Kind ja, Beziehung nein: ein Interview über Co-Parenting

Words by Arzu Gül
Photography: Jennifer Sutholt / planningmathilda
Lesezeit: 6 Minuten
Co-Parenting Jennifer Sutholt mit ihrer Tochter Mathilda im Arm

Jennifer Sutholt hat sich ihren Kinderwunsch vor einigen Jahren durch Co-Parenting erfüllt: Sie zeugte ein Kind mit einem Arbeitskollegen, ganz ohne Partnerschaft oder Körperkontakt. Wie das Familienmodell funktioniert und wie ihr Alltag als Co-Mama aussieht, verrät sie uns im Interview.

 

Was ist, wenn der Kinderwunsch groß ist und einem die Zeit wegläuft, aber der richtige Partner oder die richtige Partnerin fehlt? Jennifer Sutholt befand sich vor einigen Jahren in genau dieser Situation: Mit 34 Jahren kam sie gerade aus einer Beziehung, die am Kinderwunsch gescheitert ist und wusste, dass sie ihre Familienplanung selbst in die Hand würde nehmen müssen. Sie entschied sich für Co-Parenting, ein modernes Familienmodell, bei dem Mann und Frau gemeinsam ein Kind bekommen, ohne vorher ein Liebespaar gewesen zu sein oder eine körperliche Beziehung zueinander zu führen. Auf ihrem Blog planningmathilda.com dokumentiert Jennifer ihren Weg: Sie schreibt vom allerersten Treffen mit einem Co-Elternteil, von den Fragen und Schwierigkeiten, die unterwegs auftauchen, aber auch davon, wie schön und erfüllend ein solches Familienmodell sein kann. Wir haben mit der Mutter über die wichtigsten Fragen zum Co-Parenting gesprochen.

Liebe Jennifer, das Co-Parenting-Modell ist relativ neu und noch vielen unbekannt. Du hast dich aber schon vor über 3 Jahren dazu entschlossen, ein Kind mit einem Co-Elternteil zu bekommen. Wie bist du erstmalig auf Co-Parenting aufmerksam geworden?

Ich habe damals einer Kollegin, die ebenfalls Flugbegleiterin ist, von meiner Misere erzählt. Ich wollte unbedingt ein Kind, hatte aber keinen Partner. Sie selbst hatte bereits Erfahrungen mit Co-Parenting gemacht und ein Kind mit einem Co-Vater gezeugt. Ich fand das Ganze unheimlich spannend. Tatsächlich kannte sie einen anderen Flugbegleiter, der sich ebenfalls ein Kind wünschte und sich diese Art der Elternschaft vorstellen konnte. So kam eins zum anderen. Ich hatte unheimlich Glück und den Vater sozusagen bereits in der Hinterhand.

Wie hast du den heutigen Co-Vater denn dann kennengelernt? Wie ihn das erste Mal kontaktiert?

Meine Kollegin erzählte ihm von mir, und ich schrieb ihn daraufhin über Facebook an. Schnell haben wir miteinander telefoniert und uns kurze Zeit darauf getroffen.

Ein erstes Zusammentreffen potenzieller Co-Eltern, bei dem beide wissen, dass es direkt um ein gemeinsames Kind geht, stelle ich mir sehr befremdlich vor. Wie geht man miteinander um? Worüber spricht man?

Es war spannend und natürlich auch ein komisches Gefühl, aber ich fand es tatsächlich angenehmer als ein Blind-Date. Schließlich wussten wir beide genau, aus welchem Grund wir uns trafen. Da wir außerdem im selben Beruf arbeiten, hatten wir direkt einen Zugang zueinander. Ich hatte direkt eine riesige Liste mit allen Themen, die mir wichtig waren. Er wiederum ließ das Gespräch auf sich zukommen. Das beschreibt auch unsere Charaktere sehr gut. Letztlich haben wir uns fünf oder sechs Stunden lang miteinander unterhalten und alles im Detail durchgesprochen und gemerkt: Das passt sehr gut zusammen.

Heute ist Jennifer glückliche Mama einer Tochter

Habt ihr in diesem ersten Treffen auch schon darüber gesprochen, wie genau die Kindererziehung aussehen soll?

Wir sind thematisch schon recht tief eingestiegen, um eine gewisse Grundstimmung abzuklären. Mir war es wichtig, nicht nur die Rahmenbedingungen zu besprechen, sondern auch die Ansichten zur Erziehung des Kindes. Für mich kam eine bedürfnisorientierte Erziehung, also das Attachment-Parenting, infrage. Zum Glück stimmten die Vorstellungen des Co-Vaters mit meinen überein. Seine einzige Bedingung war es, auch offiziell das halbe Sorgerecht für das Kind zu bekommen, was ihm als Vater des Kindes aber natürlich auch zusteht.

