Zwei Generationen von Landwirtinnen erzählen

Words by Annekathrin Walther
Photography: Carolin Möntmann
Eine Frau Anfang 50 und eine Frau Anfang 20 stehen dicht nebeneinander vor einem grün bewachsenen Bauernhaus
Kathrin (53) und Carolin (21) Möntmann sind Mutter und Tochter. Als Familie leben und arbeiten Möntmanns auf einem landwirtschaftlichen Betrieb zwischen Melle und Bielefeld, den es an dieser Stelle bereits seit tausend Jahren gibt. Beim Gespräch dabei ist außerdem Carolins Sohn Louis, ein quirliger Zweijähriger. Wie steht es um die Landwirtschaft aus Sicht von zwei Bäuerinnen eines Familienbetriebs? Wie ist es, wenn ein Kind den Betrieb der Eltern übernimmt? Ein Interview mit drei Generationen über landwirtschaftliche Herausforderungen, Hähnchen, Sauen und Hofnachfolge.
 

Kathrin und Carolin, ihr seid Mutter und Tochter und beide Landwirtinnen. Wie seid ihr zur Landwirtschaft gekommen?

Carolin: Ich bin natürlich hier auf dem Hof aufgewachsen. Dann habe ich eine Ausbildung zur Landwirtin gemacht und letztes Jahr im Sommer abgeschlossen. Seit Herbst studiere ich Landwirtschaft in Osnabrück, bin also jetzt im 2. Semester. Ich habe mich bewusst für das Studium entschieden, weil schwer zu sagen ist, wie es mit unserem Betrieb weitergeht. Im Notfall könnte ich den Hof später im Nebenerwerb weiterbetreiben und irgendwo anders arbeiten. Mit dem Studium in der Tasche kann man letztendlich überall arbeiten, weil es sehr breit aufgestellt ist mit Wirtschaft, Pflanzenbau und Tierhaltung. Man ist dann auf alle Bereiche vorbereitet.

Hast du die landwirtschaftliche Ausbildung zu Hause auf eurem Hof gemacht?

Carolin: Im ersten Jahr war ich in einem anderen Ausbildungsbetrieb. Das zweite Jahr habe ich dann zu Hause gemacht, weil Louis dazwischenkam. Dank meiner Eltern konnte ich die Ausbildung trotzdem in der geplanten Zeit abschließen.

Und du, Kathrin?

Kathrin: Ich habe auch eine landwirtschaftliche Ausbildung gemacht und dabei meinen Mann kennen und lieben gelernt. Wir haben jetzt seit vielen Jahren unseren eigenen Betrieb. Carolin ist unser drittes Kind. Seit sie geboren wurde, arbeite ich Vollzeit auf dem Hof. Vorher hatte ich in der städtischen Familienpflege gearbeitet. Letztendlich war aber die Landwirtschaft immer mehr mein Ding. Im Moment versuche ich, Carolin viel zu unterstützen, und betreue den kleinen Flitzer, damit sie ihr Studium durchziehen kann. Somit sind wir jetzt ein ganz klassischer Drei-Generationen-Familienbetrieb. Wir haben ganz bewusst keine Angestellten. Wir haben es immer so gemacht, dass wir es als Familie schaffen konnten. In der Regel klappt es auch, nur in Spitzenzeiten wird es manchmal ein bisschen eng.

Auf geht’s! Carolin wird den Hof ihrer Eltern übernehmen.

Wie groß ist euer Betrieb aktuell?

Carolin: Wir haben zirka vierzig Hektar Ackerland in der Bewirtschaftung, außerdem ungefähr 500 Mastschweine und 68.000 Masthähnchen. Wenn wir die Hähnchen nicht dazugenommen hätten, wäre unser Betrieb im Haupterwerb nicht mehr überlebensfähig.

Ihr hattet also nicht immer Hähnchen?

Kathrin: Nein, die Hähnchen kamen erst spät. Es gab einen Punkt, an dem mein Mann und ich uns entscheiden mussten: 2013 war die Sauenhaltung, so wie wir sie bis dahin gemacht haben, nicht mehr möglich. Die Tiere mussten ab da in Gruppen gehalten werden, und das ging in unseren Gebäuden nicht. Im Gegensatz zu meinem Mann war ich am Anfang nicht so begeistert von Hähnchen, aber letztendlich war das der richtige Schritt. Die Arbeit macht auch wirklich Spaß.

Ist denn die Arbeit mit Hähnchen leichter als mit Sauen?

Kathrin: Körperlich auf jeden Fall, weil ich mit maximal drei Kilo Tier zu tun habe und nicht mit 150-200 Kilo. Wenn so eine Sau dann auch noch ihren eigenen Kopf hatte, hatte ich oft nicht viel entgegenzusetzen. Wenn die den Weg vom einen in den anderen Stall nicht gehen wollte, hatte ich keine Chance. Wir sind insgesamt zufrieden mit den Hähnchen.

