Asexualität – wenn Sex wirklich zur Nebensache wird

Words by Arzu Gül
Photography: Brooke Cagle via Unsplash
Lesezeit: 3 Minuten
Frau im Seitenprofil hat die Augen geschlossen - asexuell

Sex ist überall – was aber, wenn er einen komplett kaltlässt? Was Asexualität ausmacht und wie man erkennt, ob man betroffen ist. 

Spätestens ab der Pubertät ist Sex omnipräsent – in Filmen, Büchern und Musikstücken, als Gesprächsthema unter FreundInnen und als Teil der eigenen Beziehungen. Was aber, wenn man selbst keinerlei sexuelle Anziehung verspürt und überhaupt nicht das Bedürfnis danach hat, mit einem anderen Menschen auf diese Weise körperlich intim zu werden? Wann genau gilt ein Mensch als asexuell, und was bedeutet das eigentlich?

Asexuell ist, wer sich als solches bezeichnet

Eine allgemeingültige Definition oder ein bestimmtes Verfahren, um zu bestimmen, ob jemand asexuell ist, gibt es bisher nicht. Tatsächlich ist laut allgemeinem Konsens jeder asexuell, der sich als solches bezeichnet. Dabei kann das Spektrum der Asexualität stark variieren. Was aber wohl auf alle asexuellen Menschen zutrifft: Sie haben in der Regel kein Verlangen nach sexueller Interaktion und finden andere Menschen auch nur bedingt anziehend. Im Gegensatz zu einer absichtlichen sexuellen Enthaltsamkeit, wie etwa dem Zölibat, ist Asexualität aber keine bewusste Entscheidung, sondern viel mehr eine von vielen sexuellen Orientierungen, wie beispielsweise auch die Homo- oder Bisexualität.  

Die Abwesenheit eines sexuellen Bedürfnisses bedeutet im Umkehrschluss aber nicht zwangsläufig, dass asexuelle Menschen nie Sex haben oder sich gar vor dem Geschlechtsverkehr ekeln. Viele haben eher eine neutrale, gleichgültige Haltung zum Akt an sich und empfinden diesen einfach als nicht so wichtig. Deshalb brauchen asexuelle Menschen entgegen vieler Vorurteile auch keine »Hilfe«, denn in der Regel leiden sie nicht unter ihrer Orientierung und verspüren daher auch keinen Leidensdruck, den es zu lindern gilt. Zur Last wird die Asexualität erst durch Menschen im Umfeld, die durch ihr Unverständnis Druck aufbauen, oder natürlich bei der Partnerwahl, wenn der oder die PartnerIn nicht mit dem fehlenden Bedürfnis nach sexueller Nähe zurechtkommt. 

Nach gescheiterter Ehe: »Jetzt weiß ich endlich, was ich bin«

Im Online-Forum »AVEN« (»Asexual Visibility and Education Network«), einem der größten Netzwerke im Bereich Asexualität, treffen sich Menschen ohne sexuelle Bedürfnisse zum Austausch und um Rat zu finden. Schnell wird deutlich: Asexualität kann die unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen annehmen. Einige erzählen von dem ihnen entgegenschlagenden Unverständnis, von gescheiterten Ehen und einem langen Weg, bis sie mit Mitte 40 oder 50 realisiert haben, dass sie asexuell sind. Wieder andere befinden sich gerade erst in der Pubertät und fühlen sich im Vergleich mit FreundInnen und MitschülerInnen immer wieder »fehl am Platz«. Viele sprechen davon, dass sie Zuneigung in Form von Kuscheln und Küssen genießen, aber dem Geschlechtsverkehr an sich nichts abgewinnen können. Einige Asexuelle lieben es, sich selbst zu befriedigen, aber haben kein Interesse am Körper des Partners oder der Partnerin. Andere empfinden gar keine sexuelle Lust, und noch wieder andere haben sogar regelmäßig Sex, den sie auch genießen, würden aber niemals von sich aus die Initiative ergreifen. 

Belastend ist die Asexualität nur, wenn sie auf Unverständnis seitens des Umfelds trifft

So unterschiedlich die individuellen Geschichten, so vielseitig ist eben auch die Asexualität. Im Allgemeinen werden vier Grundtypen unterschieden:

  • Typ A hat zwar einen Sexualtrieb und vermutet, dass Geschlechtsverkehr sich gut anfühlen könnte, spürt aber keine Anziehung und keine Notwendigkeit, intim mit jemandem zu werden.
     
  • Typ B fühlt sich emotional, geistig oder auch körperlich zu Menschen angezogen, kann sich verlieben und sehr tiefe Bindungen aufbauen, hat aber kein Bedürfnis, mit dieser Person sexuell zu agieren. 
     
  • Typ C verspürt sowohl einen Sexualtrieb als auch eine Anziehung, unterscheidet aber »Sex« und »Liebe« strikt voneinander. Menschen dieses Typs empfinden Sex als »herabstufend« und möchten den oder die PartnerIn nicht für die Befriedigung ihres Triebs ausnutzen.
     
  • Typ D verspürt weder eine emotionale Anziehung noch einen Sexualtrieb. Menschen dieses Typs empfinden keinen Reiz an der Liebe und auch kein Interesse an sexuellen Kontakten. 

Die Einteilung in vier Kategorien ist natürlich stark vereinfacht und soll nur einen ersten Überblick geben. Dass das sexuelle Erleben in der Realität sehr viel komplexer ist, zeigt auch die Unsicherheit vieler Menschen, sich einer bestimmten sexuellen Orientierung vollständig zuzuordnen. 

Viele Menschen weisen manchmal typisch asexuelle Merkmale auf, empfinden aber dennoch immer wieder auch ein starkes Verlangen nach sexuellen Kontakten. Hier passt dann beispielsweise das Konzept der »Gray-Asexualität«, welches als Zwischenstufe zwischen Asexualität und Sexualität gesehen wird. 

Wie finde ich heraus, ob ich asexuell bin?

Für viele Menschen kann es befreiend sein, ihrer sexuellen Neigung einen Namen zu geben – insbesondere, wenn diese vom eigenen Umfeld stark abweicht und man sich daher immer wieder als »nicht normal« empfindet. Auch Gespräche mit Gleichgesinnten können dabei helfen, sich selbst und die eigene Gefühlswelt besser kennenzulernen und damit auch im Umgang mit FreundInnen oder potenziellen PartnerInnen besser zurechtzukommen. 

Die University of British Columbia hat auf Basis von Aussagen bekennender Asexueller einen wissenschaftlichen Test entwickelt, mit dem man sich selbst testen und einordnen kann. Das soll aber nur eine Hilfestellung sein – natürlich muss man keinen Test machen, um sich als asexuell oder sexuell zu beschreiben.

Wer sich in den beschriebenen Eigenschaften wiederfindet, für den sind die Netzwerke »AVEN« und »AktivistA« eine gute erste Anlaufstelle. Dort bekommt man ausreichend Infomaterial, kann in persönlichen Erfahrungsberichten stöbern und hat vor allem auch die Möglichkeit, sich im Chat mit Gleichgesinnten auszutauschen. Dort wird schnell deutlich: Sexualität hat viele Gesichter. Alleine ist man jedenfalls schon mal nicht.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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