Wie lange darf ein Kind seine Eltern nackt sehen?

Words by Arzu Gül
Photography: Janko Ferlič auf Unsplash
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Mutter und Baby nackt
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Es ist ein heikles Thema, und fast jede/r hat dazu eine andere Meinung: die Frage, ob und bis wann ein Kind seine Eltern nackt sehen darf. Was wird empfohlen?

Bei einer Geburt wird das Baby meist direkt nach der Entbindung auf die Brust der Mutter gelegt. Das ist das Natürlichste der Welt und soll die Bindung zwischen Mutter und Kind stärken. In den frühen Lebensjahren wird das Kind gebadet, gewickelt, gekleidet und rund um die Uhr betreut. Hier würde sich kaum jemand die Frage stellen, ob es in Ordnung sei, das Kind nackt zu sehen, oder ob das Kind umgekehrt die Eltern nackt sehen dürfe.

In Online-Foren wird heiß diskutiert

Doch mit zunehmendem Alter scheiden sich die Geister. Irgendwann, so scheint es, wird Nacktheit zwischen Eltern und Kind zum Tabu. Wann und wo genau diese Grenze gezogen wird, das kann keiner so genau sagen. Informiert man sich im Internet zu diesem Thema, so findet man nur wenige offizielle Empfehlungen oder Quellen, stattdessen aber eine Vielzahl von Foren, in denen sich vor allem Eltern austauschen, diskutieren oder sogar streiten.

Nacktheit generell zu verteufeln ist sicher nicht richtig. Schließlich ist der menschliche Körper an sich etwas sehr Natürliches, und Kinder sollten ein gesundes Verständnis von Körperformen und -idealen vermittelt bekommen. Aber muss das in Form von Nacktheit im eigenen Haushalt geschehen? Ist das in Ordnung?

In Foren gibt es dazu viele unterschiedliche Meinungen: »Ich finde das absolut ok, denn das vermittelt den Kindern auch das Gefühl, dass sie sich nicht für ihren Körper schämen müssen«, heißt es von einer Mutter. Eine andere sagt: »Für mich kommt es auf das Alter/den Entwicklungsstand des Kindes an. Ich glaub nicht, dass ich vor meinem elfjährigen Sohn nackt rumlaufen oder mit ihm duschen (wollen) würde. So etwas war bei mir in der Kindheit auch gar nicht üblich und wäre mir sicher auch extrem unangenehm gewesen.« Die meisten Eltern geben an, dass sie das Nacktsein in dem Moment unterlassen hätten, als ihre Kinder anfingen, von sich aus ein Schamgefühl zu zeigen.

Die Entwicklung des Schamgefühls ist ein Indikator

Das Schamgefühl äußert sich beispielsweise durch einen erhöhten Wunsch nach Privatsphäre, etwa wenn Kinder anfangen, die Türen zu schließen, um sich in ihrem Zimmer umzuziehen oder im Badezimmer duschen zu gehen. In anderen Fällen zeigt sich die Scham in einem charakteristischen Ausdrucksverhalten, zum Beispiel durch peinlich berührte Blicke oder Wut und Ärger, wenn eine andere Person die Intimsphäre des Kindes stört. Laut einer Untersuchung von Prof. Dr. Bettina Schuhrke, Diplom-Psychologin an der Uni Darmstadt, zeigt sich die größte Häufung von Schamreaktionen bei Kindern im Alter von fünf Jahren, wobei es natürlich immer Abweichungen in Richtung früher oder später gibt. Das Kind nimmt sich dann selbst als von anderen beobachtet wahr, macht sich aktiv Gedanken über die Situationen und versucht, Angriffsflächen für Kritik zu vermeiden.

