Warum wir viel mehr als einen Weltfrauentag brauchen!

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Alexis Brown auf Unsplash
Gleichberechtigung
Anlässlich des internationalen Weltfrauentages am 8. März soll Frauen auch in diesem Jahr die Wertschätzung entgegengebracht werden, die sie verdient haben. Blumen werden verteilt, Aktionen zur Gleichstellung von Frauen und Männern gestartet und vor allem wird dieser Tag zelebriert. Doch blickt man der Realität ins Auge, fällt auf: Für einen Großteil der Frauen gibt es rein gar nichts zu feiern . . .

Im Grunde gibt es bei diesem Thema nichts zu diskutieren: Es steht fest, dass der wichtigste Grundbaustein unserer Gesellschaft, neben gleichen Bildungs- und Aufstiegschancen, ein allgemein anerkanntes Rollenverständnis, geprägt von Respekt und Toleranz, ist, auf das sich Frauen und Männer gleichermaßen berufen und verlassen können. Niemand, weder die Politik, der Staat oder die Religion, kann in unserer heutigen Gesellschaft auch nur im Ansatz erwarten, toleriert zu werden, wenn Gleichberechtigung systematisch missachtet wird. Doch wie so oft zeichnet sich in der Realität ein völlig anderes Bild ab. Die in vielen Köpfen vorhandene “Es ist doch alles in Ordnung”-Mentalität, schwebt gedankenverloren auf einer rosa Wolke umher. Wie sollten wir uns sonst die zahlreichen Unterschiede erklären, die auch im Jahr 2018 noch zwischen Frauen und Männern herrschen.

DIE GENDER PAY GAP MUSS ENDLICH GESCHLOSSEN WERDEN

Mit einem unerschöpflich langem Atem, diskutieren wir bis heute über große Differenzen von Bezahlung bei gleicher Arbeit, fehlenden Frauen in Führungspositionen, körperliche und sexuelle Gewalt und einer fehlenden Gleichstellung der Geschlechter im Allgemeinen. In einer 2016 veröffentlichten Studie von Soziologe Carsten Wippermann im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung wird deutlich, welchen enormen Diskussionsbedarf es bezüglich des sogenannten Gender Pay Gap gibt. Insbesondere ist dabei zu erwähnen, dass Ungerechtigkeit nicht nur ein Problem einzelner Gesellschaftsgruppen ist. Wippermann identifizierte insgesamt neun Milieus, bei denen er durch seine Befragungen stets auf ähnliche Forderungen und Kritikpunkte stieß. Die Benachteiligung ziehe sich von der Oberschicht bis in die Unterschicht.

Gehalt

EINE ANPASSUNG DER NATIONALHYMNE?

Da erscheint es vergleichsweise fast zynisch, dass die angestoßene Diskussion um eine Anpassung der Nationalhymne scheinbar immer mehr Gehör findet. Begriffe wie “Vaterland” und “brüderlich” sollen durch “Heimatland und “couragiert” ersetzt werden, heißt es von zentraler Stelle aus Berlin. Die Befürchtung, diese Worte könnten die Diskrimierung der Frau stetig vorantreiben, scheint tief verwurzelt zu sein. Andere halten solche Debatten für Nebenschauplätze, die vom Wesentlichen ablenken.

FRAUENRECHTE WERDEN VIELERORTS MIT FÜSSEN GETRETE

Um zu verstehen, wo wir heute wirklich stehen, sollten wir auch über den Tellerrand und die Grenzen hinausblicken. Denn dort, wo die Frauenrechte einen erheblich längeren Weg vor sich haben als bei uns, handelt es sich bei dem Internationalen Frauentag um einen gesetzlichen Feiertag. In Angola, Armenien, Aserbaidschan, Burkina Faso, Eritrea, Georgien, Guinea-Bissau, Kasachstan, Kambodscha, Kirgisistan, Laos, Madagaskar, Moldau, in der Mongolei, in Nepal, Russland, Sambia, Serbien, Tadschikistan, Turkmenistan, Uganda, in der Ukraine, in Usbekistan, Vietnam und Weißrussland sprechen wir flächendeckend von Unterdrückung, Machtmissbrauch und sexueller Fremdbestimmung.

