Finden wir die große Liebe mithilfe Künstlicher Intelligenz?

Words by Arzu Gül
Photography: Freepik
Lesezeit: 4 Minuten
Künstliche Intelligenz Dating - Frau und Mann halten Smartphone in der Hand und lächeln

Immer mehr Online-Dating-Angebote setzen Künstliche Intelligenz und Algorithmen ein und versprechen, auf diese Weise die Erfolgsquote beim Dating zu erhöhen. Doch kann eine Maschine wirklich voraussagen, mit wem wir in einer Beziehung glücklich werden?

Die Suche nach der einen, großen Liebe, die für immer hält – sie ist nicht besonders einfach. Wie soll man auch bei der schier unendlichen Auswahl potenzieller Singles herausfinden, wer am besten zu einem passt? Überhaupt, so die weitverbreitete Meinung: Liebe ist kompliziert, und heutzutage ist es eh ohnehin fast unmöglich, noch einen »Seelenverwandten« zu finden. Was der Mensch scheinbar nicht zu leisten vermag, das soll nun eine Maschine übernehmen: Immer mehr Dating-Apps und Online-Portale setzen auf Künstliche Intelligenz und Algorithmen, die uns zukünftig ohne Umwege in die Arme unserer nächsten große Liebe führen sollen. Was steckt dahinter?

Dating-Apps und Online-Portale sind in Deutschland so beliebt wie noch nie. Laut einer Bitkom-Studie zum Thema Online-Dating geben 30 Prozent der Befragten an, bei der Partnersuche auf Angebote im Internet zurückzugreifen, Tendenz steigend. Bemerkenswert ist dabei die Erfolgsquote. So geben rund 52 Prozent aller Befragten an, schon einmal eine oder einen feste*n Partner*in über einen Online-Dating-Dienst kennengelernt zu haben. Immerhin jede*r Vierte war bei Veröffentlichung der Studie sogar aktuell noch in einer Beziehung. Nach einer Suche der Nadel im Heuhaufen klingt das nicht – die große Liebe im Netz zu finden scheint tatsächlich immer wahrscheinlicher zu werden.

Die Anbieter nutzen dabei ganz unterschiedliche Funktionen und Herangehensweisen, um zwei Menschen zueinander zu bringen. Ursprünglich forderten Dating-Webseiten ihre BenutzerInnen dazu auf, lange Fragebögen auszufüllen und ein Profil zu erstellen, auf dessen Basis dann passende Partnervorschläge gemacht wurden. Bei einigen Angeboten ist das auch heute noch der Fall. Doch immer mehr Partnervermittlungsdienste verzichten inzwischen auf Fragebögen und stützen sich stattdessen auf maschinelles Lernen sowie auf eigens entwickelte Algorithmen und Künstliche Intelligenzen, um die Suche nach der große Liebe im Dating-Dschungel zu vereinfachen.

Viele glückliche Paare lernen sich heute via Online-Dating-Apps und Webseiten kennen

Die perfekte Beziehung – dank Gesichtserkennung?

Eine dieser Apps nennt sich »Fatchd!«, eine deutsche Dating-App, die auf maschinellem Lernen und Gesichtserkennung basiert. Das Prinzip klingt einfach: Anhand zweier Fotos, vorzugsweise Porträtfotos, soll die App die Kompatibilität zweier Menschen ermitteln. Mithilfe eines Scores wird einem dann angezeigt, wie erfolgreich eine Beziehung zu dieser Person wahrscheinlich wäre. Im ersten Moment klingt dies nach einer Spielerei: Wie soll eine App anhand von zwei Fotos entscheiden können, ob ich mit einer Person zusammenpasse? Doch im Gespräch mit Stern geben die GründerInnen Alexandra Lier und Martin Dräger Einblick in die Funktionsweise der Anwendung. Hinter dem Matching-Mechanismus stecke eine Künstliche Intelligenz, die gemeinsam mit MitarbeiterInnen des Instituts für Medizintechnische Systeme der Technischen Universität Hamburg entwickelt wurde und für die ein Datensatz von insgesamt 8300 Gesichtern analysiert wurde. Im Rahmen der Methodik wurde sogar eigens eine wissenschaftliche Studie aufgesetzt. Die Basis der Funktion liegt in den bisherigen Erkenntnissen über die Eigenschaften eines Gesichts und dessen Aussagekraft. So kann man an den äußerlichen Merkmalen eines Menschen unter anderem das Alter, den Gesundheitszustand und sogar Persönlichkeitsmerkmale ablesen. Der Matching-Algorithmus der App hat im Rahmen der Studie also tausende Gesichter analysiert und Annahmen über persönliche Interessen, Vorlieben und weitere Merkmale getroffen. Anschließend wurden die Gesichter miteinander verglichen, um einen Ähnlichkeits-Matching-Score zu ermitteln. Die zugrunde liegende Technik verarbeite aber nicht nur die Daten, sondern lerne mit jedem Matching dazu. Die Künstliche Intelligenz könne so mit der Zeit die Ähnlichkeiten und Präferenzen anhand von Gesichtsbildern ermitteln. Laut Lier soll die Genauigkeit des Matching-Scores von Fatchd! Bei 70 Prozent liegen. Das seien immerhin 20 Prozent mehr als die menschliche Intuition, die bei ca. 50 Prozent liegt.

