kind jünger waren. Frauen, die ab 35 Jahren erstmals Mutter wurden, hatten außerdem eine bessere Wahrnehmung und ein ausgebildeteres Sprachgedächtnis. 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Je älter die Mutter, desto gesünder und gebildeter das Kind

Es ist also nicht unbedingt von Vorteil, früh Mutter zu werden. Auch aus gesundheitlicher Sicht. Zu dieser Erkenntnis kommt eine Studie von Mikko Myrskylä, Direktor am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock, und Kieron Barclay von der London School of Economics. So hätten zahlreiche Untersuchungen gezeigt, dass Kinder älterer Mütter gesünder, größer und gebildeter seien. Die biologischen Risiken, die mit einer späten Schwangerschaft einhergehen, würden von den positiven Veränderungen der äußeren Einflüsse mehr als kompensiert. Diese Faktoren hätten in ausschließlich medizinisch orientierten Studien bisher kaum Beachtung gefunden, obwohl diese signifikant für das Wohl des Kindes seien. 

Frauen ab 30 und auch im Alter von 40 Jahren müssen sich also weder Sorgen noch Vorwürfe machen, falls sie sich einen »späten« Kinderwunsch erfüllen wollen. Ja, das biologische Risiko für einen Geburtsfehler liegt zwar höher, muss sich aber nicht bewahrheiten und lässt sich eben auch bei jüngeren Frauen nicht ausschließen. Viele Frauen jenseits der 30 leben weitaus gesünder und bringen gesunde Kinder auf die Welt. Das Kind wächst außerdem oft als Wunschkind auf, wird emotional und psychisch mehr gefördert und profitiert von der Lebenserfahrung der Eltern. Die stereotypen Rollenbilder und Ansichten über das »perfekte« Alter einer Mutter können somit guten Gewissens über Bord geworfen werden. 

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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