Was wir von Astronaut*innen über Beziehungen lernen können

Words by Arzu Gül
Photography: History in HD via Unsplash
Astronaut auf dem Mond

Von AstronautInnen geht eine einzigartige Anziehungskraft aus. Schon Kinder empfinden Bewunderung für Menschen, die in den Weltraum reisen und auf dem Mond landen. Diese Faszination lässt auch im Erwachsenenalter nicht nach. Wohl kein anderes Berufsbild ist so spannend, innovativ und gleichzeitig mysteriös. Denn als Außenstehende bekommen wir in der Regel wenig davon mit, welch hochkomplexe Aufnahmeprüfungen AstronautInnen durchlaufen müssen, wie ihr Arbeitsalltag aussieht oder was sie sonst während ihrer Laufbahn so alles sehen und erleben. Was ExpertInnen aber immer wieder sagen: Besonders in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen können wir von AstronautInnen noch sehr viel lernen. 

 

Ein Aufenthalt auf der Raumstation ISS (International Space Shuttle) kann kräftezehrend sein. Stellt Euch vor: Ihr lebt mit fünf weiteren Personen aus unterschiedlichen Nationen monatelang auf engstem Raum in einem schwerelosen Satelliten und rast mit 400 Stundenkilometern über der Erde durch das All. Während dieser Zeit haben AstronautInnen einen vollen Stundenplan: Da auf der ISS Schwerelosigkeit herrscht, können hier Experimente umgesetzt werden, die auf der Erde so nicht möglich wären. Es werden neue Materialien und Technologien sowie die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper erforscht. Zusätzlich muss die Raumstation selbst gepflegt, gewartet und repariert werden. Manchmal muss ein Astronaut hierfür auch den geschützten Innenraum der Raumstation verlassen und hinaus in das Weltall schweben.

Um sich für diese Aufgabe zu qualifizieren, sind bestimmte Voraussetzungen notwendig. Neben körperlicher Fitness und einer herausragenden Kommunikationsfähigkeit muss man auch eine außergewöhnliche mentale Stärke und emotionale Balance mitbringen und gut mit Stress umgehen können. Die allgemeinen Bedingungen im All, die Isolation von der Welt und der eigenen Familie sowie ein Mangel an Rückzugsmöglichkeiten sind eine große Herausforderung. Dennoch scheinen AstronautInnen sich hinterher immer wieder nach dieser Zeit zurückzusehnen. Sie sprechen davon, dass sie noch länger im Weltraum hätten bleiben können und dass sie seit dieser Erfahrung einen ganz anderen Blick auf unseren Planeten hätten.

Der Blick ins Weltall rückt alles in Perspektive

So weit weg von der Erde wird einem deutlich, was wirklich wichtig ist.

Bob Behnken und Doug Hurley, zwei NASA-Astronauten aus Houston, Texas, sprachen im Interview mit »The Atlantic« von ihrer Zeit im All und ihrer besonderen Freundschaft zueinander. Die Tatsache, dass sich die Erde und alles, was einem bekannt ist, unter einem bewege und man auf darauf herunterschauen könne, verändere die Denkweise und die Perspektive auf das eigene Leben. Man erkenne das große Ganze und würde sein Leben mit all seinen Facetten viel mehr zu schätzen lernen. Und selbst, wenn später einmal etwas im Leben schief gehe, sei es nach einer Raumfahrt viel einfacher, Dinge loszulassen: »Das lief heute nicht gut. Was soll’s – gestern war ich noch im All!«. Denn welche Bedeutung haben schon die Befindlichkeiten des Alltags, wenn man erst einmal die unendliche Weite des Universums vor Augen hatte?

Sie erklären, die Raumfahrt bewege einen außerdem dazu, verständnisvoller und netter zu seinen Mitmenschen zu sein sowie immer auch den Standpunkt des Gegenübers wahrzunehmen. Schließlich sei man füreinander verantwortlich und habe nur diesen kleinen Kreis an Vertrauten. Man pflegt also seine Beziehungen und arbeitet daran, statt sie voreilig wegzuwerfen.

Eine Freundschaft im Weltraum ist für immer.

Michail Kornijenko

Auch der deutsche Astronaut Dr. Alexander Gerst, der schon insgesamt 363 Tage (2014 und 2018) im Weltraum verbracht hat, berichtet, dass er nicht nur den Ausblick auf die Erde, sondern auch die Freundschaft im All vermisse: »Ich war mit einem Kanadier, einer Amerikanerin, einem Amerikaner und einem Russen […] da oben. Das hat wirklich toll geklappt und diese internationale Zusammenarbeit macht Spaß«, sagte er bei der Verleihung des nordrhein-westfälischen Landesverdienstordens in Düsseldorf. Und auch der russische Kosmonaut Michail Kornijenko sagte einst über seine Freundschaft mit seinem US-Kollegen Scott Kelly auf der ISS: »Eine Freundschaft im Weltraum ist für immer.«

Es wird deutlich: Trotz der sprachlichen und kulturellen Unterschiede wachsen AstronautInnen während einer Expedition wie kleine Familien zusammen. Kleine Befindlichkeiten und ein trotziges oder egoistisches Verhalten haben in der Weite des Alls offenbar keinen Platz. Wenn die Erde mit all ihren Facetten, Erinnerungen und Problemen unter einem schwebt, bleiben nur die wirklich wesentlichen Themen relevant: mentale und physische Gesundheit, Sicherheit und eine gesunde Beziehung zu den Mitmenschen.

 

Was die geheimen Tagebücher preisgeben

Einer muss es wissen: Jack Stuster, der bereits seit Jahrzehnten Berater der NASA ist, hat die Aufgabe, zu erforschen, welche Gegebenheiten und Charaktereigenschaften vonnöten sind, damit AstronautInnen im Weltall gut miteinander auskommen und perfekt zusammenarbeiten können. Zu diesem Zweck bittet Stuster die AstronautInnen, im All private Tagebücher zu führen, die nur er zu Gesicht bekommt und auswerten darf. Er kommt zu dem Ergebnis, dass in Bezug auf Arbeit nichts so kontraproduktiv sei wie unrealistische Arbeitsziele oder aber permanente Unterforderung. Menschen würden Aufgaben benötigen, die ihnen das Gefühl geben, etwas Sinnvolles zu tun. Weiterhin sei es selbst im Weltraum für ein gutes Gruppengefühl unabdingbar, mindestens einmal am Tag an einem Esstisch zusammenzukommen und sich in entspannter Atmosphäre auszutauschen. Aus diesem Grund befindet sich heute auf der ISS ein großer Esstisch für die Crew. 

Laut Stuster sei aber vor allem eines wichtig: Empathie. »Mitfühlen. Das Wohl der Gruppe im Auge behalten. Verlässlich sein. Sich zurücknehmen. Wenn wir das schaffen, können Menschen miteinander tatsächlich Unglaubliches erreichen.« – Auch für uns, die wir nicht ins All fliegen, kann die Chance darin liegen, achtsamer mit uns und unserer Umwelt umzugehen und vor allem: unser Ego auch mal zu ignorieren und ruhen zu lassen. 

Probiert es aus – es könnte sich auszahlen.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit echten Geschichten.

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