Was ist Ego-Depletion und habe ich das auch?

05.09.2018
Words by Jana Ahrens
Was ist Ego-Depletion und habe ich das auch?

Kennt ihr diese innere Logik: Wenn ich mir jetzt etwas Süßes gönne, dann kann ich mich gleich wieder besser konzentrieren? Zu diesem Effekt gibt es in der Sozialpsychologie eine These. Sie nennt sich Ego-Depletion-Modell, oder Modell der mentalen Selbsterschöpfung. Zur Frage, ob wir alle davon betroffen sind, lautet die Antwort: Jein.

Selbstdisziplin macht also glücklich und erfolgreich. Aha.

Manche nennen es Glück, andere nennen es Erfolg, die wissenschaftliche Psychologie nennt es Lebenszufriedenheit. Unter diesem Wort fasst sie alles zusammen, was uns hilft, ein Gefühl von Sicherheit, Befriedigung und Selbstbestimmtheit zu empfinden. Alle, die auch nur einen kleinen Zeh in das weite Meer der Selbstoptimierungsliteratur getaucht haben, werden zum Thema Lebenszufriedenheit folgenden Tipp entdeckt haben: Erfolgreiche und glückliche Menschen verfügen über Selbstdisziplin. Sie sind also in der Lage, nach einem anstrengenden Tag nicht auf dem Sofa zu kollabieren und stundenlang Serien zu schauen. Oder sie tun dies nur sehr selten. Sie vergessen nie, wie gut ihnen Sport tut, auch wenn der Schweinehund mal recht laut bellt. Kurz gesagt: Sie sind nur geringfügig anfällig für all die Versuchungen, die schnelle Linderung bieten, aber langfristig nicht gesund, erfolgreich oder glücklich machen.

Was ist Ego-Depletion und habe ich das auch?
Bildquelle: Unsplash

Ist Willenskraft ein Muskel, der trainiert werden kann?

Doch warum fällt es uns allen manchmal leichter, diese anscheinend so wichtige Selbstdisziplin aufzubringen, und manchmal schwerer? Vor einigen Jahren hat der Sozialpsychologe Roy Baumeister dazu eine These aufgestellt. Sie besagt, dass unsere Ressource zur Selbstbeherrschung ähnlich wie ein Muskel erschöpft werden kann. Je mehr und je länger wir uns beherrschen müssen, umso schwerer fällt es uns später, unsere Konzentration beizubehalten oder Versuchungen zu widerstehen. Dazu hat das Team von Baumeister diverse Studien durchgeführt, bei denen Versuchungen mit leichten und schweren Aufgaben kombiniert oder hintereinandergeschaltet wurden. Ihr Fazit aus diesen Studien: Es gibt so etwas wie mentalen Muskelkalter. Doch Baumeister und sein Koautor John Tierney treiben ihre These in dem Buch “Die Macht der Disziplin” noch eine ganze Ecke weiter. Sie sind sich sicher: So wie Bauchmuskeln oder Bizeps, so kann auch die Willenskraft trainiert werden. Je früher wir damit beginnen, umso einfacher ist es und umso leichter lässt sich auch ein hohes Niveau von Willenskraft aufrechterhalten. Dabei sind die Tipps, die das Buch* parat hält, um den “Willenskraft-Muskel” zu trainieren, gar nicht so neu:

Schieben Sie nichts auf. (S.295)
Akzeptieren Sie Ihre Grenzen. (S.300)
Treffen Sie Entscheidungen ausgeruht. (S.302)
Setzen Sie sich Ziele. (S.304)
Erstellen Sie eine To-do-Liste. (S.307)
Vorsicht vor der Planungsfalle! (S.307)
Kümmern Sie sich um Ihre körperlichen Bedürfnisse. (S.310)
Behalten Sie sich im Auge. (S.315)
Belohnen Sie sich oft. (S.316)

*Baumeister, Roy. Die Macht der Disziplin – Wie wir unseren Willen trainieren können. Kindle Edition. Campus Verlag.

Mit dieser Liste an Vorschlägen sind wir bei einer Gemengelage aus Achtsamkeit und Ehrgeiz angekommen, die bisher oft als gegensätzlich dargestellt wurde. Wie werden wir denn jetzt glücklich und erfolgreich? Indem wir auf uns achtgeben, oder indem wir unsere Komfortzone verlassen? Bei Baumeister und Tierney kommt anscheinend beides zusammen. Haben Baumeister und sein Team also den heiligen Gral der Motivationstheorie gefunden und wissenschaftlich nachgewiesen? Leider nein.

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Wie zuverlässig sind sozialpsychologische Studien?