In einem Artikel spricht die Diplom-Psychologin Elisabeth Nicolai über die Problematik bei der Intimität zwischen Eltern und Kind. So sei diese deshalb ein Reizthema, weil nicht mehr zwischen Nacktheit und Sexualität unterschieden würde. Hinzu kommen allgegenwärtige Nachrichten über Kindesmissbrauch oder Kinderpornografie, wodurch Nacktheit in der öffentlichen Wahrnehmung generell zur Gefährdung wird und eine Tabuisierung entsteht. Wichtig sei es, Kindern ein »gesundes Nein« beizubringen, mit dem sie Grenzen setzen könnten, wenn ihnen etwas unangenehm sei. Dieses gelte für die eigenen Eltern ebenso wie für Freunde und Bekannte. So müsse man es also auch akzeptieren, wenn das Kind mal nicht in den Arm genommen werden wolle oder aber eben bestimmte Dinge privat, also ungestört und unbeobachtet, erledigen möchte.

Kinder entscheiden, ob sie sich wohlfühlen

Sich vor den eigenen Kindern nackt zu zeigen ist in Ordnung und völlig natürlich – jedoch nur, solange sich alle Beteiligten wohl damit fühlen. KinderpsychologInnen weisen darauf hin, dass Eltern sensibel für das Schamgefühl ihrer Kinder bleiben sollten. Ein guter Indikator sei dabei immer deren Verhalten. Möchte ein Kind selbst nicht mehr nackt von den Eltern gesehen werden, so sei davon auszugehen, dass es im Umkehrschluss auch die Eltern nicht mehr nackt sehen möchte. Das ist dann ein guter Zeitpunkt, eine neue Grenze in der Intim- und Privatsphäre innerhalb der Familie zu ziehen.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

8 Kommentare

Bernhard Kranz
#8 — vor 2 Monaten
Nun dazu kann ich, als leidenschaftlicher Schwimmer, nur sagen, das diese Kinder dann niemals ein Schwimmbad (auf jeden Fall kein Hallenbad) aufsuchen solten. Den dort duschen viele eben Nackend.
Wer dazu übrigens mal die Medien (Sprich Internet durch sucht mit einer Suchmaschine), wird schnell auf einen Beitrag von 2015 stossen, wo sich Kinder darüber beklagen, das man sie eben vor dem Sprung ins Schwimmbecken, dazu zwingt sich nackend zu duschen. Ja die Lehrerin sogar droht wenn die jungen sich die Badeshose nicht freiwillig ausziehen, sie diesen die dann ausziehen würde.
» »Hosen runter« Eltern Protestieren gegen Badeordnung «.
Dazu kommt dann noch das Gerichtsurteil, welches ein Mädchen wiederrum von Nackend Duschen vor dem Schwimmen befreit. Doch hier dann wieder nur auf Grund ihrer Religion.
» Schwimm-Unterricht: Muslimische Schülerin muss nicht nackt duschen «.
Wie war das da doch gleich mit dem Recht für Kinder, darauf Nein zu sagen, wenn es um den Körper geht und wer ihn eben auch Nackt sehen darf?

Nun ein Jens Spahn sieht das komischer Weise wieder ganz anders:
Im Interview mit der »Welt« fürchtet der schwule CDU-Politker einen »Rückfall in alte verklemmte Spießigkeit« und outet sich als »burkaphob«.
Dabei geht es doch garnicht wirklich nur um Muslemische Kinder, sondern um alle Kinder. Wie war das da doch gleich mit dem Nackt Skandal in einem Duisburger Kindergarten. Wo in vielen Zeitungen und Foren geschrieben wurde, das Kinder ruhig zum Baden eine Hose anziehen sollen.

