Ziemlich episch, diese Epigenetik

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Amanda Dalbjörn auf Unsplash
Epigenetik
Habt ihr euch schon mal gefragt, wieso manche Menschen Diabetes oder Alzheimer bekommen und andere nicht? Wieso einige Leute von Grund auf aggressiver sind oder schlechter mit Stress umgehen können – ihr selbst damit aber gar keine Probleme habt? Der erste logische Gedanke dazu: Das muss doch irgendwas mit den Genen und der Vererbung zu tun haben. Oder hat das nur etwas mit den Lebensumständen zu tun?

Tatsächlich ist beides irgendwie richtig: Wieso solche Unterschiede bestehen und was da genau vor sich geht, lässt sich zumindest in Ansätzen durch die Forschung der Epigenetik entschlüsseln. Die Epigenetik ist ein aufstrebender und äußert interessanter Forschungszweig der Biologie, der mit Teilen des Darwin’schen Anpassungsmechanismus arbeitet und untersucht, wie epigenetische Mechanismen das Erbgut steuern, indem sie Gene ein- und ausschalten. Dabei wird auch der Frage nachgegangen, inwiefern solche epigenetischen Veränderungen auch an nachfolgende Generationen weitergegeben werden können.

EPIGENETIK: DAS BINDEGLIED ZWISCHEN DEN GENEN UND DEN UMWELTEINFLÜSSEN

Das Wort Epigenetik setzt sich zusammen aus Genetik – der Vererbungslehre – und Epigenese – der Entwicklung eines Lebens. Wissenschaftler betrachten die Epigenetik als ein Bindeglied zwischen den (vererbten) Genen und den Umwelteinflüssen, wie z.B. Ernährung, Krankheit und Lebensstil. Immer stärker verfestigt sich die Theorie, dass das Erbe und die Umwelt untrennbar sind und ihre Wirkung immer gemeinsam erzielen. Wie das aussehen kann, haben spanische Forscher gezeigt. Sie haben mehrere genetisch identische Zwillingspaare untersucht. Die Jüngsten von ihnen wiesen kaum Unterschiede in ihrem epigenetischen Code auf. Die Älteren allerdings schon. Sie unterschieden sich teilweise sogar stark.

Epigenetik

Es ist nicht die stärkste Spezies, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, sondern eher diejenige, die am ehesten bereit ist, sich anzupassen.

Charles Darwin

 

Ähnlich erging es dem Zwillingspaar Scott und Mark Kelly. Wie wir in unserem Artikel berichteten, lebte einer der Zwillinge ein Jahr lang im All. Sein Körper hatte sich den Gegebenheiten angepasst. Plötzlich konnten Unterschiede im zuvor annähernd identischen epigenetischen Code der beiden Männer gefunden werden. Im menschlichen Körper existieren mehr als 200 Zelltypen – und in jeder Zelle steckt dieselbe DNS-Sequenz. Doch nicht in jeder Zelle sind auch alle Gene – also Abschnitte auf der DNS – aktiv. Durch die Methylierung, bei der Moleküle an den DNS-Strang andocken, wird verhindert, dass die nachfolgende Gensequenz abgelesen und in ein Protein übersetzt werden kann. So wird das Gen ausgeschaltet. Sollen die Gene aktiviert werden, muss das Erbgut mithilfe von kleinen Molekülen wieder “entpackt” werden. Die Epigenetik hat somit die Macht zu bestimmen, unter welchen Umständen welches Gen aktiviert und wann es deaktiviert wird.

HAT DIE UMWELT EINFLUSS AUF UNSEREN EPIGENETISCHEN CODE?

