Was ist eigentlich Mansplaining?

20.10.2018
Words by Jana Ahrens

Bei wenigen modernen Wortschöpfungen, die politisch hart umkämpft sind, ist der wortgeschichtliche Ursprung so einfach zu belegen wie bei dem Begriff Mansplaining.

Die Debatte um das Wort

Okay, in der Konstruktion stecken inhaltlich also tatsächlich erstmal nur „Mann“ und „erklären“. Vermutlich ist so auch die Kritik am Begriff entstanden: Das Wort sei ein Vorschlaghammer, mit dem Frauen generell alle Männer, die etwas erklären, lächerlich machen wollten. Doch Worte tragen immer mehr Informationen mit sich, als ihre einzelnen Wortbestandteile unmittelbar vermuten lassen. Und deshalb hier in Kürze der kulturelle Hintergrund zum Begriff Mansplaining. Mit der Bitte, das Wort tatsächlich nur dann zu benutzen, wenn es auch inhaltlich Sinn ergibt. Dann aber unbedingt und viel.

Das Phänomen hinter dem Begriff

Bevor das Wort selber entstand, machte eine exemplarische Situation die Runde, die ziemlich genau erläutert, worum es beim Mansplaining geht – und worum nicht. 2008 veröffentlichte die Los Angeles Times einen Ausschnitt aus dem Essay Men Explain Things to Me der US amerikanischen Schriftstellerin und Journalistin Rebecca Solnit. Darin beschrieb sie eingangs eine Situation, in der sie von einem älteren Herrn – dem Gastgeber einer Party, die sie besuchte – zu ihrer Arbeit als Schriftstellerin befragt wurde: „Worüber schreiben Sie denn so?“ – Da Rebecca Solnit zu diesem Zeitpunkt bereits sieben Bücher zu verschiedensten Themen veröffentlicht hatte, begann sie, ihr letztes Buchprojekt zu beschreiben. Sobald sie das Thema umriss, wurde sie jedoch von ihrem Gastgeber unterbrochen. Er ließ sie wissen, dass im selben Jahr gerade ein besonders wichtiges Buch zu ebendiesem Thema erschienen sei, und begann, ihr eine Zusammenfassung dieses so wichtigen Buches zu geben. Noch während er sich gegenüber Solnit darüber wunderte, dass sie anscheinend von diesem Buch noch nicht gehört habe, versuchte eine Freundin zu intervenieren: „Aber das ist Rebeccas Buch.“ Diesen Satz musste die Freundin mehrfach wiederholen, bis sich der Gastgeber tatsächlich unterbrechen ließ, seinen Fauxpas verstand und kurz schweigend innehielt.

Es geht nicht ganz allgemein um Männer die etwas erklären. Das Wort ist konkreter. Bildquelle: Rawpixel.

Das ist gemeint

Das heißt also: Mansplaining bezieht sich nicht auf alle Männer, die versuchen etwas zu erklären. Es bezieht sich ausschließlich auf Männer, die ihrem meist weiblichen Gegenüber eine Expertise zu bestimmten Themen nicht zutrauen. Es geht darum, dass sie davon ausgehen, mehr zu wissen als ihr weibliches Gegenüber, ohne sich vorher über den Kenntnisstand zu informieren. Mansplaining ist also eine Kritik an einer spezifischen Form der nicht überprüften Annahme. Es ist dabei keine Kritik an Männern, die im positiven Sinn unterstützen und Wissen teilen.

Es ist Rebecca Solnit in ihrem Text sehr wichtig, diese Einschränkung zu betonen:

„Lasst mich an dieser Stelle sagen, dass mein Leben gespickt ist mit wunderbaren Männern, mit einer langen Reihe an Lektoren, die mir – schon seit meiner Jugend – zugehört haben, mich ermutigt und meine Arbeiten veröffentlicht haben. Weiter sind mein unendlich großzügiger jüngerer Bruder und meine brillanten Freunde zu nennen…“

Der Vorwurf, den sie in Men Explain Things to Me formuliert, soll sich also nicht unterschiedslos auf alle Männer beziehen. Es geht um ein ganz bestimmtes Verhalten in ganz bestimmten Situationen. Darauf basiert auch der Begriff Mansplaining.

Ihr Text beschreibt auch die kulturelle Gegebenheit, dass viele Frauen sich von dieser Art des Belehrens sehr viel schneller einschüchtern lassen, als es ein männliches Gegenüber täte.

Erst einmal sich selbst in Frage stellen? Bildquelle: Icons8

So betont Solnit in ihrem Text:

„Ich war so gefangen in meiner Rolle als ‚Unschuld vom Lande‘, dass ich erst einmal vollkommen gewillt war, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass zu meinem Forschungsthema zum selben Zeitpunkt ein Buch herausgekommen war, das ich vollkommen verpasst hatte.“

Mansplaining ist kein Einzelfall

Ein Gegenargument wäre es jetzt zu sagen: Ja, aber wenn die Autorin so viele tolle Freunde, so eine tolle Familie und so viele Unterstützer hat, dann war dieser ältere Gastgeber eben ein Einzelfall und einfach ein Idiot. Idiot ja, aber Einzelfall? Leider nein. Rebecca Solnit hat viele, viele weitere Beispiele für dieses Verhalten, und sie ist nicht die Einzige. Solnit hat in ihrem Essay ein Phänomen greifbar gemacht und auf den Punkt gebracht. Der Begriff Mansplaining ist aber unter anderem deshalb so populär geworden, weil ihr anschließend so viele Frauen beipflichteten, die eigene Geschichten von ähnlichen Belehrungen beisteuern konnten, dass das Phänomen sogar einen eigenen Namen bekam.

Die Wahlen als Weg zum Standardbegriff

Den letzten Schub, der den Begriff international bekannt machte, bekam das Mansplaining durch den amerikanischen Wahlkampf 2012. Hier wurde der Umgang der republikanischen Kandidaten Mitt Romney und Paul Ryan mit politischen Frauenthemen – beispielsweise dem Zugang zu geplanten Schwangerschaftsabbrüchen oder der strukturellen Benachteiligung von Frauen in Jobs – als pures Mansplaining abgetan. Tatsächlich waren viele Argumente der Kandidaten – bei denen es sich ja durchaus um privilegierte, weiße Männer handelte – unüberlegt bis anmaßend. Doch hatten alle ihre Aussagen, die im Anschluss zu wahren Internet-Memes wurden, eine Sache gemeinsam: Die Kandidaten waren aktiv um ihre Meinung gebeten worden. Mal von Frauen und mal von Männern. Sobald eine Person – egal welchen Geschlechts – jedoch zu einem Thema um die eigene Meinung gefragt wird, handelt es sich streng genommen nicht um Mansplaining. Nützlich ist der Begriff natürlich trotzdem. Solange er sinngemäß angewendet wird.

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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