IN EL SALVADOR IST DER FÖTUS MEHR WERT, ALS SEINE EIGENE MUTTER

Schaut man sich den Fall von Theodora del Carmen Vásquez an, die nach einer Todgeburt zu 30 Jahren Haft verurteilt wurde, bleibt am Ende nur noch blankes Entsetzen übrig. Das Gericht stützte sich auf die Theorie, Vásquez habe ihr Kind erstickt. Die im neunten Monat schwangere Frau soll 2007 starke Schmerzen bei der Arbeit bekommen und mehrfach den Notdienst gerufen haben, der nicht kam. Auf der Toilette verlor sie plötzlich und unerwartet ihr Kind und wurde bewusstlos. Im Anschluss erfolgte die Verhaftung. Nachweislich konnte sie nichts dafür – bei der Todgeburt handelte es sich um eine Schwangerschaftskomplikation. Nach mehr als 10 Jahren Haft wurde Vásquez Anfang 2018 freigelassen. Vorbestraft bleibt sie jedoch weiterhin. Die Verhaftung und Verurteilung von Frauen, die in einem späten Stadium ihr Kind verlieren oder aus Kostengründen keine Möglichkeit einer umfassenden Schwangerschaftsvorsorge haben und deshalb einen frühzeitigen Schwangerschaftsabbruch erleben, ist keine Seltenheit und geht mit dem strengen Abtreibungsverbot einher, das in El Salvador herrscht. In der Verfassung ist verankert, dass das Leben bereits mit der Zeugung beginnt und unbedingt geschützt werden muss. Selbst, wenn das Leben der Mutter auf dem Spiel steht, gilt es den Fötus mit allen auch nur erdenklichen Mitteln zu schützen. Die Selbstbestimmung der Frau über ihren eigenen Körper sucht man hier vergebens.

Freiheit

57 PROZENT DER FRAUEN KÖNNEN WEDER LESEN NOCH SCHREIBEN

Ein Blick nach Angola zeigt noch deutlicher, dass Alltag, Bildung, Beruf und Politik größtenteils dem Mann unterstellt sind. Obwohl eine Gleichstellung gesetzlich verankert ist, sieht es in der Praxis anders aus. Das Länder-Informations-Portal geht nach aktuellen Schätzungen davon aus, dass noch immer 57 Prozent der Frauen weder schreiben noch lesen können, da ihnen eine schulische Ausbildung versagt bleibt. Aufgrund der hohen Armut, Bürgerkrieg und der allgemein niedrigen Lebenserwartung, kommt es nicht selten dazu, dass Frauen in Familienmodelle geraten, in denen sie sich von einem Mann mit mehreren Frauen abhängig machen oder sich allein durchschlagen müssen. Auf dem Land sind deshalb noch immer 80 Prozent der Minenopfer Frauen und Kinder. Doch es gibt auch einen positiven Aufwärtstrend. In der gegenwärtigen Regierung werden bereits 25 Prozent der Ministerposten von Frauen gestellt.

Auch in Europa müssen Frauen weiterhin für ihr Recht kämpfen. Ein Internationler Frauentag wirkt an manchen Stellen beinah wie ein Schlag ins Gesicht. Die Ukrainerin Nataliya Oprysko, erzählt uns im Gespräch, dass sie zu der Mehrheit gehört, die eine kritische Einstellung vertritt. “Für die Allgemeinheit betrachtet halte ich den Internationalen Frauentag für eine tolle Möglichkeit, um auf die bestehenden Probleme aufmerksam zu machen – wir brauchen ihn, keine Frage. Doch ehrlich gesagt ist er für mich einfach ein Tag, an dem ich nicht zur Arbeit muss, ein Buch lesen und Zeit mit meiner Familie verbringen kann.” Die Mehrfachbelastung ukrainischer und russischer Frauen ist groß. Alle haben ihren Beruf und müssen mitverdienen. Familienfreundliche Regelungen und Teilzeitarbeit sind unbekannt. Zeit für Hobbys, die Familie und Freunde bleibt kaum.

EIN TAG MIT GROSSEM SOWJETISCHEN EINFLUSS

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum die Stimmung in der Ukraine bei diesem Thema eher nüchtern ausfällt. “Viele Menschen feiern diesen Tag, doch mehr im Privaten. Männer besorgen Blumen und Pralinen für ihre Frauen. Auf der anderen Seite hat dieser Tag einen großen Sowjetischen Einfluss, dem wir seit langer Zeit versuchen zu entkommen.” Als wir sie fragen, was sie in Zukunft vom Internationalen Frauentag erwartet, erklärt sie nüchtern: “Ich erwarte tatsächlich gar nichts von diesem Tag.”

Trotz oder gerade wegen der zahlreichen Negativbeispiele wird offensichtlich, dass ein Feiertag keine Probleme lösen kann. Doch natürlich löst auch eine Abschaffung die flächendeckenden Probleme nicht. Eine Fokussierung auf das Wesentliche und nur die stetige Initiative endlich etwas bewegen zu wollen, kann uns voranbringen. Bis es allerdings so weit ist und wir über wahren Respekt sprechen können, wird realistischerweise noch eine ganze Zeit vergehen. Denn erst, wenn wir alle von der Gleichberechtigung profitieren können, Männer wie Frauen und alle Geschlechterrollen dazwischen, haben wir das Ziel erreicht.

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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