Ein Verleger zwischen Karriere und Familie: Helge Pfannenschmidt

06.12.2018
Words by Jana Ahrens

Wird eine Frau zu ihrer Karriere befragt, taucht ziemlich schnell die Frage nach der Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familienleben auf. Männern wird diese Frage in Business-Interviews selten gestellt. Dabei ist es doch für die gesamte Familie eine Herausforderung, Privatleben und Berufsleben gemeinsam zu balancieren. Auch Helge Pfannenschmidt – Gründer des Verlages edition AZUR – kennt dieses Phänomen. Im Steckbrief beschreibt er seinen Umgang mit dem Spagat zwischen beruflichen und privaten Lebenszielen.

Mit welcher Tätigkeit verdienst du Geld?

Ich bezeichne mich als Textarbeiter und verdiene mein Geld freiberuflich mit dem Schreiben und Lektorieren von Texten – zum Teil werblich, zum Teil journalistisch. Darüber hinaus werde ich für Redaktion, Recherche und Konzeption bezahlt.

Die Räumlichkeiten des Verlages edition AZUR – Hier verbringt Helge viel Zeit.

Gibt es in deinem Leben eine Tätigkeit, die ähnlich wichtig ist wie dein Job, die du aber nicht ausübst, um Rechnungen bezahlen zu können?

Ich bin ein typischer Vertreter des Spielbein/Standbein-Modells und betreibe mit der edition AZUR seit 13 Jahren einen Independent-Verlag. Dort erscheinen 4-5 Bücher pro Jahr, für die ich abgesehen von Gestaltung und Pressearbeit alles selbst erledige.

Ich hatte dieses Jahr Tage, an denen ich das Gefühl hatte, mir verloren zu gehen

Wie viele Stunden pro Woche arbeitest du?

Ich befürchte, 50 Stunden reichen nicht.

Helge Pfannenschmidt mit den Lyriker*innen Artur Becker, Dirk Skiba und Lisa Goldschmidt

Was würdest du gern an deinem Arbeitspensum ändern, wenn du könntest?

Was heißt könnte – ich kann ja als Selbstständiger. Eigentlich. Ich hatte dieses Jahr Tage, an denen ich das Gefühl hatte, mir verloren zu gehen und hinter meinen Pflichten zu verschwinden. Das will ich ab nächstes Jahr ändern: nur noch in Ausnahmefällen an den Wochenenden unterwegs sein und auch nicht mehr abends arbeiten.

Fehlt dir deine Tochter manchmal?

Na klar, ich würde liebend gern mehr Zeit mit meiner Tochter verbringen. Vor allem wünsche ich mir mehr Tage, an denen ich komplett in ihren intensiven Rollenspielen versinken kann – zum Beispiel: „Papa, wir sind zwei Eulen, die zu alt sind zum Fliegen und fahren deshalb mit dem Zug an die Ostsee.“

Mit einem komplett freien Tag umzugehen, müsste ich erst wieder lernen

Wie fühlst du dich nach einem Urlaub, wenn alle wieder zurück ins Pflichtprogramm müssen?

Das ist gar nicht mein Problem. Nach dem Urlaub habe ich fast immer Lust auf meine Arbeit, die ich ja liebe. Mir wäre wichtiger, mehr Urlaubsinseln im Alltag zu integrieren und diesen so zu gestalten, dass diese kranke Urlaubsfixierung wegfällt – samt der überzogenen Erwartungen, die sich daran knüpfen.

Hast du eine Vertrauensperson, die nicht deine Partnerin oder dein Partner ist? Wenn ja: Wie wichtig ist diese Person und warum?

Einen Menschen, dem ich alles ehrlich und vorbehaltlos erzähle, gibt es außerhalb der Beziehung nicht.

Wie wichtig sind dir Treffen mit deinen Freunden und Freundinnen? Wie oft finden sie statt?

Sehr wichtig, auch wenn wir uns natürlich viel zu selten sehen. Wir sind leider weit auseinander, verteilt auf Dresden, Leipzig, Berlin, Hamburg, Jena. Die enge Beziehung bleibt trotzdem: Sieht man sich nach Wochen oder Monaten wieder, macht man weiter, wo man aufgehört hat. Das zu spüren ist mir wichtiger, als irgendein festes Ritual.

Hast du auch manchmal Zeit für dich? Wenn ja, wie verbringst du diese Zeit?

Ein paar Stunden hin und wieder. Ich mach dann nichts sonderlich Aufregendes: in Ruhe lesen, ein Konzert anschauen, in die Sauna gehen, die Spiele des FC Carl Zeiss Jena verfolgen. Mit einem komplett freien Tag umzugehen, müsste ich erst wieder lernen.

Welche Hausarbeit nervt dich am meisten?

Die Wäsche! Da wäre ich allein heillos überfordert.

Helge Pfannenschmidt mit seiner Frau und seiner Tochter.

Was wünschst du dir am meisten für deine Zukunft?

Gesund bleiben, mutig bleiben – und nie in eine Situation kommen, in der man sich zwischen beruflicher Erfüllung und Familienglück entscheiden muss. Das eine gibt’s für mich nicht ohne das andere.

Was wünschst du deiner Tochter für ihre Zukunft?

Mit Blick auf die derzeitig Nachrichtenlage kann ich da nicht anders, als ganz allgemein zu antworten: dass sie in einer friedlichen, lebenswerten Welt aufwächst und dass ihre Generation nicht den Preis für die „Nach mir die Sintflut“-Mentalität der vorherigen zahlen muss.

Vielen Dank für diesen interessanten Einblick, lieber Helge.

Das Beitragsbild – also das Portrait von Helge Pfannenschmidt – hat übrigens Sasha Kokot fotografiert.

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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