Also was wollen die Erwachsenen den nun wirklich von dem Nachwuchs. Quasi Sexting im Schwimmbad oder doch mehr Prüderie in Kindergärten. Wobei die Aktuelle Reihenfolge im Grunde schon Satire ist.
Meine Meinung dazu:
https://gesetz-contra-gerechtigkeit.blogspot.com/2020/07/problem-nackte-kinder.html
Eva-Maria Spötta
#7 — vor 6 Monaten 2 Wochen
Schlimm! Jetzt befinden wir uns also wieder in einer prüden Ära wie es zuletzt meine Großeltern durchmachen mussten. Ich hätte nie gedacht dass alle Errungenschaften der sexuellen Aufklärung mit den Versuchen, eine natürliche Haltung zum Körper zu bekommen, so schnell wieder einkassiert werden. Jetzt es wohl nur noch ein Frage der Zeit bis Sex vor der Ehe auch wieder geächtet wird.
Silke
#6 — vor 7 Monaten 3 Wochen
ich bin 60J. alt habe 5 jüngere Geschwister, 4Kinder, 3Enkel. In unserer Familie war es schon immer ganz normal sich gegenzeitig nackt zu sehen. Es gab nie irgendwelche peinlichkeit.
Wir sind nackt zusammen am FKKStrand, in der Sauna, im Garten, im Bett - keiner denkt sich etwas dabei, seltsamerweise ist bisher keiner erblindet.
oskito
#5 — vor 8 Monaten
»Wenn man das Nacktsein gegenüber seinen Kindern als völlig normal vorlebt, und die Kinder irgendwann mit Schamgefühl daher kommen, DANN IST ETWAS VORGEFALLEN!«

So sehen wir das auch. Allerdings reicht schon ein verächtlicher Blick, ein Äääää oder so.
Das kann man völlig losgelöst von Nacktheit auch woanders beobachten.
Ein Beispiel:
Als unsere Tochter mit ihrem Fahrrad an der »Mitfahrstange« am Fahrrad ihrer Mutter zum Kindergarten gebracht worden ist, bauten sich gerade einige Jungs mit Verächtlichkeit auf.
Man konnte der Tochter schon ansehen, daß gleich Tränen fließen würden. Die Mutter fragte die »großen« Jungs, ob sie schonmal am See OOOO gewesen seien und erklärte, daß dieses Gespann schon da war. Da war die Verächtlichkeit weg. Plötzlich war Interesse da, auch mal mitzufahren. Plötzlich war es auch für das kleine Mädchen nicht Ääää sondern gut.

Wir werden nicht die Möglichkeit haben, unsere Kinder vor schiefen Blicken zu bewahren.
Je nach Typ werden sie sich die Ablehnung zu Herzen nehmen.
Das verächtliche Verhalten gegenüber anderen hat sicher oft den Hintergrund, daß sich Menschen auf diese Weise aufwerten wollen. Nennen wir es Überheblichkeit. Vielleicht ist es auch Angst davor, in die Schublade der Ausgestoßenen gepackt zu werden.

zurück zum Nacktsein:
»Man sollte viel mehr seinen Kindern beibringen, dass andere Menschen Nackheit nicht sehen wollen, weil Religion oder Erziehung ihnen Angst davor gemacht hat. Daheim oder unter Freunden ist es in Ordnung. So lernt das Kind, dass Nacktsein natürlich ist und verhält sich dennoch Regelkonform für andere Menschen. Es fühlt sich in seiner nackten Haut wohl, nimmt aber auf das Nackheitstrauma der Umstehenden Rücksicht.«

Ja.
Der Weg ist wohl Selbstbewußtsein, das sich nicht über andere definiert mit Rücksicht auf andere Ansichten.
Bisher hat sich das bei uns von selbst ergeben, daß die Eltern und Kinder aufeinander Rücksicht nehmen.



