Wie der Streit um das Tragen eines Kopftuches eskaliert

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Qasim Sadiq auf Unsplash
Kopftuch
Es ist ein heikles und noch immer viel diskutiertes Thema: Kopftücher werden in Deutschland vielerorts nur geduldet, aber nicht akzeptiert. Aus Höflichkeit vor der Religion ließ sich eine deutsche SPD-Politikerin dazu hinreißen, bei einem öffentlichen Termin ihren Kopf zu bedecken. Der anschließende Aufschrei war, und ist bis heute groß.

Ich bin nur noch sprachlos.

Als die Integrationsbeauftragte Susi Möbbeck im Februar die Stendaler Moschee in Sachsen-Anhalt betritt, ahnt sie offensichtlich nicht, welches Entsetzen sie wenig später auslösen wird. Ein in der Zeitung veröffentlichtes Foto zeigt die Staatssekretärin mit einem “Kopftuch”. Kurz nach Veröffentlichung meldete sich Bildungsminister Marco Tullner (CDU) via Twitter und erklärte empört: “Staatssekretärin Möbbeck tritt offiziell mit Kopftuch bei Moselms in Stendal auf. Ich bin nur noch sprachlos.”

DER “KOPFTUCHSTREIT” BRICHT IMMER WIEDER AUS

Zurecht, oder hat es Tullner und vielen anderen Politikern völlig umsonst die Sprache verschlagen? Der Streit um das Kopftuch bricht nicht nur hierzulande an verschiedenen Stellen immer wieder aus. Doch im gerade so toleranten und weltoffenen Deutschland gelten für jedes Bundesland mehr oder weniger strenge Regeln. So gilt beispielsweise bis heute in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Bremen, Hessen, Niedersachsen und Saarland ein Kopftuchverbot für Lehrkräfte an Schulen und Hochschulen. Das Tragen eines Kopftuches gilt im europäischen Kulturkreis im Allgemeinen oft als Symbol der Unterordnung und wird als Stärkung fundamentalistisch-muslimischer Kreise gewertet.

Doch im Fall von Möbbeck hat das ihrer Meinung nach rein gar nichts mit ihrem Auftritt in der Moschee zu tun. Hier handele es sich lediglich um Respekt- und Rücksichtnahme und nicht darum, sich zu positionieren. “Das ist kein Kopftuch, sondern mein Halstuch. Wenn ich ein Gotteshaus besuche, nehme ich Rücksicht auf die geltenden Bekleidungsregeln. Ich unterstütze alle Frauen, die sich gegen den Zwang zu Kopftuch oder Burka wehren”, verteidigte sie sich in der “MZ”.

AFD-LANDESCHEF POGGENBURG SPRICHT VON “UNTERWERFUNG”

Höflichkeit und Respekt sind bewahrenswerte Tugenden. Die meisten Touristen, die im Urlaub Moscheen und Kirchen besuchen, halten sich an die dort geltenden Regeln. Doch gilt das auch für Personen, die nicht etwa privat, sondern in offizieller Funktion der Landes – oder Bundesregierung auftreten? Der Fall Möbbeck hat eine Uneinigkeit an die Oberfläche gespült, von der scheinbar alle glaubten, dass sie gar nicht erst zur Sprache kommen würde. Tullner will im Kabinett nun für einen Konsens werben, damit sich Politiker bei künftigen Moschee-Besuchen nicht verschleiern. Auch AfD-Landeschef André Poggenburg meldete sich zu Wort und deklarierte den vorangegangen Auftritt als “Unterwerfung”. Er geht sogar noch weiter und fordert den Rücktritt von Susi Möbbeck. “Eine Integrationsbeauftragte, die glaubt, man könne Integration durch Unterwerfung erreichen, ist völlig fehl am Platz.”

Für Möbbeck, die den Kontakt zu den islamischen Gemeinden intensivieren möchte, steht weiterhin fest, dass nur ein reger Austausch dafür sorgen kann, Vorbehalte aus dem Weg zu räumen. Dabei werde sie auch in Zukunft respektvoll und höflich bleiben.

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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