Die Pille: Vom gefeierten Star zum Stimmungskiller?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Ronailson Santos
Portrait einer Frau mit langen, braunen Haaren, die lachend ihre Zunge herausstreckt, auf der viele bunte Zuckerperlen kleben
Als die Anti-Babypille 1960 auf den Markt kam, galt das als eine Art Revolution. Vor allem Frauen in Beziehungen hatten nun die Möglichkeit, ihre Sexualität gedankenfreier ausleben zu können. Das gilt bis heute. Doch das Bild der Pille, die uns einst so etwas wie Freiheit schenkte, bröckelt. Warum sie immer mehr Frauen verbannen…
 

Wir können es nicht anders sagen: Die Pille gilt als die Erfindung, die das 20. Jahrhundert maßgeblich prägte. Noch immer gehört sie zu den meistverwendeten Verhütungsmitteln. Etwa 7 Millionen Frauen in Deutschland nehmen sie täglich. Was den Verhütungsschutz angeht, ist das Vertrauen groß. Aber, der Trend zeigt es deutlich: Verhütungsmittel sollten nicht nur sicher sein, sondern auch möglichst keine Nebenwirkungen hervorrufen.

Die Pille hat negative Auswirkungen auf unsere Psyche

Genau aus diesem Grund hat es die Pille zunehmend schwer. In unserem Umfeld können wir es immer häufiger hören. Sätze wie, “Ich habe keine Lust mehr auf diesen Hormon-Blödsinn. Ich setzte die Pille ab!”, sind nichts Neues mehr. Ausschlaggebend dafür sind nicht nur das bekannte Thromboserisiko oder die mögliche Gewichtszunahme, die durch Wassereinlagerungen verursacht wird. Spricht man mit Freundinnen und Bekannten, geben sie immer wieder an, dass sich seit der Einnahme einfach alles verändert habe. Weniger Lust auf Sex, häufige Kopfschmerzen oder Migräne und schlechte Laune sind Themen, die uns beschäftigen.

Und tatsächlich: In den Beipackzetteln verschiedener Pillensorten wird nicht nur sexuelle Unlust, ausgelöst durch eine erhöhte Testosteron-Konzentration, als Nebenwirkung aufgeführt. Eine Studie der Universität Aachen bestätigt auch die negativen Auswirkungen der Pille auf die weibliche Psyche. Untersucht wurde das Empathie-Verhalten von 73 Frauen. Diejenigen, die die Pille nahmen, konnten Emotionen tatsächlich schwerer wahrnehmen und zeigten weniger Mitgefühl. Auch die eigenen Gefühle lassen sich scheinbar schwerer deuten und ausdrücken. Das Problem: Bisher gibt es nur wenige Langzeituntersuchungen zu diesen Themen, die wirklich repräsentativ sind. Welche Effekte eine lebenslange Einnahme wirklich hat, lässt sich noch immer schwer sagen. Unter Anderem, weil die Konsequenzen sich individuell so stark unterscheiden. Während wir uns launisch und müde fühlen, kann es einer Freundin durch die Einnahme ganz anders gehen. Aus diesem Grund macht die wachsende Ablehnung auch nur in Ansätzen Sinn und muss von Einzelfall zu Einzelfall untersucht werden.

Viele Frauen bekommen durch die Pille Stimmungschwankungen, andere haben keine Beschwerden.

Pille: Ja oder nein?

Wir haben keine andere Wahl, als uns zunehmend auf unser Gefühl zu verlassen. Bei einigen Frauen bedeutet das, dass sie sich wieder mehr wie sie selbst fühlen, sobald sie die Einnahme beendet haben. Das spiegeln auch die Ergebnisse wieder, die durch eine wissenschaftliche Studie der Universität Kopenhagen gewonnen werden konnten. Denn scheinbar steige bei der Einnahme der Pille die Wahrscheinlichkeit an einer Depression zu erkranken um 23 % an. Weitere Auswirkungen, wie Bluthochdruck, Übelkeit, anhaltende Müdigkeit, Trägheit, die Begünstigung der Entstehung von einigen Krebsarten, Unfruchtbarkeit, Störungen der Schilddrüse, ein schwaches Immunsystem, Nährstoff-Mangel und einiges mehr, werden immer wieder mit der Pille in Verbindung gebracht. Alle Frauen, bei denen die Pille aus verschiedenen Gründen nicht mehr funktioniert, können jedoch auf andere Verhütungsmethoden zurückgreifen. “Viele junge Frauen denken bei Verhütung zunächst einmal an die Pille. Zumeist hat schon die Mutter die Pille eingenommen, viele Freundinnen nehmen die Pille und mit der täglichen Einnahme scheint soweit alles erledigt. Aber dass es auch sehr gute und sichere andere Verhütungsmethoden gibt, ist vielen Frauen nicht bekannt”, weiß Prof. Dr. Kai Joachim Bühling, Frauenarzt aus Hamburg.

