Wie Sprache deine Wahrnehmung formt

Words by Jana Ahrens
Photography: Jason Rosewell
Schwarz-Weiß-Bild eines Kindes mit sehr kurzen Haaren, das mit verzerrter Mine und aufgerissenem Mund in ein Studio-Mikrofon spricht oder singt.

Woher kommen unsere Gedanken? Wie entsteht Sprache? Und wie beeinflussen Sprache und Gedanken unsere Wahrnehmung? Diese Fragen beschäftigen die Wissenschaftlerin Lera Boroditsky schon sehr lange. Wie sie in ihrer Forschung zu Antworten kommt, ist nicht nur spannend, sondern liefert auch ein paar witzige und interessante Anekdoten.

 

Die Linguistin und TED-Talkerin Lera Boroditsky hat ein Lieblingsbeispiel, um ihr Konzept von Sprache und Denkfähigkeit zu beschreiben. Wenn sie ihre Vorträge in Vorlesungssälen hält – oft sind gestandene PreisträgerInnen und Alumni unter den Gästen –  bittet sie ihre ZuhörerInnen, die Augen zu schließen und gen Norden zu zeigen. Viele machen gar nicht erst mit, weil sie sich sicher sind, die Richtung nicht zu wissen. Diejenigen, die sich trauen, zögern erst und dann zeigen viele verschiedene Arme in ganz viele verschiedene Richtungen. Dabei besuchen einige der ZuhörerInnen denselben Hörsaal schon seit mehr als 40 Jahren. Nach einer Himmelsrichtung können sie sich trotzdem nicht orientieren.

 

 

Als Boroditsky jedoch ein 5-jähriges Aborigine-Mädchen aus Cape York in Nord-Australien darum bat, in Richtung Norden zu zeigen, zögerte diese keine Sekunde und streckte ihren Arm exakt Richtung Norden aus. Lera Boroditsky selber musste ihren Kompass nutzen, um das Ergebnis zu überprüfen.

Ist das vielleicht Norden?

Für die »orientierungslosen Gebildeten« ist das eine witzige Anekdote und zugleich natürlich kein Drama. Denn sie leben in einer Welt, in der Orientierungspunkte wie links, rechts, oben, unten oder die Benennung konkreter Gebäude oder Gegenstände viel wichtiger sind als Himmelsrichtungen. Trotzdem ist die Diskrepanz zwischen dem 5-jährigen Mädchen und den wohl gebildeten Erwachsenen ein schönes Beispiel, um genau das zu beschreiben, was Lera Boroditsky seit Jahren beschäftigt: Wodurch werden gravierende kulturelle Unterschied in der Wahrnehmungsfähigkeit ausgelöst? Eine Antwort, die sich aus ihrer umfangreichen Forschung ergeben hat, lautet: Sprache.

 

Wie kommt sie darauf? Es gibt mehr als 7000 Sprachen auf der Welt, und alle unterscheiden sich auf vielfältige Weise. Doch heißt das auch, dass die Menschen, die diese verschiedenen Sprachen sprechen, auf ganz verschiedene Art denken? Hängt es von unserer Sprache ab, wie wir Zeit, Raum, Zusammenhänge und Verhältnisse verstehen? Eine Hypothese dazu gibt es bereits seit den 1950er Jahren. Sie nennt sich Sapir-Whorf-Hypothese und geht von zwei Prinzipien aus, die damals noch brandneu waren.

Sprachliche Relativität

Das Prinzip der sprachlichen Relativität sagt aus, dass Wörter, die von einer in eine andere Sprache übersetzt werden, nie exakt das gleiche Spektrum von Wirklichkeit abbilden. Vielmehr handelt es sich um Bedeutungsfelder, die sich überschneiden, aber nie deckungsgleich sind. Ein oft verwendetes Beispiel, um das zu illustrieren, ist die Benennung von Farben. Im Deutschen unterscheiden wir zwischen den Farben »Blau« und »Grün«. Im Walisischen sind diese Farben zum Begriff »Glas« zusammengefasst. Im Russischen wird wiederum zwischen dem hellblauen »Globuoj« und dem »dunkelblauen Sinji« unterschieden. »Glas«, »Globuoj« und »Sinji« enthalten also die Bedeutung von »Blau«, aber eben auch noch mehr als das, was damit im Deutschen gemeint ist.

Abhängigkeit der Erkenntnis von Sprache

Darauf basierend geht die Annahme der Sprachabhängigkeit von Erkenntnis davon aus, dass unsere Muttersprache unsere Erfahrungen sowie unser Denken und Handeln determiniert. Dadurch würde jede einzelne Sprache eine ganz bestimmte Weltsicht vermitteln. Kurz gesagt: Die Sprache, die wir als erstes lernen, prägt unser Weltbild erheblich mit.