Zu den Umwelteinflüssen zählen nicht nur geografische Gegebenheiten oder bewusste Lebensstilentscheidungen wie Rauchen oder Sport. Auch das soziale Umfeld der Menschen kann laut Forschern Einfluss auf ihren epigenetischen Code und somit auf ihr Leben und ihre Gesundheit nehmen. Ein Säugling, dem es an Liebe und Geborgenheit fehlt, kann später unter Bindungsproblemen leiden. Derartige Traumata können “Narben” im Erbgut hinterlassen, die sogar über mehrere Generationen weitervererbt werden können. Somit könnte die Erklärung für eine Depression nicht nur in der ganz persönlichen Geschichte zu finden sein, sondern unter Umständen bei den Eltern, Groß- oder sogar Urgroßeltern.

Bisher ist diese Theorie noch sehr umstritten und beim Menschen nicht eindeutig bewiesen. Experimente mit Säugetieren zeigen allerdings, dass so etwas durchaus möglich ist. Der Wissenschaftsjournalist und Buchautor Peter Spork beschäftigt sich seit Jahren mit der Epigenetik. In seinem Newsletter “Epigenetik: Das Neuste aus einem der wichtigsten Forschungsgebiete unserer Zeit” schreibt er, dass traumatische Erlebnisse oder eine Fehlernährung nicht nur bei dem betroffenen Individuum für eine Veränderung der epigenetischen Strukturen sorgen. Inzwischen gibt es Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass die jeweiligen Spuren noch in drei Folgegenerationen nachgewiesen werden können.

Vererbung

EPIGENETIK: DATEN MÜSSEN VORSICHTIG INTERPRETIERT WERDEN

Ein Beweis dafür könnte die neue Studie des Teams um den Konstanzer Neuropsychologen Thomas Elbert sein. Die Kinder in der brasilianischen Stadt São Gonçalo sind für ihre hohe Gewaltbereitschaft bekannt. Die Psychologen wollten daher herausfinden, ob dieses Verhalten etwa von ihren Vorfahren weitervererbt wurde. Dazu untersuchten sie das DNS-Methylierungsmuster in den Mundschleimhautzellen von 65 Mädchen und 56 Jungen. Thomas Elbert und sein Team befragten außerdem alle 121 Großmütter mütterlicherseits. Alle Frauen sollten Angaben dazu machen, ob sie während der Schwangerschaft Erfahrungen mit Gewalt gemacht hatten. 22 Prozent berichteten davon, wiederholt geschlagen oder missbraucht worden zu sein. Und tatsächlich: Bei den Enkeln dieser Frauen konnten mehrere auffallende Abweichungen im epigenetischen Code gefunden werden. “Selbstverständlich sollte man die neuen Daten vorsichtig interpretieren. Sie besagen zum Beispiel nicht, dass das Erkrankungsrisiko der Kinder verändert ist, und sie weisen lediglich auf eine Korrelation hin, ohne einen kausalen Zusammenhang belegen zu können. Dennoch erlauben sie und hoffentlich viele ähnliche zukünftige Befunde eines Tages vielleicht sogar, mit Hilfe vergleichsweise einfacher biologischer Tests auf Erfahrungen aus der Biografie der Vorfahren eines Menschen zurückschließen zu können”, so Peter Sporks Einschätzung zu den Ergebnissen. Das heißt also, dass sich die Erfahrungen der Großmütter tatsächlich im epigenetischen Code ihrer Enkel niedergeschlagen haben. Welche Rückschlüsse daraus gezogen werden und ob dies tatsächlich die Ursache für die größere Gewaltbereitschaft ist, ist jedoch bisher wissenschaftlich noch nicht belegt.

Epigenetik

Wie wir sehen, versucht die Epigenetik fleißig, bisher ungeklärte Zusammenhänge zu ergründen. Bis wir abschließende Ergebnisse vorliegen haben, kann es noch Jahrzehnte dauern. Dennoch blicken Forscher hoffnungsvoll in die Zukunft der Epigenetik. Eventuell können Erkenntnisse erlangt werden, die nicht nur Einfluss auf künftige Therapien, sondern auch auf unsere Art zu leben haben.

Peter Spork: “Epigenetik: Das Neuste aus einem der wichtigsten Forschungsgebiete unserer Zeit”

 

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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