Seit kurzer Zeit hat sich die Sozialpsychologie daran gemacht, viele Thesen – die sowohl in der Wissenschaft als auch auf dem Ratgeber-Markt bereits Wahrheits-Status erlangt hatten –, durch sogenannte Replikationsstudien zu hinterfragen. Dabei werden Studien in einem sehr viel größeren Maßstab wiederholt, als der, in dem sie ursprünglich durchgefüht wurden. Malte Elson, Juniorprofessor für Mensch-Technik-Interaktion an der Ruhr Universität Bochum, hat an einer solchen Studie zur Überprüfung des Ego-Depletion-Effekts mitgewirkt. Für diese Studie wurde an 25 wissenschaftlichen Standorten die Ego-Erschöpfung nach einem Prinzip überprüft, das von Roy Baumeister selber freigeben worden war. Was so viel heißt wie: Die Studie war so aufgebaut, wie etliche vorangegangene Studien zur Ego-Depletion, sie war in diesem Fall aber sehr viel größer. Malte Elson fasst die Ergebnisse dieser Replikationsstudie wie folgt zusammen:

“…eine ganz klare Vorhersage, die Ego-Depletion machen würde: Wenn ich zuerst eine schwere Aufgabe mache, dann kann ich mich bei der leichteren Aufgabe danach nicht mehr so gut regulieren, weil ich mich bei der ersten Aufgabe schon so stark konzentriert habe, dass der Ego-Depletion-Effekt hätte einsetzen müssen… Und das war nicht der Fall.”

Das heißt entweder, dass es den Ego-Depletion-Effekt nicht gibt, oder dass die Methoden, mit denen er nachgewiesen werden sollte, die falschen waren.

“Die Nachricht ist in jedem Fall schlecht… Es sind sehr viele Ressourcen über die zwei Jahrzehnte, in denen bereits dazu geforscht wird, darein geflossen… Die Signalwirkung, dass hunderte Studien ein Phantom verfolgt haben, die ist schon hart.”

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Das es mentale Erschöpfung gibt, steht außer Frage. Doch sie muss weiter erforscht werden.

Doch sind jetzt alle Empfehlungen aus dem Buch “Die Macht der Disziplin” schlichtweg falsch? Nicht unbedingt. Denn dass es mentale Erschöpfung gibt, darüber sind sich Wissenschaftler genauso einig wie Laien. Es wird also auch weiterhin intensiv nachgeforscht, wie mit dieser Erschöpfung umgegangen werden und wie Motivation aufrechterhalten werden kann. Doch zumindest die These der Ego-Depletion, die Baumeister aufgrund seiner Studien herausgearbeitet hat, muss wohl hinterfragt werden. Dabei konzentriert sich die Kritik an Baumeisters These vor allem auf die Idee, dass Willenskraft und Selbstdisziplin ähnlich funktionieren wie Muskeln. Malte Elson sagt:

“Ich habe kein Problem damit, dass Metaphern verwendet werden, um komplexe Sachverhalte besser darzustellen. Jeder kann sich etwas darunter vorstellen, wenn ich sage: Das ist wie ein Muskel. Aber es wird nicht erklärt, wie es dann weitergeht. Wenn das wie ein Muskel ist, wo steckt das dann? Es müsste ja ein physiologisches Korrelat dazu geben …”

Doch für Malte Elson heißt das nicht, dass es falsch ist, weiterhin an der Lösung zu arbeiten:

“…es geht bei dem Begriff „Erschöpfung“ im Alltagsverständnis um die Erschöpfung des Körpers. Deswegen fänd‘ ich es gut, wenn man für die kognitive Erschöpfung, um die es hier letztlich geht, ein eigenes Erklärungsmodell hätte und nicht auf das physiologische Erschöpfungsmodell zurückgreift. Es gibt verschiedene Vorschläge… möglicherweise sind diese sehr artifiziellen Laborsituationen gar nicht so gut geeignet, möglicherweise erschöpfen wir Leute gar nicht genug… Einige Forschungsgruppen auf der Welt drehen die Schraube an… [Sie] glauben jetzt nicht mehr, dass sie diesen Effekt mit so ganz subtilen, leichten Designs nachweisen können. Aber vielleicht kann man ihn ja finden, wenn man mit dem Holzhammer vorgeht.”

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Bildquelle: Unsplash

Mentale Erschöpfung gibt es also, die Muskel-Analogie liegt aber erst einmal auf Eis. Es mag weiterhin richtig sein, nervige Aufgaben nicht aufzuschieben, auf sich selber Acht zu geben, ab und an die Komfortzone zu verlassen und sich Ziele zu setzen. Auch eine To-do-Liste hat selten geschadet. Aber dass das Arbeiten mit diesen Techniken und Methoden unseren Willen auf eine Art trainiert, die uns Glück oder Erfolg garantiert, das kann auch noch immer keine wissenschaftliche Studie zusichern. Auch dass es mit der Willenskraft auf Dauer einfacher wird, wenn wir sie nur regelmäßig trainieren, hat sich durch die Überprüfung der Thesen erledigt. Einerseits schade. Denn hätten wir nicht alle gern manchmal ein Pauschalrezept für den Weg zum Glück? Andererseits auch irgendwie schön, denn wenn es mal wieder nicht klappt mit der Willenskraft, dann müssen wir nicht von uns enttäuscht sein, weil wir vom Glücksplan abgewichen sind. Sondern können uns vielleicht einfach darauf berufen, dass wir menschlich sind, dass es vollkommen normal ist, nicht immer nach Plan zu leben. Das heißt dann eben auch manchmal: Netflix und Chillen, Chips raus, Tüte leer.  

Das Beitragsbild ist übrigens von Jeshots.com auf Unsplash

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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