Ein Land, in dem Hausmänner sich männlich fühlen

11.10.2018
Words by Annekathrin Walther

Vollzeit-Papas fallen in Deutschland doch eigentlich nicht mehr auf, oder? Anders als im traditionsreichen Japan? Ein Vergleich zeigt: Der kulturelle Wandel ist mal wieder träger als der politische. In Japan gibt es noch weniger Väter, die in Vollzeit die Erziehung übernehmen, aber das Land holt mit riesigen Schritten auf. Gerade weil die Politik dort die kulturelle Bedeutung von Rollenbildern verstanden hat.

Ich bin der einzige Vater!

Berlin 2018 an einem Donnerstag, 10.30 Uhr. Ein Vater – nennen wir ihn Thomas – steht neben seiner acht Monate alten Tochter auf dem Spielplatz. Die Nacht war hart. Carla kriegt Zähne und war alle zwei Stunden wach. Trotzdem ist sie jetzt voller Tatendrang, während Thomas, auch nach mehreren Tassen Kaffee, noch schlaff um sie herumschleicht. Sein Blick schweift über den Spielplatz. An der Schaukel hilft eine Mutter ihrem Sohn auf den Sitz. Auf einer Bank stillt eine Frau ihr Baby. Weiter hinten am Eingang versucht ein Mädchen, seiner Mutter mit einem Laufrad zu entkommen. Alles scheint normal. Aber er kann sich nicht helfen: Irgendetwas stimmt nicht.

Bildquelle: Mama Niela

Thomas ist Vater in Elternzeit. Er bezieht Elterngeld. Nachdem seine Frau sich sechs Monate lang ausschließlich ums Kind gekümmert hat, geht sie jetzt wieder arbeiten. Seine Karriere macht Pause. In seinem zweiten Monat als Vollzeit-Papa und Hausmann ist er in einem Alltag angekommen, der bestimmt ist von Carlas Bedürfnissen, ihrer Geschwindigkeit, dem Wetter und den Ladenöffnungszeiten. Insgesamt kommt er ganz gut klar, findet er. Und dann gibt es Momente wie den auf dem Spielplatz, in denen ihn dieses komische Gefühl beschleicht. Abends im Bett wird es ihm schlagartig klar: „Ich bin der einzige Vater!“ – „Auf der Welt?“, fragt seine Frau im Halbschlaf und dreht sich von ihm weg.

Wer bitte hält einen Mann mit Kinderwagen, Tragetuch oder Fahrradanhänger noch für einen Alien?

Auf der Welt – sicher nicht. Aber morgens um halb elf auf dem Spielplatz ist die Wahrscheinlichkeit groß, als Mann allein zu sein und auch allein zu bleiben. Thomas‘ Aha-Erlebnis, an dieser Stelle etwas zugespitzt beschrieben, ist kein Einzelfall. Fragt man Väter in Elternzeit, berichten sie von ähnlichen Momenten. Philipp Menn schreibt darüber bei Edition F: Auf dem Spielplatz, beim Babyschwimmen oder beim PEKiP ist er meist der einzige Papa. Und das, obwohl es scheint, als nähmen viele Väter Elternzeit und gingen viele Mütter nach der Geburt eines Kindes weiter ihren Karrieren nach. Als gäbe es in Deutschland eigentlich kein Problem mehr mit der Sichtbarkeit von Vätern mit Kindern. Wer bitte hält einen Mann mit Kinderwagen, Tragetuch oder Fahrradanhänger noch für einen Alien?

Exkurs: Japan

Bildquelle: David Calderón

In Japan hingegen war ein Vater, der sich aktiv an der Kindererziehung beteiligt, bis vor einigen Jahren tatsächlich ein völlig unbekanntes Phänomen.. In einem Beitrag für das Onlinemagazin topic.com beschreibt die Journalistin Amy Westervelt die Veränderung, die die japanische Gesellschaft in den letzten 15-20 Jahren erlebt hat. Als ein Land mit sehr starren Rollenbildern stand lange Zeit fest, dass die Männer den Broterwerb und die Frauen Haushalt und Kindererziehung übernahmen. Das ging so weit, dass ein Mann, der aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten konnte, seiner Frau lieber die Scheidung anbot, anstatt davon auszugehen, dass sie nun das Geld nach Hause bringen würde. Väter investierten im Schnitt eine Stunde pro Woche in Kindererziehung und Haushalt. Sie sahen ihren Nachwuchs – wenn überhaupt – nur am Wochenende im Wachzustand.

