Was ist eigentlich Victim Blaming?

Words by Jana Ahrens
Photography: Adi Goldstein
Mann mit schwarzen Haaren schaut geradeaus auf die Kamera und zeigt mit dem ausgestreckten Finger in Richtung Kamera.

Der Begriff »Victim Blaming« ist im Kontext der Debatten um #MeToo und #NeinHeisstNein wieder vermehrt in den Medien und auf Social Media aufgetaucht. Dabei gibt es diese Formulierung schon seit den 70er Jahren. Wir haben uns noch einmal genau angeschaut, wo dieser Ausdruck ursprünglich herkommt und was damit konkret gemeint ist.

 

»Victim Blaming« lässt sich mit Opferbeschuldigung oder »Täter-Opfer-Umkehr« übersetzen. Gemeint ist damit, dass Menschen, die Opfer von Straftaten oder Übergriffen werden, in Teilen oder komplett selber dafür verantwortlich gemacht werden. Das berühmteste Argument kommt aus dem Kontext der sexuellen Übergriffe auf Frauen und lautet: Wenn sie sich so anzieht und verhält, dann darf sie sich nicht wundern, wenn sie sexuell belästigt wird. Der kurze Rock, das tiefe Dekolleté oder anzügliches Tanzen gehören dabei zu »so anziehen« und »so verhalten«.

Heißt sexy Bekleidung auch automatisch: »Ich will Sex mit dir«? In der Logik des Victim Blamings lautet die Antwort: Ja.

Victim Blaming in Vergewaltigungsfällen

Es ist also nicht überraschend, dass der Begriff in den 1970er Jahren in den USA entstand, als Anwälte von Angeklagten in Vergewaltigungsprozessen versuchten, mit dieser Argumentation und ähnlichen Aussagen der Vergewaltigung angeklagte Klienten vor Strafen zu schützen. Auch heute noch steht das Victim Blaming der Umsetzung von angemessenen Strafen im Weg.

So wurde im Winter 2018 ein Angeklagter in Irland vom Vorwurf der Vergewaltigung einer 17-Jährigen freigesprochen, weil sein Anwalt vor Gericht den String-Tanga präsentierte, den das Opfer am Tag der Tat trug. Das sie den Angeklagten vor dem sexuellen Übergriff in einer dunklen Seitenstraße mehrfach darauf hinwies, dass sie kein Interesse an Sex habe, spielte dabei keine Rolle. Die Aussage der Anklägerin stand gegen die des Angeklagten. Das Zitat des Anwalts des Angeklagten: »Gibt es Beweise, die ausschließen, dass sie sich zum Angeklagten hingezogen fühlte und offen dafür war, an diesem Abend jemandem zu begegnen, dem sie sich hingeben würde. Sie müssen sich anschauen, wie sie angezogen war. Sie trug einen String-Tanga mit Spitze.« Hinzu kam, dass die 17-Jährige vor dem Übergriff an einem anderen Ort mit dem 27-jährigen Angeklagten geknutscht hatte. Das wurde als Zustimmung zum Geschlechtsverkehr gewertet.

Das perfekte Opfer

Zu Fällen wie diesen lässt sich die österreichische Spezialistin im Opferschutz, Sonja Aziz, mit folgenden Worten zitieren: »Es gibt diese Idee vom ›perfekten Opfer‹: Es trennt sich beim ersten Vorfall, geht immer sofort zur Polizei, hat über jede Verletzung einen Krankenhausbefund und kann sich immer an jedes Detail erinnern. Ist es nicht so, wird das der Frau massiv zum Nachteil ausgelegt.«

Victim Blaming bezieht sich also nicht nur auf das allgemeine Auftreten der Opfer im Alltag, sondern auch auf den konkreten Umgang mit den Straftaten in der akuten Situation.

Die Opfer als vermeintliche Profiteure

Ein weiterer Aspekt des Victim Blaming wird dann besonders wirksam, wenn ein Vorwurf oder eine Anklage an Menschen gerichtet wird, die in der Öffentlichkeit stehen. Wenn Opfer ihre berühmten Peiniger zur Verantwortung ziehen möchten, wird ihnen oft vorgeworfen, dass sie Geschichten erfinden würden, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken oder finanziell von dem Vorwurf zu profitieren.

Opfer sind Zeugen und Zeuginnen unter Wahrheitspflicht.

Alle Formen des Victim Blamings haben zur Folge, dass die Personen, die den Vorfall zur Anklage bringen wollen, gründlicher befragt und ins Kreuzverhör genommen werden, als die Angeklagten selber. Sie müssen sich für ihre Vorwürfe rechtfertigen. Juristisch gesehen sind die Opfer dabei Zeuginnen oder Zeugen in ihrem eigenen Fall und stehen somit unter Wahrheitspflicht. Angeklagte können jedoch zu ihrer Verteidigung erst einmal jegliche Behauptung in den Raum stellen. So entsteht Victim Blaming besonders häufig in Straffällen oder bei Anklagen, in denen Aussage gegen Aussage steht und die Situation nur schwer durch Zeugen oder »objektive« Fakten zu belegen ist. Dazu gehören Vorwürfe der Vergewaltigung, des sexuellen Übergriffs, des Stalkings, der häuslichen Gewalt und des Mobbing.

 

 

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

1 Kommentar

Lucva
#1 — vor 2 Monaten
Ja alles schön und gut, aber wenn eine Dame eines Tages auf die Idee kommt, damit an die Öffentlichkeit gehen zu müssen, dass sie vor 25 oder mehr Jahren einst Opfer sexueller Gewalt geworden ist, wie in letzter Zeit des Öfteren passiert, kann ich das nicht mehr ernst nehmen.

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