Co-Parenting: das arrangierte Kinderglück

Words by Arzu Gül
Photography: Christin Hume via Unsplash
Frau und Mann überqueren Straße mit Kindern

Um heutzutage eine Familie zu gründen, muss man weder in einer Partnerschaft leben noch Sex haben. Co-Parenting oder Co-Elternschaft nennt sich der neue Trend in der Familienplanung, der Menschen mit Kinderwunsch zusammenbringt.

 

Gibt man in einer Suchmaschine den Begriff »Co-Parenting« ein, werden einem gleich diverse Portale vorgeschlagen, bei denen man sich anmelden kann, um seine Familiengründung selbst in die Hand zu nehmen. Das Angebot richtet sich an Singles mit Kinderwunsch, an homosexuelle Personen und an Paare, die einen passenden Partner zur Zeugung von Nachwuchs suchen. Familyship ist eines dieser Portale und versteht sich als Community für Menschen mit Kinderwunsch. Hier können sich potenzielle Eltern auf freundschaftlicher Basis kennenlernen und bei beidseitigem Interesse den Weg zu einer gemeinsamen Familie ebnen. Sexuelle Orientierung und Familienstand sind dabei eher unwichtig. Beim Co-Parenting findet in der Regel kein sexueller Kontakt statt. Die Zeugung des Wunschkindes erfolgt zumeist über eine der in Deutschland verfügbaren Fortpflanzungstechniken, wie beispielsweise eine künstliche Befruchtung oder aber die »Becher-Methode«.

Familien-Portale vermitteln potenzielle Eltern

In Deutschland bringen es die beiden größten Portale Co-Eltern.de und Familyship.org gemeinsam auf rund 10.000 Mitglieder. In den USA sind über 20.000 Personen bei Modamily angemeldet. Davon sind 80 % heterosexuell, und mehr als zwei Drittel sind Frauen. Gründe für eine Co-Elternschaft gibt es reichlich. Viele Frauen, die sich für eine Co-Elternschaft interessieren, sind single und möchten nicht länger auf einen passenden Partner warten, um das Muttersein erfahren zu dürfen. Besonders Frauen ab Ende dreißig, die von Natur aus nur noch begrenzt Zeit für die Kinderplanung haben, können über diese Portale doch noch einen möglichen Partner für das Wunschkind finden. Aber auch homosexuelle Paare, die ein Kind großziehen möchten, können sich hier mit Individuen oder anderen Paaren zusammentun, um die Familienplanung anzugehen und sich die Erzieher-Rolle aufzuteilen.

Vorteile des Co-Parenting

Das Verständnis von Co-Parenting als eine von der Ehe unabhängige Form der Elternschaft entstand in den 1960er Jahren in den USA. Dort ist das Familienmodell bereits etablierter als hierzulande, doch auch in Europa erfreut sich die Co-Elternschaft immer größerer Beliebtheit. Denn: Co-Parenting soll viele Vorteile haben. Da die Eltern bei dieser Form der »Partnerschaft« ausschließlich zum Zwecke der Kinderplanung zusammenfinden, können sie, während sie sich über Monate oder gar Jahre hinweg kennenlernen, ganz genau darauf achten, ob sie in Fragen der Kindererziehung wirklich miteinander harmonieren. So werden alle wichtigen Punkte vorab geklärt: Wo das Kind beispielsweise leben wird, welche Rollenverteilung die Eltern einnehmen werden und mit welchen Werten das Kind aufwachsen soll. Indem diese Fragen schon im Vorhinein ganz klar definiert werden, minimiert sich das künftige Konflikt-Potenzial. Dadurch, dass die Co-Eltern außerdem nie ein Liebespaar waren, kommt es selten zu verletzten Eitelkeiten, Streitereien oder Trennungen wie bei »normalen« Paaren.

Damit werden die Grundpfeiler für ein harmonisches Umfeld gelegt, in dem die Kinder aufwachsen können. Wenn partnerschaftliche Konflikte und Unstimmigkeiten in der Erziehung wegfallen, können diese auch keinen negativen Einfluss auf die psychische Entwicklung des Kindes ausüben. Die gesunde Beziehung der Eltern untereinander und dem Kind gegenüber bilden wiederum die Basis für Vertrauen, innere Sicherheit und die Entwicklung der Identität des Kindes. 

Wie das Ganze in der Praxis aussieht, lässt sich an diversen Erfahrungsberichten mitverfolgen. In manchen Fällen klappt es wunderbar: Detaillierte Betreuungspläne, regelmäßige Updates und die stetige Wiedersehensfreude auf das Kind schaffen einen gelungenen Alltag für alle Beteiligten. In anderen Fällen sieht es jedoch ganz anders aus: Wie auch in einer richtigen Partnerschaft gehen die Meinungen nach einer Weile dann doch auseinander, oder die im Vorfeld bestimmte Rollenaufteilung scheitert an ihrer praktischen Umsetzung. Es ist die Rede von Co-Eltern, die erkennen, dass sie doch weniger Zeit für ein Kind aufbringen möchten, als gedacht. Vor zwischenmenschlichen Enttäuschungen schützt also auch die Co-Elternschaft nicht. 

 

Entstehen Nachteile für Kinder?

Studien über Co-Parenting gibt es noch keine. Dafür ist das Konzept hierzulande noch zu modern. Die neuartige Familienform muss sich daher erst noch im Alltag bewähren. Dass Kinder mit dieser Lebensform aber ein Problem hätten, bezweifeln Psychologen und Experten. Für eine kindgerechte und harmonische Beziehung sei weniger das Familienmodell entscheidend als die Fürsorge und Liebe der erziehenden Personen. Sofern sich Co-Eltern also gut verstehen und auch dem Kind gegenüber Vertrauen und Sicherheit vermitteln, sollten für Kinder keine Nachteile entstehen. Liest man verschiedene Familienporträts durch, erfährt man, dass Co-Eltern sogar gemeinsam in den Urlaub fahren und viel miteinander unternehmen. Anders als bei einigen Scheidungskindern sind somit auch regelmäßige gemeinsame Aktivitäten möglich.

Aktuellen Statistiken zufolge gibt es heutzutage immer mehr Single-Haushalte. Die Vorstellung von dem einen Partner fürs Leben ist somit für viele überholt. Das Co-Parenting kann als gesamtgesellschaftliches Konzept also durchaus in die heutige Zeit passen. So könnten Erwachsene ihren Kinderwunsch unabhängig von potenziellen PartnerInnen erfüllen und ihr Leben freier gestalten. Diese Entscheidung muss aber natürlich jede/r für sich treffen. Denn Partnerschaft, Liebe und Kinderwunsch voneinander zu lösen, ist sicher nicht für jede/n etwas. Für viele wird auch in Zukunft eine »traditionelle« Familie mit EhepartnerIn und Kind der größte Wunsch bleiben. Neue Familienkonzepte aber können starre Strukturen aufbrechen und Familien neue Perspektiven bieten. In jedem Fall sollte es aber immer darum gehen, seinen Kindern ein liebevolles und harmonisches Zuhause zu bieten. Dabei ist es nachrangig, ob die Eltern aus Liebe oder aus Freundschaft miteinander verbunden sind.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit echten Geschichten.

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