Bildquelle: Hiso Lee

Anfang der Nullerjahre war das Land mit einer immer weiter sinkenden Geburtenrate und einer immer älter werdenden Gesamtbevölkerung konfrontiert. Als Grund dafür nahm man an, dass immer mehr japanischen Frauen ihre Karriere wichtiger sei als die Familie. Aus Skandinavien und Frankreich importierte Ideen zu Elternzeit und staatlich geförderter Kinderbetreuung änderten jedoch nichts. Erst als man die Frauen fragte, wurde klar, wo die Häsin im Pfeffer lag: Grund für ihre Unlust auf Mutterschaft war nicht so sehr die eigene Karriere, sondern vielmehr, dass von ihren Männern – kulturell bedingt – überhaupt keine Beteiligung an der Familienarbeit zu erwarten war.

Vatersein ist in Japan jetzt auch in der Öffentlichkeit cool.

Der Druck der Demographie war groß – es ist davon auszugehen, dass sich vor allem auch deshalb in Japan einiges getan hat. Darüber hinaus wurde bei der Ursachenforschung nämlich auch klar, dass immerhin ein Drittel der japanischen Männer sich mehr Zeit mit ihrer Familie wünschte. Die japanische Regierung bemühte sich also darum, die Männer abzuholen. Vor zehn Jahren startete sie die Ikumen-Kampagne. Das Wort Ikumen setzt sich aus dem japanischen Wort ikuji, „Kindererziehung“ und dem englischen men zusammen. Die Kampagne bot Männern ein neues Rollenbild an, das neben dem klassischen Salaryman (die Bezeichnung für anzugtragende männliche Büroangestellte mit 16-Stunden-Tagen) existieren konnte. Zugegeben, aus weiblicher Perspektive ist fragwürdig, ob Väter in Superheldenkostümen unbedingt sein müssen, wenn es um eine Leistung geht, die Frauen seit Jahrhunderten als selbstverständlich abverlangt wird. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Kampagne in Japan dazu geführt hat, dass Vatersein jetzt auch in der Öffentlichkeit cool ist. 2017 nahmen immerhin sieben Prozent der Väter Elternzeit.

Nach wie vor nehmen die meisten Väter nur die zwei Monate, die sie nehmen müssen

In Deutschland lag der Prozentsatz der Elterngeld beziehenden Väter 2017 immerhin bei 23 %. Immer noch ein krasses Gefälle, wenn auch weniger krass als in Japan. Zudem zeigt die Zahl, wie jede Zahl, nur einen Teil der Wahrheit: Nach wie vor nehmen die meisten Väter nur die zwei Monate, die sie nehmen müssen, um überhaupt Geld zu bekommen. Die Anzahl der Väter, die dauerhaft beruflich pausieren, um sich um den Nachwuchs zu kümmern, ist immer noch klein.

Bildquelle: Brittany Simuangoco

Thomas‘ Spielplatz-Irritation ist also nicht unbegründet. So unangenehm sie auch sein mag: Gut, dass er sie empfindet. Genauso gut ist es, wenn Frauen auffällt, dass sie an bestimmten Orten immer noch hauptsächlich unter sich sind. Denn da, wo es auffällt, wird ein Gespräch über Kinder, Arbeit und Partnerschaftlichkeit nicht nur möglich, sondern notwendig. Wo gesellschaftliche Rollen – glücklicherweise! – nicht mehr in Stein gemeißelt sind, stellt sich für alle die Frage nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wie viel es an der Stelle noch zu tun gibt, zeigt ein Post von Fabian Soethof auf seinem Blog newkidandtheblog.de. Sein wütender Kommentar zeigt: Auch wenn sich zwei Leute den – Entschuldigung – Arsch aufreißen, kommt immer noch keine*r auf einen grünen Zweig. Das muss so nicht bleiben. Reden wir drüber!

Das Beitragsbild ist übrigens von Juliane Liebermann

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Annekathrin Walther

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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