Zu welchem Zeitpunkt wusstest du, dass er der richtige Co-Vater ist? Gab es Faktoren, die deine Entscheidung beeinflusst haben?

Das wusste ich bereits nach dem ersten Gespräch. Am wichtigsten war für mich, dass wir uns komplementär ergänzen. Ich bin jemand, der gerne die Richtung vorgibt, und er ist eher der entspannte Typ. In einer Beziehung würde das überhaupt nicht funktionieren – ich wäre ihm zu stressig und er mir zu gemütlich. Aber als Eltern-Dynamik klappt das super. Zusätzlich fand ich ihn sympathisch und attraktiv.

Es ist durchaus ratsam, gewisse Rahmenbedingungen und Szenarien vorher vertraglich abzustecken – nicht nur bei einer Co-Elternschaft, sondern generell immer, wenn man ein gemeinsames Kind bekommt.

Co-Parenting bedeutet ein gemeinsames Kind ohne Partnerschaft. Zumeist auch ohne körperliche Nähe. Für welche Art der Zeugung habt ihr euch entschieden? Welche Möglichkeiten gibt es?

Wir haben die Becher-Methode ausprobiert und damit auch direkt Erfolg gehabt. Im Grunde ist es simulierter Geschlechtsverkehr, bei dem das Sperma mit einer Spritze in die Vagina eingeführt wird. Beim ersten Mal haben wir es testweise außerhalb des Eisprungs versucht, um zu schauen, wie wir beide uns mit der Methode fühlen. Beim nächsten Mal haben wir dann den Eisprung abgewartet, sind gemeinsam in den Urlaub gefahren und haben es noch einmal probiert. Tatsächlich war ich danach direkt schwanger. Hätte die Becher-Methode nicht funktioniert, hätten wir außerdem eine künstliche Befruchtung durch einen Arzt oder eine Ärztin in Betracht gezogen.

Der Co-Vater deines Kindes ist aktiv mit involviert und nimmt die Vaterrolle vollständig an. Es gibt aber auch Modelle, in denen der Vater »nur« eine Onkelfunktion einnimmt. Hättest du dir das ebenfalls vorstellen können?

Zu Beginn war mir die Rolle des Vaters egal. Ich kam enttäuscht aus einer Partnerschaft und wollte meinen Kinderwunsch erfüllen. Eigentlich wollte ich ein Kind mittels Samenspende bekommen. Doch dann lernte ich das Co-Parenting und Mathildas Co-Vater kennen. Es ist ja schon so, dass die aktive Vaterrolle durchaus viele Vorteile hat. Wir sind beide als Flugbegleiter tätig und können unsere Arbeitszeiten so planen, dass immer ein Elternteil das Kind betreut. Auch finanziell sind wir gemeinsam für unsere Tochter verantwortlich. Hätte ich nur einen Co-Vater mit Onkelfunktion, hätte ich einen viel größeren finanziellen Einsatz gehabt, hätte wahrscheinlich meinen Beruf noch einmal wechseln und auch meine eigene Mutter sehr viel mehr in die Kinderbetreuung einspannen müssen.

Die beiden sind ein eingeschworenes Team

Wie sieht euer Alltag zu dritt aus? Wie oft sieht Mathilda ihren Co-Vater?

Wir planen einen gemeinsamen Urlaub im Jahr und verbringen dann eine Woche als Familie. Ansonsten unternehmen wir eher selten etwas zu dritt. Es ist momentan so, dass Mathilda eben zwei Alltage hat, einen mit mir und einen mit ihrem Vater. Dabei ist die Aufteilung ziemlich ausgeglichen. 60 Prozent der Zeit ist sie etwa bei mir, die restliche Zeit verbringt sie mit ihrem Vater. In dieser Zeit sind wir dann als Elternteil aber vollständig für sie da, arbeiten nicht und beschäftigen uns zu 100 Prozent mit ihr. In dieser Hinsicht führt sie also ein regelrechtes Luxusleben.

Ein Kind mit jemandem zu bekommen ist immer auch mit einem Risiko verbunden – in einer Ehe wie in einer Co-Elternschaft. Was ist, wenn man sich später nicht mehr versteht? Habt ihr Euch in irgendeiner Weise mit einem Vertrag abgesichert?