 

Wie sicher sind Alternativen?

Wenn wir über Alternativen sprechen, denken wir auch automatisch an das Thema Sicherheit. Bei der Antibabypille liegt der sogenannte Pearl-Index zwischen 0,1 und 0,9. Je niedriger dieser Index, desto größer ist der Schutz. Das Kondom ist mit einem Pearl-Index von 2 bis 12 vergleichsweise unsicher. Zu den möglichen Alternativen gehören außerdem: Kupferspirale (Pearl-Index zwischen 0,9 und 3), Hormonpflaster (Index zwischen 0,72 und 0,9), Vaginal-Ring (Index zwischen 0,4 und 0,65), Hormonspirale (Index bei 0,16) oder das Hormonimplantat (Index zwischen 0 und 0,08).

Dass die Anti-Babypille ihren einstigen Glanz verloren hat, ist deutlich zu spüren. Wie sehr sie uns beeinflusst, merken wir leider oftmals erst, wenn wir die Einnahme stoppen. Wer sich wohlfühlt, keine Einschränkungen bemerkt und auch vom Arzt grünes Licht bekommt, muss jetzt aber auf keinen Fall fürchten, depressiv zu werden oder Bluthochdruck zu bekommen. Wer sich gedanklich sowieso schon von der Pille verabschiedet hat, sollte einen Wechsel nicht allein angehen, sondern sich möglichst von einem Frauenarzt beraten lassen. So lassen sich die körperlichen und seelischen Veränderungen in der Umstellungsphase besser einschätzen.

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

1 Kommentar

ToKS
#1 — vor 1 Jahr 3 Monaten
Leider ist es auch so, dass alle hormonellen Verhütungsmethoden, die auf Östrogengaben basieren, dieselben hormonbedingten Nebenwirkungen haben können. Es ist also völlig egal, welches hormonelle Verhütungsmittel - Pille, Mikropille, Hormonspirale, Implantat, Pflaster, Ring - man verwendet!

Einzig die Minipille - sie ist östrogenfrei und enthält nur ein Gestagenhormon - hat weniger hormonbedingte Nebenwirkungen (weil das Östrogen fehlt). Sie ist mit einem Pearl-Index von 0,3 - 1,5 % (2,4 - 9 %) vergleichbar sicher in der Anwendung wie eine Kombinationspille.

Was den Pearl-Index betrifft, sollten Anwenderinnen wissen, dass es zwei Werte gibt: Den theoretischen (bei perfekter Anwendung) und den praktischen Wert für die typische Anwendung. z. B. liegt für die Pille der Wert für die perfekte Anwendung bei 0,1 - 1 % und bei typischer bei 2,5 - 9 %. Somit liegt die Sicherheit nur etwas unter der Zuverlässigkeit der meisten nicht-hormonellen Verhütungsmethoden. Gerne wird mit der Angabe des Wertes für die perfekte Anwendung geworben - welche Frau kann von sich sagen, dass sie keine kleinen Einnahmefehler begeht und immer (absolut immer!) sich zu 100 % an die Erfordernisse der Pilleneinnahme hält und bei Bedarf immer (absolut immer!) zusätzlich z. B. mit Kondom verhütet?

Frauen, die ein erhöhtes Thromboserisiko haben (medizinische Vorgeschichte, Raucherinnen, Übergewichtige, …) wird generell empfohlen nicht-hormonelle (keinesfalls östrogenhaltige!) Verhütungsmittel zu verwenden.

Ich finde, dass sich Frauen wirklich genau darüber informieren sollten, welches Verhütungsmittel gut für sie ist. Und wer »Frau seiner selbst« bleiben will, sollte auf hormonelle Verhütung ohnehin verzichten. Das Verhüten mit nicht-hormonellen Verhütungsmethoden ist sehr viel aufwändiger und kostet Zeit für die Schulung der Aufmerksamkeit für den eigenen Körper, ganz besonders wenn es sich um junge Frauen oder Frauen mit unregelmäßigem Zyklus handelt. Außerdem Geduld bis man diesen gut genug kennt, dass man sich genauso sicher fühlen kann, wie mit der Pille bei typischer Anwendung. Die Verhütung mit zeitgleich verschiedenen, nicht-hormonellen Verhütungsmethoden (z. B. natürliche Methoden der Familienplanung in Kombination mit Kondom) ist vergleichbar sicher, wie die Pille bei typischer Anwendung. Aber auch hier gilt: Frau sollte sich in jedem Fall gut informieren (z. B. vertragen sich manche chemischen Mittel nicht mit Kondomen - wobei diese Kombination die ohnehin unsicherste darstellt).

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