Die Pille für den Mann: Gibt es sie bald?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Alex Holyoake auf Unsplash
Ein Paar auf einer Bank sitzend
Was einst Zukunftsmusik war, scheint nun immer wahrscheinlicher: Die Pille für den Mann ist neusten Tests zufolge auf dem besten Weg, schon bald die Sicherheit zu bieten, die es braucht, um eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern. 
 

Die Pille – wir Frauen nehmen sie seit Ende der 1960er Jahre – für Männer könnte es in den kommenden Jahren so weit sein: Eine neue Anti-Babypille hat die Sicherheits- und Verträglichkeitstest bestanden. Über einen Monat lang nahmen Probanden das Präparat täglich ein. Das erfreuliche Ergebnis der Forschungsarbeit zeigt, dass die Pille für die Hormonreaktionen sorgt, die für eine wirksame  Empfängnisverhütung notwendig sind.

Die Pille für den Mann hemmt die Spermienproduktion

Die Ergebnisse der Phase-1-Studie wurden am 24. März 2019 auf der Jahrestagung der Endocrine Society in New Orleans vorgestellt. Stephanie T. Page, Professorin für Medizin an der University of Washington School of Medicine, leitete die Studie gemeinsam mit Christina Chung-Lun Wang, Professorin für Medizin am UCLA in Los Angeles. Ganz konkret zeigen die Studienergebnisse, dass das experimentelle orale Kontrazeptivum die Spermienproduktion verringert und gleichzeitig die Libido aufrechterhält. Bei der Pille mit der Bezeichnung 11-Beta-MNTDC handelt es sich um ein modifiziertes Testosteron, das die kombinierten Wirkungen eines männlichen Hormons (Androgen) und eines Progesterons enthält. 

Die Pille für den Mann: So verlief die Studie

Und so verlief die Studie: 40 gesunde Männer wurden an zwei Standorten, dem UW Medical Centerin Seattle und dem Los Angeles Biomedical Research Institutein Torrance, in unterschiedliche Gruppen eingeteilt. Zehn Studienteilnehmer erhielten nach dem Zufallsprinzip eine Placebo-Kapsel, 30 weitere erhielten 11-beta-MNTDC in einer von zwei Dosen – 14 Männer erhielten 200 mg, 16 bekamen 400 mg. Die Probanden nahmen das Medikament bzw. das Placebo über 28 Tage einmal täglich ein. Im Vergleich zu den Probanden, die das Placebo einnahmen, kam es bei den Männern in der Studienkohorte, die tatsächlich den Wirstoff testeten, zu einem starken Absinken bei zweien für die Spermienproduktion erforderlichen Hormonen.

Die Pille für den Mann: mögliche Nebenwirkungen

Die Männer, die 11-beta-MNTDC erhielten, berichteten im Anschluss von einigen wenigen milden Nebenwirkungen, darunter Müdigkeit, Akne und Kopfschmerzen. Diese traten in jeder Dosierungsstufe bei etwa vier bis sechs Männern auf. Fünf Männer berichteten von einem leicht verminderten Sexualtrieb, zwei Männer von einer leichten erektilen Dysfunktion. Die sexuelle Aktivität sei jedoch bei keinem der Teilnehmer vermindert gewesen, und keiner von ihnen habe die Einnahme des Arzneimittels wegen Nebenwirkungen beendet. Darüber hinaus gelten alle Sicherheitstests als bestanden.

Die Pille für den Mann: eine mögliche Option? 

Doch wie viele Männer würden sich darauf einlassen und die Antibabypille auch wirklich schlucken, anstatt das ihrer Partnerin zu überlassen? Darüber wollten wir uns ein Meinungsbild verschaffen. In einer nicht-repräsentativen Monda-Umfrage gaben über die Hälfte der befragten Männer an, dass sie in jedem Fall darüber nachdenken würden, sich die Pille für den Mann verschreiben zu lassen.

Für ein eindeutiges »Ja« besteht bisher noch ein zu großer Respekt vor möglichen Nebenwirkungen. Doch einige wiesen auch daraufhin, dass Frauen dieses Risiko ebenfalls tragen und dies deshalb im Grunde keine Ausrede sei. »Was die Nebenwirkungen angeht, haben wir in den letzten 60 Jahren nur kaum Rücksicht auf die Frauen genommen und es als Selbstverständlichkeit angesehen. Ich verstehe jede Frau, die die Pille aus gesundheitlichen Gründen absetzt. Wenn die Nebenwirkungen gering sind, würde ich die Pille auf jeden Fall nehmen – das ist für mich einfach nur fair«, so einer der Befragten. 

Die Tests gehen weiter

Ein weiteres positives Ergebnis der aktuellen Tests ist, dass die Wirkungen des Arzneimittels nach dem Absetzen reversibel waren. Dieser schnelle Abbau im Körper führte allerdings auch zu der Erkenntnis, dass das Medikament aktuell mindestens 60 bis 90 Tage braucht, um die Spermienproduktion tatsächlich zu beeinträchtigen. Somit war die Behandlung während der Testphase mit 28 Tagen viel zu kurz, um eine optimale Unterdrückung der Spermien zu beobachten, erklärte Christina Wang im Nachhinein. Als nächstes seien längere Studien geplant. Erweist sich das Medikament als wirksam, wird es für größere Studien freigegeben und in einem letzten Schritt sogar bei sexuell aktiven Paaren getestet. »Das Ziel ist es, die Verbindung zu finden, die die wenigsten Nebenwirkungen hat und die effektivste ist«, sagte Stephanie Page. »Wir entwickeln parallel zwei orale Medikamente, um das Feld der [Kontrazeptiva] nach vorne zu bringen.«

Wann die Pille für den Mann auf Rezept zu bekommen sein wird, ist aktuell noch nicht absehbar. Doch wir werden die Thematik in jedem Fall weiter verfolgen und sind schon jetzt gespannt, welche Ergebnisse alle kommenden Studien und Tests hervorbringen werden. 

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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