Warum Silicon-Valley-Eltern auf Kreativität schwören

02.10.2018
Words by Jana Ahrens
Warum Silicon-Valley-Eltern auf Kreativität schwören

Eltern, die im Silicon Valley Tech-Berufe ausüben, beschränken die Bildschirmzeit ihrer Kinder rigoros. Außerdem legen sie Wert auf die kreative Bildung ihres Nachwuchses. Ob Manager bei Apple, Programmierer bei Google oder leitende Angestellte von Facebook: Warum bauen diese Tech-Insider nicht auf Informatik, wenn es um die Ausbildung ihrer Kinder geht? Was wissen sie, was wir nicht wissen?

Kreativität ist gut für Kinder
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Wer trainiert die künstlichen Intelligenzen der Zukunft?

Die Automatisierung vieler Berufe schreitet voran. Mithilfe von künstlicher Intelligenz sollen immer mehr Jobs maschinell erledigt werden. Dazu gehören auch kreative Jobs wie Design, Journalismus oder Schauspielerei. Aber auch komplexe medizinische Tätigkeiten wie das Durchführen von chirurgischen Eingriffen und das Erstellen von Diagnosen können bald technologisch gesteuert werden. Welche Berufe bleiben dann noch für die kommenden Generationen? Kritisch denkende Tech-Spezialisten glauben: Es sind die Jobs, die über das Verhalten künstlicher Intelligenzen entscheiden. Doch das ist nicht unbedingt die Aufgabe von Programmierern und Ingenieuren. Klar, die braucht es in der Entwicklung, um große Mengen an Daten zu sortieren und Algorithmen in maschinelle Bewegungen oder Bildschirmdarstellungen zu übersetzen. Doch um zu entscheiden, was die Algorithmen leisten sollen und wo die Fähigkeiten künstlicher Intelligenz bewusst eingeschränkt werden müssen, dafür braucht es Menschen, die kreativ denken können. Komplexe soziale Zusammenhänge und gesellschaftliche Rituale werden Maschinen nämlich so bald nicht durchschauen. Der britische KI-Forscher Stuart Jonathan Russell sagt, dass wir nur dann für uns ungefährliche künstliche Intelligenzen entwickeln können, wenn das einzige Ziel der Maschinen die Umsetzung menschlicher Werte ist. Dabei sollten die Maschinen so programmiert sein, dass sie konstant unsicher darüber sind, ob sie die Werte wirklich verstanden haben.

Um dieses Ziel programmieren zu können, braucht es viel mehr als die Kenntnis einer Programmiersprache. Es braucht Menschen, die sich mit Moralphilosophie auskennen, mit Verhaltenspsychologie, sogar mit Themen wie Städtebau, Architektur oder Produktdesign. Je mehr wir automatisierte Prozesse an Maschinen abgeben – die irgendwann schlauer sein werden als wir –, umso größer muss die Vielfalt an Wissen innerhalb der gesamten Spezies Mensch sein. Wir müssen die Komplexität unserer eigenen Entscheidungsprozesse und damit der von uns geschaffenen Maschinen verstehen.

Silicon-Valley-Eltern schwören auf Kreativität
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Suchtfaktor Bildschirm und das Lernen von Empathie

Hinzu kommt die Bedeutung von Empathie. Tech-Spezialisten mit tiefem Einblick in bereits heute verfügbare Technologien sind sich darüber bewusst: Viele Tech-Firmen nutzen das Wissen über psychologische Impulse, um den Suchtfaktor von bestimmten Tools oder Apps zu erhöhen. Sind diese Tech-Spezialisten Eltern, dann sehen sie diese Entwicklung im Bereich Social-Media- und Gadget-Nutzung unter Umständen noch kritischer als andere. Von Steve Jobs über Tim Cook bis hin zu Google-Entwicklern, sie alle limitieren die Bildschirmzeit von Kindern in ihren Familien. Zugleich bieten sie die Alternative eines Papier-Buches oder einer sportlichen Aktivität mit völlig unbegrenztem Zeitrahmen an. Sie treffen diese Entscheidungen nicht nur auf Basis ihrer beruflichen Erfahrungen. Die Bedeutung bildschirmfreier Aktivitäten bei der Entwicklung von Empathie haben auch viele wissenschaftliche Studien belegt. Eine dieser Studien schickte 51 Schüler in ein fünftägiges Outdoor-Bildungsprogramm ohne jegliche digitale Technologie. Stattdessen standen Tätigkeiten wie Bogenschießen, Wandern und Orientierungsmärsche auf dem Programm. Für eine Kontrollgruppe blieben genauso viele Jugendliche für denselben Zeitraum zu Hause, wo sie freien Zugang zu allen modernen Technologien hatten. Das Ergebnis: Nur fünf Tage im technologiefreien Umfeld sorgten dafür, dass die Kinder größeren Anteil an den Erfolgen und Misserfolgen der jeweils anderen nahmen. Empathie ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, um nachhaltig gute Entscheidungen im sozialen Kontext treffen zu können. Beispielsweise auch, wenn es um die Entwicklung von künstlichen Intelligenzen geht, die hilfreich und nicht gefährlich sein sollen.

Silicon-Valley-Eltern schwören auf Kreativität
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Roboterarbeit für Roboter – Menschliche Arbeit für Menschen

“Sehen Sie, seit Tausenden von Jahren nutzen wir Menschen als eine Art Roboter, die mechanisch eine Arbeit verrichten. Diese Zeit kommt jetzt offensichtlich zu einem Ende… Wir werden unser Leben damit verbringen, das Leben und Glück anderer Menschen zu bereichern. Das klingt doch nach einem interessanten und erfüllenden Leben, oder nicht?”
Prof. Stuart Russell – NZZ am Sonntag, 23.06.2018

Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass menschliche Arbeitskraft seit der Industrialisierung in einem Modus eingesetzt wird, der dem Rhythmus von Maschinen folgt. Dass Maschinen diesem Rhythmus sehr viel besser folgen können, liegt deshalb ebenfalls nahe. Die Utopie zur Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz lautet deshalb, dass wir in Zukunft alle nervigen Fließband- und Fleißarbeiten an Roboter abgeben können. Wir erledigen dann nur noch Arbeiten, die uns erfüllen und andere am besten gleich mit. Doch wie realistisch ist das? Den Eltern aus dem Tech-Epizentrum Silicon Valley ist zumindest klar: Mit solchen Jobs können nur die ihr Leben bestreiten, die eine entsprechende Ausbildung genossen haben und ein stabiles Selbstbewusstsein mitbringen. Ein weiterer Grund, warum sie den Schwerpunkt auf Empathie und Kreativität setzen und nicht auf Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft oder Technik.

Das Beitragsbild ist übrigens von Frank Mckenna auf Unsplash

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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