Carolin: Ich musste mich in der Ausbildung nochmal mit Sauen anfreunden. Wir hatten damals schon nur noch Mastschweine, keine Sauen mehr. Meine letzte Berührung mit Sauen hatte ich mit 7 oder 8 Jahren gehabt. Damals hat mein Vater mich in den Sauenstall gestellt, mitten in den Gang, und gesagt: Pass mal auf, dass die Sauen nicht zu weit rennen. Die Sauen waren mit mir auf Augenhöhe und kamen dann mit vollem Karacho auf mich zu gerannt. Da war ich erstmal für eine Weile fertig mit Sauen.

 

Landwirtschaft und Umweltschutz

Was würdest du, Kathrin, sagen ist im Moment die größte Herausforderung für die Landwirtschaft? 

Kathrin: Es ist eine Herausforderung, mit den ganzen Umweltauflagen umzugehen. Gerade für kleinere Betriebe wie unseren ist es schwerer, die vielen Gesetze zu erfüllen. Ein großer Betrieb hat andere finanzielle Mittel und steckt Einkommenseinbußen, die durch neue Bestimmungen entstehen können, unter Umständen eher weg. Der Anspruch, der in Sachen Natur- und Umweltschutz an die Landwirtschaft herangetragen wird, ist sehr hoch. Auf der einen Seite ist das natürlich nachvollziehbar, Umweltschutz ist ein wichtiges Thema. Ich glaube, dass die Landwirte sich bemühen, so schonend wie möglich mit allem umzugehen. Klar, in jedem Beruf gibt es welche, die es anders machen. Die Toleranz unter Landwirten ist an der Stelle aber geringer geworden: Früher hat man auch mal wegeschaut, wenn sich einer nicht an die Regeln gehalten hat. Heute wird dann eher gesagt: So läuft es nicht. 

Das sind Dinge, an man nicht denkt, wenn man im Supermarkt steht.

Kathrin: Das stimmt, eine normale Verbraucherin sieht nicht, wie schwer es manchmal ist, Ansprüche und Umsetzbarkeit miteinander in Einklang zu bringen. Das ist kein Vorwurf, sie kann es auch nicht sehen. Wir wollen eine vernünftige Landwirtschaft machen, im Kontakt mit dem Verbraucher sein und müssen gleichzeitig auch noch Geld verdienen. Es ist ein Spagat. 

Und du, Carolin? Wenn du an deine Zukunft als Landwirtin auf dem Hof denkst, was siehst du so als größte Herausforderung für euren Betrieb?

Carolin: Eine der größten Herausforderungen auf unserem Betrieb ist im Moment der Leerstand. Die alten Sauenställe stehen leer und verfallen so langsam. Wir werden uns überlegen müssen, wie wir sie nutzen können. Die Schweinehaltung wird in Deutschland durch die vielen Auflagen immer schwieriger. Viele Sauenhalter mit kleinen Betrieben haben schon aufgegeben, weil es zu viel geworden ist, um es als Familienbetrieb stemmen zu können. 

Kathrin: Irgendwie wird es ja immer weitergehen, aber so einen Masterplan, also einen 10-Jahres-Plan, haben wir im Moment nicht. 

Carolin: Nee.

Was wären denn Möglichkeiten? 

Carolin: Vielleicht eine etwas alternative Schweinehaltung, bei der man mit alten Schweinerassen und offenen Ställen arbeitet. Wir haben auch schon überlegt, ob wir noch andere Ackerfrüchte dazunehmen und auch selbst verarbeiten, so dass wir mehr über Direktvermarktung machen könnten. Dann wäre man weniger vom großen Markt abhängig. 

Eine positive Grundhaltung gehört dazu.

Trotz aller Herausforderungen hast du dich dafür entschieden, den Hof zu übernehmen. Wie kamst du zu deiner Entscheidung? 

Carolin: Meine Eltern haben immer gesagt, wenn keiner von uns drei Kindern den Hof weitermachen möchte, dann wird das, was verpachtet werden kann, verpachtet, und der Rest wird stillgelegt. Ich glaube, ich war in der 9. Klasse, als ich mir überlegt habe, dass ich das nicht möchte. Ich habe dann zu meinen Eltern gesagt, dass ich mir vorstellen kann, zumindest zu versuchen, den Hof weiterzuführen.

Wie haben sie reagiert?

Carolin: Sie waren überrascht.

Kathrin: Ich dachte, wenn mein Mann in Rente geht, machen wir hier die Ställe leer. Mir war damals noch gar nicht klar, in welche Berufsrichtung Carolin gehen würde. Die beiden älteren Jungs sind in ganz andere Berufe gegangen. Wir haben von unseren Kindern nicht erwartet, dass sie den Betrieb weiterführen. Nur weil wir beide gerne Landwirtschaft machen wollten, konnten wir es nicht von den Kindern verlangen. 

