LGBTI – Die Mär vom Menschenrecht auf Gleichheit?

Words by Christina Feyerke
Photography: Mercedes Mehling
Zwei Frauen mit Zöpfen stehen an einer Straße und sind beide in eine Regenbogenflagge gehüllt
Vieles hat sich für queere Menschen zum Besseren verändert, seit es den ersten großen Aufstand gegen willkürliche Polizeibrutalität bei der Stonewall-Inn-Razia in New York 1969 gab. Doch sind wir wirklich schon bei der Gleichbehandlung angekommen, die durch die Erklärung der Menschenrechte zugesichert sein sollte? Wie gehen junge Menschen heute mit queerer Identität um?
 

Es heißt, dass etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung sich als LGBTI definieren. Absolute Werte zu erzielen ist aufgrund der Datenlage schwierig, da die Offenlegung sexueller Orientierung oder Veranlagung dem Individuum obliegt. Somit ist das Ergebnis der Zahlenakrobatik leider wenig repräsentativ. Die Beweggründe, aus denen Coming-outs auch heute noch unterbleiben oder erst später im Leben erfolgen, sind nachvollziehbar in Gesellschaften, die für Vielfältigkeit nur bedingt reif zu sein scheinen oder sie rundweg kriminalisieren.

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte

In knapp 80 Staaten und Territorien der Welt droht Betroffenen laut ILGA-Statistik strafrechtliche Verfolgung. Die Skala der „Maßnahmen“ reicht von einem Monat Gefängnis bis zur Todesstrafe. Doch auch in demokratisch regierten und vermeintlich weltoffenen Ländern kann öffentlich gelebte Diversität problematisch sein. 

LGBTI

Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transexuell/Transgender, Intersexuell

Homophobie 

Gegen LGBTI gerichtete Abneigung

ILGA 

Die Organisation („International lesbian, gay, bisexual, trans and intersex association“) wurde 1978 als Selbsthilfegruppe gegen homophobe Gewalt gegründet. Heute kämpft der Verband vor dem Europäischen Gerichtshof für LGBTI- Menschenrechte und ist verlässlicher Partner für die Belange der Betroffenen. www.ilga.org

Stonewall-Unruhen 

Eine Serie gewalttätiger Konflikte zwischen Homosexuellen und der New Yorker Polizei, die im Juni 1969 bei einer Razzia im Stonewall Inn (einer Bar mit LGBTI-Publikum) in der Christopher Street im Greenwich Village begann.

SOGI(ESC) 

Sexual Orientation and Gender Identity (and Expression and Sex Characteristics)

Schaulust oder wahre Akzeptanz von LGBTI?

Auch in der zivilisierten (und säkularisierten) Welt bleibt es für den Großteil von LGBTI-Personen Alltagsroutine, die eigene Veranlagung zu verschleiern. Eher entscheidet man sich für ein konstruiertes Lebenskonzept unter einer Tarnkappe als Respektverlust zu riskieren oder sich Diskriminierung auszusetzen. Zu den praktizierten Schutzmechanismen zählen in aller Welt nach wie vor gemischte Scheinehen. Allenfalls für Paradiesvögel aus Show-Biz und Mode, Film und TV oder Größen aus der Politik ist „Andersartigkeit“, oder klarer: Vielfältigkeit, für die Öffentlichkeit nicht nur legitim, sondern durchaus gern gesehen. Wenn es gilt, heterosexuellen Voyeurismus zu befriedigen, kann es bei LGBTI scheinbar gar nicht exotisch genug zugehen.

Schwul oder nicht: Barry Humphries mit „Dame Edna“ gilt als Vorreiter für die Trans- moderierte Talk-Show, Lilo Wanders legte auf VOX mit durchaus pikanten Themen nach. Zudem haben sich beispielsweise Anne Will, Hape Kerkeling, Tatort-Kommissarin Ulrike Folkerts, ehemalige Außenminister und Regierende Bürgermeister oder auch die illustre Olivia Jones zu ihrer queeren Sexualität bekannt. Sie nahmen – vielmehr: gaben – sich die „Freiheit“ und ernteten Anerkennung für ihre Entscheidung zum Coming-out. Aber was ist mit jenen, die es nicht wagen, sich sichtbar zu machen?

Beispiel: Junge Erwachsene

Eine von einem großen Telefonanbieter in Auftrag gegebene und von der Agentur Out Now Global durchgeführte Studie unter Berufseinsteigern belegt dies: Der Großteil der Befragten lebt LGBTI mit Familie, Freunden und Studienkollegen relativ offen. Aus Furcht vor Stigmatisierung ziehen es 41 Prozent aber vor, ihre Veranlagung in ihrem ersten Job vorerst zu verschweigen.

Regenbogenfamilien

Gleichgeschlechtliche Paare haben in Deutschland seit dem 01. Oktober 2017 das Recht auf Eheschließung und zur gemeinsamen Adoption von Kindern.

Klingt gut? Fast: Für ein innerhalb einer lesbischen Ehe geborenes Kind wird nur der biologischen Mutter das Sorgerecht automatisch zugesprochen. Die zweite Mutter muss das Kind adoptieren.

Wie viele Regenbogenfamilien – also gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern – es in Deutschland tatsächlich gibt, lässt sich aufgrund der Datenlage nur schätzen.

 

Der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes bietet als bevölkerungsrepräsentative Haushaltsbefragung die Möglichkeit, die Anzahl der gleichgeschlechtlichen Paare mit einem gemeinsamen Haushalt zu schätzen.

2016 bildeten etwa 95.000 gleichgeschlechtliche Paare einen gemeinsamen Haushalt. Etwa jede zehnte dieser Partnerschaften (n ≈ 10.000; 10,5 Prozent) kann als Regenbogenfamilie im engeren Sinn bezeichnet werden, da hier zum Befragungszeitpunkt mindestens ein lediges Kind im Haushalt der Männer- oder Frauenpaare lebte. Rund 14.000 Kinder waren 2016 in Deutschland Teil einer solchen Regenbogenfamilie (0,07 Prozent aller ledigen Kinder in Deutschland).

Bundeszentrale für politische Bildung

 

 

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LGBTQ

In Christina Feyerke's internationaler Biografie schlagen knapp 20 Auslandsjahre zu Buche. Zurück in Deutschland begann sie, für Fachmagazine der Veranstaltungswirtschaft zu schreiben. Reisen gehörten auch hier zum regulären Tagesgeschäft. Neben Artikeln für Zeitschriften verfasst sie humorvolle, meist ironische Gedichte und betreibt Goodmeetings, eine englischsprachige Online-Plattform.

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