Die neue Macht der Stakeholder

Words by Monda Magazin
Photography: Ezra Jeffrey Comeau
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Großer Veranstaltungssaal mit vielen Menschen, die klatschen und kleinen Lichtern im Hintergrund.
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Wenn sich Unternehmen nicht mehr nur vom finanziellen Interesse der direkten Besitzer leiten lassen, sondern alle Interessensgruppen mit in den Blick nehmen, dann nennt sich das Konzept dahinter Stakeholder Value. Welchen Einfluss dieses Konzept auch auf euch hat, haben wir kurz zusammengefasst.

 

Das »Problem« mit den Stakeholdern ist, dass ihre Interessen denen der Shareholder – also der AktienbesitzerInnen oder AnteilseignerInnen – oftmals gründlich widersprechen. Hier ein paar Beispiele für diese Widersprüche: 

Umweltschutz

Wirtschaften nach Umweltschutz-Standards ist beispielsweise teuer, was die Eigentümer von Unternehmen Gewinn kostet. Ein besonders plakatives Beispiel in diesem Kontext ist das Fracking. Für Fracking werden Sand, Wasser und Chemikalien in die Erde gepumpt, um Öl zu fördern, das über große Flächen, aber in kleinen Ansammlungen im Boden abgelagert ist. Diese Fördermethode stand von Anfang an in der Kritik, massiv umweltschädlich zu sein. Doch der Ölpreis war lange Zeit so hoch, dass die Methode gewinnbringend zur Erdölförderung eingesetzt werden konnte. Da niemand die Auswirkungen von Fracking mit genauen Kosten beziffern kann, gibt es wenig Nutzungseinschränkungen. Aus reinen Shareholder-Value‐Überlegungen heraus darf, ja muss diese umstrittene Technologie deshalb eingesetzt werden. Werden Umstände wie die Zerstörung der Umwelt, die Zerstörung von Lebensraum und die etwaigen gesundheitlichen Folgen für Menschen als potentielle Risiken mit einbezogen, ist die Rechnung schon nicht mehr ganz so einfach.

Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was Fracking mit der Natur macht.

 

Der Schutz der Umwelt ist spätestens seit Greta Thunberg in aller Munde, und Politiker fast aller Parteien übertreffen einander mit Vorschlägen, wie der Klimawandel aufzuhalten wäre. Diese können und werden mit Sicherheit auch zu Einschränkungen führen, die aus Sicht des Shareholder- Value‐orientierten Managements zu einem Worst-Case‐Szenario, nämlich beispielsweise dem Verbot von Fracking, führen können.

Mitarbeitende

Gutbezahlte Mitarbeitende sind ebenfalls ein schönes Beispiel für die Gegenüberstellung von Shareholder Value und Stakeholder Value. Sie schmälern natürlich den Gewinn. Dementsprechend wird ein Shareholder-Value‐orientiertes Unternehmen versuchen, sowohl mit möglichst wenig Personal auszukommen als auch das angestellte Personal so gering wie möglich zu bezahlen.

Gute Mitarbeiter anzuwerben und zu halten ist in den letzten Jahren aber zu einer massiven Herausforderung angewachsen. Viele kennen die Situation: Die neue Kollegin wird direkt wieder von einem anderen Unternehmen abgeworben und es spricht sich herum, dass sie dort mutmaßlich deutlich mehr Gehalt verdient als man selbst. Schon herrscht Unruhe, Stress und Unzufriedenheit. Um die Schlussfolgerung zu ziehen, dass Mitarbeitende, die sich wohl und auch gehaltlich wertgeschätzt fühlen, loyaler sind, braucht man also keinen Abschluss in Organisationpsychologie.

Zulieferer

Und auch bei der Zusammenarbeit mit Zulieferern, oftmals dem größten Kostenpunkt, wird eingespart, soviel es irgendwie geht. Eine besonders dramatische Geschichte in diesem Kontext war das Beispiel Foxconn. In diesem Unternehmen hatten wohl die Arbeitsbedingungen dazu geführt, dass sich Mitarbeitende das Leben nahmen. Die chinesische Firma ist einer der wichtigsten Zulieferer für das Tech-Unternehmen Apple.

 

Doch das Wohlergehen der Zulieferer ist in einer Welt von immer knapper bemessener Just‐in‐time‐Produktion für große Unternehmen geradezu überlebensnotwendig geworden. Führt man sich vor Augen, dass deutsche Autos zu 70 % von externen Zulieferern gebaut werden, wird schnell klar, was mit »überlebensnotwendig« gemeint ist. Wenn hier die Leistung nicht mehr stimmt, die Zulieferer pleite gehen oder aus Unzufriedenheit die Zusammenarbeit aufkündigen, dann fehlen wichtige Glieder in der Produktionskette, die nicht kurzfristig ersetzt werden können. Das würde zu massiven Gewinneinbußen führen.

 

 

Nachhaltiges Wirtschaften zahlt sich aus

Nachhaltiges Wirtschaften nimmt nicht nur die Umwelt, sondern auch andere Stakeholder in den Blick.

Das alles sind harte und direkte Auswirkungen auf den Gewinn eines Unternehmens. Nicht weniger wichtig sind Image-Schäden, da sie unmittelbar auf den Umsatz, also das eingenommene Geld des Unternehmens wirken. Apple und Menschen, die in den Selbstmord getrieben werden? In Cupertino – dem Hauptsitz des Tech-Giganten –  wird das sicher nicht gern gesehen. Ökologische und auch ethische Standards sind zwischenzeitlich aus Markensicht wichtige wirtschaftliche Instrumente geworden. Selbst die ressourcen‐ und umweltunfreundlichsten Konzerne betreiben Greenwashing und stellen sich so menschen- und umweltfreundlich wie möglich dar, um ihren Gewinn zu maximieren.

 

Die Welt ist vernetzter geworden. Informationen – gute wie schlechte – breiten sich mit rasender Geschwindigkeit aus und haben sowohl positive als auch negative Wirkungen. Verbrauchende fangen an, das eigene Konsumverhalten zu ändern. Zusätzlich sind Wünsche und Ziele von Generation zu Generation verschieden. Der Zeitgeist und die Mode ändern sich schneller als je zuvor.

Wie heißt es so schön? Wer billig kauft, zahlt zweimal. Abgewandelt lässt sich sagen: Wer nur auf den schnellen Gewinn aus ist – was sich hier mit dem Shareholder Value gleichsetzen lässt –, kann später bitter büßen. Daher orientieren sich ManagerInnen nun vernünftigerweise auch vermehrt an den verschiedenen Stakeholdern. Nicht nur im Hier und Jetzt, sondern auch für die Zukunft. Und das nicht, weil es en vogue ist, sondern schlicht, weil es sich langfristig finanziell auszahlt. In den Konzernzentralen der USA ist also nicht die pure Nächstenliebe eingekehrt, sondern das Shareholder-Value‐Prinzip wird in abgewandelter und wahrscheinlich auch für viele Interessengruppen in erträglicherer Form als Stakeholder Value weitergeführt.

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Shareholder Value: Was ist das?

Warum dich der Begriff Shareholder Value interessieren sollte? Ende August überraschten 181 Firmenlenkende die US‐amerikanische Öffentlichkeit, als sie mit viel Pathos ihre Abkehr vom Shareholder Value erklärten. Für die Finanzwelt schien das auf den ersten Blick einem Erdbeben gleichzukommen. Warum? Der Shareholder Value ist eines der wesentlichen Konzepte des Kapitalismus. Aber was steckt genau hinter diesem Konzept, und warum war diese Ankündigung so bedeutend?

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