 

Orientierung in Raum und Zeit

Nachdem diesen Ideen einige Jahrzehnte lang mit Skepsis begegnet wurde, werden sie inzwischen von neueren datenbasierten Studien unterstützt. Denn genau das Lieblingsbeispiel von Lera Boroditsky ist inzwischen von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik in den Niederlanden und der University of California nachgewiesen worden. Das Fazit dazu lautet: Menschen, die mit einer Sprache aufwachsen, die auch bei alltäglichen räumlichen Zuordnungen mit Himmelsrichtungen arbeitet – wie beispielsweise »die Gabel liegt westlich vom Messer« oder »die Frau, die nördlich von deinem Freund steht, ist meine Schwester« – können sich sehr viel besser in unbekanntem Terrain orientieren als Menschen, die mit einer Sprache aufwachsen, die Bezeichnungen wie rechts und links oder Gegenstände und Gebäude als Orientierungspunkte nutzt. Das 5-jährige Aborigine-Mädchen aus Cape York wüsste also auch in einem Hörsaal der Humboldt-Universität zu Berlin genau, in welcher Richtung sich Norden, Osten, Süden und Westen befinden, auch wenn sie zum ersten Mal dort wäre.

Als Kommunikationsmethode ist Sprache nicht perfekt, und gleichzeitig ist es die beste, die wir haben.

Lera Boroditsky, forbes.at

Auch die Wahrnehmung von Zeit konnte anhand von Studien mit Sprache (und Schrift) in Verbindung gebracht werden. Lera Boroditsky ließ Menschen mit verschiedenen Muttersprachen kleine Comic-Bildchen in die für sie als richtig empfundene Reihenfolge bringen. Immer ging es in der Handlung um einen zeitlichen Ablauf. In einem Comic wurde ein alternder Mann gezeigt, ein anderer zeigte in mehreren Bildern, wie eine Person eine Banane verspeist.

 

 

Das Ergebnis: Menschen mit Hebräisch als Muttersprache – eine Sprache, die von rechts nach links geschrieben wird – arrangierten die Comic-Bilder von rechts nach links. Menschen, die mit Englisch aufgewachsen waren, arrangierten die Bilder von links nach rechts. Und Menschen, die sich in ihrer Muttersprache nach Himmelsrichtungen orientierten – wie das 5-jährige Aborigine-Mädchen – legten die Bilder immer von Ost nach West – also immer wieder anders, abhängig davon, wo sie gerade saßen: Saßen sie mit Blickrichtung gen Süden, sortierten sie die Comic-Bilder von links nach rechts. Blickten sie gen Osten, sortierten sie die Karten von oben nach unten. Der Orientierungspunkt war also immer der Verlauf der Sonne und damit das Vergehen der Zeit innerhalb eines Tages.

Das sind nur einige der faszinierenden Ergebnisse, die psycholinguistische Studien in den letzten Jahren zutage befördert haben. Trotzdem bleibt die Frage, ob zuerst ein bestimmtes Verhalten und dadurch ein bestimmtes Denken angeregt wird und das die Sprache formt. Oder ob die Sprache tatsächlich die Art des Denkens bestimmt. Die aktuelle neurolingiustische Forschung sagt, dass es sich um eine Wechselwirkung in beide Richtungen handelt. Was aber ganz klar belegt werden kann ist, dass Sprache und Wahrnehmung sich weitaus umfangreicher gegenseitig beeinflussen, als bisher angenommen wurde.

 

Menschen kommunizieren in einer Vielzahl von Sprachen, die sich sehr deutlich in der Art und Weise unterscheiden, wie sie Information vermitteln. WissenschaftlerInnen haben sich schon seit Langem damit beschäftigt, ob verschiedene Sprachen verschiedene Formen der Wahrnehmung erzeugen.

In den letzten Jahren haben immer mehr belastbare, datenbasierte Studien Beweise dafür geliefert, dass es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Sprache gibt. Diese Studien deuten an, dass die Muttersprache tatsächlich einen weitreichenden Einfluss darauf hat, wie Menschen über verschiedene Aspekte ihres Lebens nachdenken. Die Wahrnehmung von Raum und Zeit gehören dazu.

Neuste Ergebnisse lassen zudem anklingen, dass Sprache ein weitaus wesentlicherer Bestandteil des Denkens ist, als WissenschaftlerInnen zuvor angenommen hatten. 

Quelle: Scientific American

Die Erforschung von Sprache und Wahrnehmung hilft der Forschung also herauszufinden, wie wir Wissen aufbauen und unsere Realität konstruieren. Die daraus resultierenden Erkenntnisse helfen uns wiederum zu verstehen, was uns im Wesentlichen zu Menschen macht. 

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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