Axel Spallek
#4 — vor 8 Monaten 2 Wochen
Das hört sich in dem Artikel an, als würde irgendwann das natürliche, gottgewollte Schamgefühl bei der Entwicklung erscheinen. Soetwas gibt es nicht. Gott würde sich niemals für seine Schöpfung schämen. Wenn man das Nacktsein gegenüber seinen Kindern als völlig normal vorlebt, und die Kinder irgendwann mit Schamgefühl daher kommen, DANN IST ETWAS VORGEFALLEN!
In der Schule, im Kindergarten oder sonst irgendwo in der Öffentlichkeit hat sich euer Kind natürlich und ungeniert ausgezogen und ist von Umstehenden dafür und diskriminiert worden (Oooh schau mal, der ist nackt, meine Eltern haben mich fast tot geschlagen, als ich das in der Öffentlichkeit gemacht habe, na warte, dem zeig ich’s. Dann den »Übeltäter« in die Mitte nehmen, mit dem Finger drauf zeigen und Gruppen-Sprechgesang anstimmen, bis er heult.). Euer Kind hat also ein Trauma erlitten, und nur daher kommt Schamgefühl, das man selber nicht mehr bewusst beherrschen kann.
Man sollte viel mehr seinen Kindern beibringen, dass andere Menschen Nackheit nicht sehen wollen, weil Religion oder Erziehung ihnen Angst davor gemacht hat. Daheim oder unter Freunden ist es in Ordnung. So lernt das Kind, dass Nacktsein natürlich ist und verhält sich dennoch Regelkonform für andere Menschen. Es fühlt sich in seiner nackten Haut wohl, nimmt aber auf das Nackheitstrauma der Umstehenden Rücksicht.
Das anerzogene Schamgefühl diente früher dazu, vor allem die weiblichen Mitmenschen, vor Vergewaltigung zu schützen. Leider muss man auch heute noch erleben, dass ein Haufen Steinzeitmenschen unterwegs ist, der seine Triebe nicht unter Kontrolle hat und nur an das eine denkt, wenn er einen weiblichen Körper vor sich hat (Die braucht sich nicht wundern, dass ich sie vergewaltige, wenn sie halb nackt vor mir rumtanzt.). Dafür schäme ich mich als Mann, aber nicht für die natürliche Nackheit der Lebewesen.
Diesen letzten Umstand jedoch, den werde ich meinen Kindern in ihren jungen Jahren verheimlichen, um ihnen die Achtung vor den Menschen so lange es geht zu erhalten.
Daniel Lünemann
#3 — vor 8 Monaten 2 Wochen
Manche Dinge die einem in der eigenen Kindheit völlig normal vorkommen werden plötzlich so heftig diskutiert...
Wie es schon im Artikel steht, haben Nacktheit und Sexualität erstmal nicht viel miteinander zu tun, darum verstehe ich auch viele der heutigen Meinungen die man online findet nicht.
Ich erinnere mich daran wie es das erste mal unangenehm wurde mit dem Nackt sein, mit 13 auf einem FKK Campingplatz in Frankreich mit der ganzen Familie; Ein Ausnahmezustand wenn man grade so vor sich hin pubertiert, da gibt die Badehose plötzlich Sicherheit.
Davor habe ich es nie wirklich wahrgenommen, man begegnete sich halt zwischendurch nackt im Haushalt, ging nackt schwimmen oder sonst was.
Peter Schneider
#2 — vor 10 Monaten 1 Woche
Was soll diese ganze Diskutierei um das Nacktsein und besonders im vertrauten Kreis. Es ist die natürlichste Lebensform überhaupt.

Jeden Tag können wir in den Medien, besonders TV und Streamingdiensten in unzähligen Krimis und Fantasy Filmen sehen wie Menschen gedemütigt, gepeinigt und getötet werden. Wir, auch die Kinder sehen das inzwischen normal, »ist eben so« an. Aber natürliche, nackte Menschen zeigen? Das geht gar nicht! Was könnte das bei den Kindern anrichten!
ot
#1 — vor 10 Monaten 3 Wochen
Ich bin in meiner Wohnung oft nackt herumgelaufen. Irgendwann mal haben meine Kinder (habe ein Mädchen und einen Jungen) selber gesagt, dass ich mir was anziehen soll. Da waren sie so zwischen 12 - 14 Jahre alt. Das habe ich dann akzeptiert und bin immer bekleidet vor meinen Kindern erschienen. Jetzt sind beide 24 und 21 Jahre alt. Es ist ihnen jetzt wieder egal ob ich was anhabe oder nackt bin.

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