Wir haben uns viel damit beschäftigt, aber uns nur mündlich abgesprochen. In Deutschland regelt das Sorgerecht bereits viele Punkte, wie sich Eltern untereinander und dem Kind gegenüber zu verhalten haben. Ich trete diesem Thema aber relativ entspannt gegenüber, da ich mich in dem gesamten Prozess bereits finanziell abgesichert und mental darauf vorbereitet habe, ganz alleine für ein Kind zu sorgen.

Da der Co-Vater und ich außerdem gut befreundet sind und ich auch seine berufliche Situation bestens kenne, vertraue ich ihm in jeglicher Hinsicht. Deshalb ist es auch immer mein Rat, immer erst einmal im Freundes- oder Bekanntenkreis nachzufragen, ob nicht jemand Interesse an einer Co-Elternschaft hat. So gibt es mehrere Berührungspunkte und die Person ist leichter einzuschätzen als jemand gänzlich Fremdes. Gibt es aber trotzdem Unsicherheiten und Ängste, ist es durchaus ratsam, gewisse Rahmenbedingungen und Szenarien vorher vertraglich abzustecken – nicht nur bei einer Co-Elternschaft, sondern generell immer, wenn man ein gemeinsames Kind bekommt.

In Berlin lebt jedes fünfte Kind in einer getrennten Familie.

Inzwischen ist Mathilda drei Jahre alt und du hast einen festen Partner. Verstehen sich Co-Vater und Partner?

Die beiden verstehen sich tatsächlich sehr gut miteinander. Im letzten Familienurlaub war mein Partner sogar mit dabei. Natürlich ist Mathildas Co-Vater sehr aktiv, aber er verbringt nicht seinen ganzen Tag mit uns. Daher gibt es auch keinen Grund zur Eifersucht. Wozu auch? Es gab nie körperliche Nähe, keine Trennung und auch keinen Rosenkrieg. Vielmehr ist es von Vorteil, dass da jemand ist, der auch einmal das Kind betreut, sodass mein Partner und ich ein Wochenende zu zweit verbringen können. So erleben wir eine ganz andere Paar-Dynamik als ohne den Co-Vater.

Glaubst du, dass dein Partner in Zukunft gerne die Vaterrolle für Mathilda einnehmen würde?

Wir haben bereits darüber gesprochen, aber im Moment stellt sich diese Frage nicht. Wir führen eine Fernbeziehung, er arbeitet viel und hat eigene Kinder, die ihn brauchen. Daher ist erst einmal auch kein gemeinsamer Haushalt geplant. Mathilda und er verstehen sich gut, und das reicht. Was eventuell in fünf Jahren passiert, ob wir zusammenziehen und wie sich die Dynamik dann entwickelt, werden wir dann sehen.

Wie offen geht ihr als Co-Eltern mit dem Co-Parenting um? Werdet ihr Mathilda irgendwann erklären, dass ihr nie eine Beziehung miteinander geführt habt?

Wir werden immer offen und ihrem Alter entsprechend mit dem Thema umgehen. Wir sind zwei Menschen, die sich unbedingt ein Kind gewünscht haben und einen anderen Weg gegangen sind. Wenn sie später im Kindergarten oder in der Schule ist, wird sie mit Sicherheit nicht das einzige Kind sein, dessen Eltern nicht mehr zusammenleben. In Berlin lebt jedes fünfte Kind in einer getrennten Familie. Sie wird aber, im Gegensatz zu vielen anderen, Eltern haben, die sich gut verstehen, gemeinsam in den Urlaub fahren und Unternehmungen machen. Ich glaube, so lange das Kind sich geliebt und aufgehoben fühlt, stellt das auch kein Problem dar.

Eine letzte Frage: Könntest du dir vorstellen, noch mehr Kinder zu bekommen?

Im Moment nicht. Ich bin jetzt 38 Jahre alt und natürlich weiß ich nicht, ob nicht doch plötzlich ein erneuter Kinderwunsch entflammt. Aber tendenziell nicht. Ich hatte immer das Bild im Kopf von »Mein Mädchen und ich«, und so ist es wunderbar. Für den Co-Vater kommt ein zweites Kind ohnehin nicht infrage. Ein zusätzliches Kind mit meinem derzeitigen Partner würde wiederum eine ganz neue Elternschaft bedeuten. Das wären viele Veränderungen, die ich mir momentan nicht vorstellen kann.

Liebe Jennifer, vielen Dank für das Interview!

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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