Wirst du nach deinem Studium nach und nach einsteigen oder wird es eine harte Übernahme?

Carolin: Wir werden den Betrieb erstmal partnerschaftlich als GbR betreiben. Wenn mein Vater dann in Rente geht, werde ich den Hof offiziell übernehmen, so dass es einen wirklichen Cut gibt und er dann nicht mehr überall das Sagen hat. Sein Vater hat es mit ihm genauso gemacht. Er findet es so fair und möchte es auf diese Art versuchen.

Es ist wahrscheinlich gar nicht so leicht, wenn das eigene Kind plötzlich übernimmt und man nichts mehr zu sagen hat.

Carolin: Wenn meine Eltern früher in Urlaub gefahren sind, musste immer mein ältester Bruder aus Aachen kommen, um den Hof zu machen. Papa konnte nicht gut an uns andere abgeben, das hat sein Kopf nicht mitgemacht. Als ich dann in der Ausbildung war, hat er gemerkt, dass er mir das zutrauen kann. Ich war am Anfang auf einem Ausbildungsbetrieb, der den gleichen Hähnchenstall hatte wie wir, nur eine Nummer größer. Nachdem ich dann erzählt hatte, dass mein Chef mich schon mehrfach mit dem ganzen Betrieb alleine gelassen habe, hat mein Vater sich gedacht: ok, vielleicht kann man das ja doch mal zulassen.

Kathrin: Das Abgeben wird schon schwierig werden. Wir üben jetzt schon: Louis ist Carolins Sohn, da halten wir uns auch zurück und entscheiden nicht. Es geht nur, indem man miteinander spricht, sich gegenseitig in Entscheidungen einbindet und über alles informiert. 

Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Landwirtin

Wie ist es für dich als Mama, Carolin? Wie läuft es für dich mit Kind und Studium und der Arbeit auf dem Hof?

Carolin: Im Studium habe ich im Moment einen sehr angenehmen Stundenplan. Ich bin eigentlich nur nachmittags unterwegs und habe den ganzen Vormittag hier. Jetzt gerade ist Louis wirklich aufgedreht, aber normalerweise kann er sich auch schon super alleine beschäftigen. Dann kann ich schon einiges am Schreibtisch schaffen. 

Und wie war es für dich, Kathrin, mit drei Kindern auf dem Hof?

Kathrin: Ich hatte immer meine Schwiegermutter zur Seite, eine richtig tolle Frau, mit der ich mich ganz viel abstimmen konnte. Sie hat mir bei vielen Sachen den Rücken freigehalten. Und wir hatten bis 2005 noch eine alte Dame hier mit auf dem Hof wohnen, die nach dem Krieg als Flüchtling hier einquartiert worden war und dann einfach mit ihrem Mann hier wohnen geblieben ist. Als sie noch fit war, hat sie die Kinder auch gerne genommen. Manchmal denkt man natürlich trotzdem, wie soll man das alles nur schaffen? Aber dann erledigt es sich doch in irgendeiner Form. Alleine wäre es schwierig. Insofern sind wir jetzt auch schon ein gutes Dreierteam geworden, glaube ich.

Carolin: Ja.

Ist denn bei dir auch schon der Gedanke da, dass der Sohn den Hof mal von dir übernimmt?

Carolin: Ich sehe das ähnlich wie meine Eltern. Wenn er es nicht machen möchte, dann ist das so. Aber natürlich denkt man schon daran. Er kriegt auch schon von allen zu hören, dass er den Betrieb dann übernimmt.

Kathrin: Wenn man die Geschichte des Hofes so sieht, freut man sich natürlich, dass die nächste Generation auch Interesse hat. Aber wenn es nicht mehr geht... niemand soll unglücklich sein.

In der wievielten Generation seid ihr denn eigentlich auf dem Hof?

Carolin: Die Hofstelle existiert seit ungefähr 1000 Jahren. 

Kathrin: Und auch den Hofnamen, Möntmann, gibt es seitdem. Er hat sich natürlich auch immer wieder der Sprache angepasst. So richtig in der Familie ist der Hof seit 300 Jahren. Seither wurde er immer wieder an eigene Kinder oder an Nichten und Neffen weitergegeben, wenn keine eigenen Kinder da waren. Es wurde immer geguckt, dass er in der Familie blieb und dass es auch mit der Landwirtschaft weiterging. Es gibt eine Hofchronik, und wenn man die liest, sieht man, dass es schon immer Höhen und Tiefen gegeben hat. Trotzdem ging es immer irgendwie weiter. 

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Carolin und liebe Kathrin.

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Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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