Gender-Reveal-Party: Wie zeitgemäß ist dieser Trend?

Words by Arzu Gül
Photography: Devon Divine via Unsplash
Gender Reveal Party: Junge mit rosafarbenen Ballons

 Gender-Reveal-Party heißt der neue Trend, bei denen werdende Eltern und deren Familien und Freunde offenbart bekommen, welches Geschlecht ihr Baby haben wird. Doch ist der Traum von Rosa und Blau nicht längst überholt?

 

In letzter Zeit sieht man auf Social-Media-Kanälen immer öfter kleine Videos von sogenannten Gender-Reveal-Partys. Familie und Freunde kommen mit den zukünftigen Eltern zu Hause, im Garten oder in einer angemieteten Location zusammen, es gibt viele kleine Snacks und Törtchen in Pink und Pastellblau, die Stimmung wirkt ausgelassen und voller Vorfreude. Für die Beteiligten ist es ein besonderer Tag. Denn: Niemand – nicht einmal die werdenden Eltern selbst – wissen, welches Geschlecht das ungeborene Baby hat. Doch an diesem Tag wird die Frage »Mädchen oder Junge?« endgültig aufgeklärt, und jeder kann die ersten Reaktionen des Paares, der Geschwister und der Großeltern hautnah miterleben.

Die Enthüllungsmomente werden immer kurioser

Im Vorfeld bedarf es hierzu der Kooperation der behandelnden FrauenärztInnen. Diese schreiben das Geschlecht auf einen Zettel und verstecken das kleine Geheimnis in einem geschlossenen Umschlag. Dieser wird dann zumeist einer vertrauten Person aus dem familiären Umfeld gegeben, welche als einzige das Geschlecht vorab erfahren darf und dementsprechend auch für die Organisation der Gender-Reveal-Party zuständig ist.

Beim Event selbst wird nicht etwa nur in einer Rede verkündet, ob die Eltern ein Mädchen oder einen Jungen in der Familie willkommen heißen dürfen, sondern in kreativer Art und Weise allen Beteiligten offenbart, welches Geschlecht das Baby hat. Das geht von Konfetti-Bomben und Luftballons über farbigen Rauch bis hin zu Torten, die ihr Geheimnis beim Anschnitt preisgeben, indem sie im Inneren in Pink oder Blau leuchten – die Möglichkeiten scheinen immer vielfältiger und kurioser zu werden. 

Blau und Pink: Wie gefährlich sind solche Stereotypen?

Was aber fast alle Enthüllungsmomente gemeinsam haben: Wird es ein Junge, strahlen die dazugehörigen Accessoires in Babyblau. Wird es ein Mädchen, entfaltet sich ein Meer von Pink und Rosa. KritikerInnen melden nun Bedenken an und fragen, wie zeitgemäß die Symbolik dieses Trends in einer Gesellschaft ist, in der Geschlechterrollen wie »männlich« und »weiblich« immer mehr hinterfragt werden. Denn: Die Geschlechtsorgane selbst definieren nicht das »Gender«, also die eigene Wahrnehmung des Geschlechts. Mit der sehr simplen Klassifizierung in Pink und Blau würden Eltern und Freunde das Kind aber schon im Vorfeld auf seine rein biologischen Fortpflanzungsorgane reduzieren, ohne Rücksicht auf seine wahre Identität zu nehmen. Der neue Trend riskiere wieder eine stärkere Stereotypisierung, die wenig Raum für Intersexualität, Transgender oder das dritte Geschlecht lasse. 

Dass die Partys in der heutigen Zeit nur auf traditionelle Rollenbilder fixiert sind und von einer binären Unterteilung in Mädchen oder Jungen ausgehen, schließe ein breites Spektrum von Möglichkeiten aus: Was ist mit dem Mädchen, das lieber Fußball spielt, Hosen trägt und ein reges Interesse an Spielzeugautos hat? Oder was ist mit dem Jungen, der gerne Kleider trägt, sein Zimmer pink dekorieren möchte oder gerne Balletttänzer werden würde? Inwiefern wird bei diesen Zusammenkünften berücksichtigt, dass die künftigen Interessen des Kindes völlig unabhängig von dessen biologischem Geschlecht sein können?

Ebenso wird kritisiert, dass dem Geschlecht des Kindes eine viel zu hohe Bedeutung beigemessen wird. Denn: Wieso ist die Reaktion des Elternpaares auf das Geschlecht überhaupt so wichtig? Erwartet man eine größere oder geringere Freude, je nachdem welches Ergebnis gelüftet wird? 

Gender-Reveal-Partys verschaffen Eltern Kontrolle über das Unbekannte

PsychologInnen erklären das starke Interesse am Geschlecht mit dem Wunsch nach Kontrolle. Das Baby im Mutterleib sei ein Symbol für das Unbekannte, das die Eltern erwarten. Durch die Enthüllung des Geschlechts und der damit einhergehenden Kategorisierung erhielten die Eltern ein Gefühl von Kontrolle und mehr Planungssicherheit für die Zukunft. Bei dem Trend, das Ganze dann auch noch aufmerksamkeitsstark zu inszenieren, ginge es hingegen weniger um das Geschlecht, als um das Zelebrieren der Mutter. Ob eine Gender-Reveal-Party in Pink oder Blau dazu tatsächlich geeignet ist, sei dahingestellt.

Immerhin: Viele Mütter, darunter auch die Bloggerin Jenna Karvunidis, die als Mitbegründerin von Gender-Reveal-Partys gilt und mit als erste den Trend in den USA ausgelöst hat, distanzieren sich inzwischen von dem Hype um die Geschlechter-Party. In einem Facebook-Post beschreibt die dreifache Mutter, dass sie inzwischen gemischte Gefühle in Bezug auf das Phänomen hat:

»Wen interessiert es, welches Geschlecht das Baby hat? Mich damals, weil wir nicht im Jahre 2019 gelebt haben und nicht wussten, was wir jetzt wissen – dass der Fokus auf das Geschlecht unserer Kinder bei der Geburt so viel von ihrem Potenzial und ihren Talenten auslässt, die nichts mit dem zu tun haben, was zwischen ihren Beinen liegt«

Ganze 1.180 Kommentare erhielt der Post, wobei viele Männer und Frauen den Worten von Jenna zustimmen. Für sie sei das Geschlecht zweitrangig, schließlich gehe es viel mehr um die Gesundheit des Kindes. Sie möchten daher auf eine Gender-Reveal-Party verzichten und wünschen sich eine klassische Baby-Party, bei der Familie und Freunde zusammenkomme

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

1 Kommentar

Hilde M.
#1 — vor 3 Wochen 2 Tage
Eine Überschrift lautet:
»BLAU UND PINK: WIE GEFÄHRLICH SIND SOLCHE STEREOTYPEN?«
Warum WIE?
Hier wird unterstellt, dass es gefährlich ist. Es geht doch eigentlich darum, OB solche Streotypen gefährlich sind, wobei das Wort »gefährlich« ebeso suggestiv ist.

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