8-mal höhere Erfolgsquote dank Künstlicher Intelligenz

Eine weitere App auf dem Dating-Markt, die auf Künstliche Intelligenz setzt, ist zum Beispiel »Hinge«. Die App, die 2012 von dem amerikanischen Unternehmer Justin McLeod gegründet wurde, hat sich zum Ziel gesetzt, von ihren NutzerInnen möglichst schnell wieder gelöscht zu werden – denn ständiges Hin-und-her-Daten und bedeutungslose One-Night-Stands sollen mit der Matching-Funktion bald der Vergangenheit angehören. Dafür nutzt Hinge den sogenannten Gale-Shapley-Algorithmus. Der Algorithmus lernt im Laufe der Zeit, was NutzerInnen liken oder wegklicken, und kann auf dieser Datenbasis Geschmacksmuster erkennen. Auf Grundlage dieser Informationen schlägt die App NutzerInnen dann einen »Most Compatible«-Match des Tages vor, also eine Person, mit der die Chance auf ein erfolgreiches Date zu gehen, nach Aussagen der EntwicklerInnen 8-mal höher sei als bei jemandem, den man sich beispielsweise selbst ausgesucht hat.

Begibt man sich im Internet auf die Suche nach weiteren Anbietern, so wird schnell deutlich, dass immer mehr Webseiten und Apps offenkundig mit Künstlicher Intelligenz arbeiten, um die große Liebe zu vermitteln. Doch wie funktioniert das Ganze?

Wie viele Informationen kann eine Künstliche Intelligenz aus unserem Gesicht ablesen?

Welche Informationen verarbeitet eine Künstliche Intelligenz über uns?

KI-Algorithmen sind schon seit Jahren dazu in der Lage, sich unseren gesamten digitalen Fingerabdruck und somit unser Online-Verhalten einzuprägen und diesen über einen längeren Zeitraum zu vergleichen. Je häufiger wir eine Anwendung nutzen, desto genauer werden die Angaben. Dabei kann eine Künstliche Intelligenz selbst die kleinsten Details berücksichtigen, die wir normalerweise nicht einmal selbst bemerken würden. Dazu gehören beispielsweise auch unsere durchschnittliche Reaktionszeit, die Gefühlslage, die in unserer Kommunikation zum Ausdruck kommt, unsere Stimmlage, unser Leseverhalten oder wie kurz bzw. lang wir uns zum Beispiel auf einem Dating-Profil aufhalten.

Die grundlegende Rolle von Künstlicher Intelligenz bei Dating-Anwendungen besteht darin, die Persönlichkeit des Nutzers in verschiedenen Dimensionen zu kategorisieren und zu analysieren. So werden NutzerInnen nach sozialen, emotionalen und physischen Merkmalen eingeordnet und die Wert- und Moralvorstellungen in Beziehungen analysiert. Das geschieht einerseits durch das oben genannte maschinelle Lernen und andererseits durch Informationen, welche die Anwendungen beispielsweise aus unseren Social-Media-Profilen, Fotos und eigenen Angaben ziehen. Während wir Menschen die meisten Entscheidungen unterbewusst treffen, kann die Künstliche Intelligenz also alle noch so kleinen Faktoren aktiv miteinander vergleichen und in Beziehung setzen und uns aus einer Vielzahl von potenziellen Partnern so den vielversprechendsten Match vorschlagen.

Natürlich bedeutet dies im Umkehrschluss nicht, dass wir Menschen nicht mehr selbst dazu in der Lage wären, den perfekten Partner für uns zu finden. Nur dauert es auf dem »altmodischen« Wege wahrscheinlich etwas länger, bis wir erkennen, mit wem wir kompatibel sind oder eben nicht. Künstliche Intelligenzen können Singles eine Menge Zeit und ggf. auch gescheiterte Dates ersparen, indem sie Informationen in die Entscheidung einfließen lassen, auf die man im normalen Leben sonst keinen Zugriff hat. Menschen, die uns das Blaue vom Himmel runterbeten, Interessen vorgaukeln oder krampfhaft nach Übereinstimmungen suchen, haben dank dieser Dating-Apps keine Chance mehr, in unserem Leben zu landen. In einer Zeit, die von Hektik und Schnelllebigkeit geprägt ist und in der gleichzeitig das Bedürfnis nach Nähe und Intimität zunimmt, ist dies also vielleicht genau die Lösung, die wir gebraucht haben.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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