Warum Polinnen in Deutschland abtreiben lassen

07.08.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Warum Polinen in Deutschland abtreiben lassen

Während in Deutschland um den Paragrafen 219a gestritten wird, ist die Lage in Polen weitaus prekärer. Eine Situation, die uns zeigt, wozu ein so rückschrittlicher Umgang mit Selbstbestimmung führen kann.

Die Gründe für einen Schwangerschaftsabbruch sind ganz unterschiedlich. Mal ist die Gesundheit des Kindes oder der Mutter gefährdet, und mal lassen es schlichtweg die Lebensumstände nicht zu, ein Kind in die Welt zu setzen. Oder aber die Schwangerschaft ist als Folge einer Vergewaltigung entstanden, und die betroffene Frau kann es sich emotional nicht vorstellen, ein Kind auszutragen und zu lieben, dass sie zeitlebens an dieses traumatische Ereignis erinnern wird. Doch egal, aus welchem Grund sich eine Frau für eine Abtreibung entscheidet, in Deutschland ist dieser Eingriff – nach einem Beratungsgespräch und solange er in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft stattfindet – problemlos möglich. Allerdings gilt auch hierzulande eine Abtreibung noch immer als rechtswidrig (bleibt aber straffrei) – außer, es besteht eine medizinische Indikation oder die Schwangerschaft ist die Folge einer Vergewaltigung.

Paragraf 219a: Eine Entscheidung ist nicht in Sicht

Anders sieht es in Bezug auf das Werben für einen Schwangerschaftsabbruch aus. Das ist durch den Paragrafen 219a des Strafgesetzbuches offiziell verboten. Dazu gehört auch die Information darüber, beispielsweise auf der Website einer Ärztin oder eines Arztes. Eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe können die Folge sein. Über eine Abschaffung dieses Paragrafen wird im Bundestag seit Längerem hitzig diskutiert. Die Regierung ist sich uneins. Die SPD möchte eine Reform durchsetzen oder den Paragrafen direkt abschaffen. Die Union würde das Gesetz gern so stehenlassen. Eine baldige Entscheidung ist nicht in Sicht.

Warum Polinen in Deutschland abtreiben lassen
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Abtreibungen in Polen verboten: Jährlich kommen 2000 Frauen nach Deutschland

Doch über derartige Debatten können Frauen aus Polen nur müde lächeln. Laut der Föderation für Frauen und Familienplanung sind es etwa 150.000 Polinnen im Jahr, die illegal oder im Ausland eine Abtreibung vornehmen lassen. Nach Deutschland kommen jedes Jahr schätzungsweise 2000 von ihnen. Und sie sind dankbar, denn in Polen herrschen die strengsten Abtreibungsgesetze in der europäischen Union. Der Einfluss der katholischen Kirche ist groß, und seit 1993 wird das Recht auf Schwangerschaftsabbruch immer weiter eingeschränkt. Polens Präsident Andrzej Duda ist sogar dazu bereit, ein Gesetz zu unterschreiben, welches Abtreibungen vollständig verbietet. Daher kommt es regelmäßig zu Massenprotesten. Die Meinung der Bevölkerung zu diesem Thema ist klar: 70 Prozent der Polen sind gegen den Gesetzesvorschlag. Alexandra ist Polin. Seit etwa 30 Jahren lebt die Katholikin in Deutschland, ist allerdings oft zu Besuch in ihrem Heimatland. Bei einem Telefonat erzählt sie uns, dass sie ganz klar auf der Seite der Frauen steht: “Meiner Meinung nach hat jede Frau das Recht selbst zu entscheiden. In Polen hat die Kirche noch immer einen großen Einfluss. Im besten Fall sollen die Menschen tun, was die Kirche ihnen vorschreibt. Das finde ich nicht gut.”

Eine Behinderung ist in Polen kein Abtreibungsgrund

Und bisher gibt es zumindest noch drei Ausnahmen, die mit einer Verschärfung des Gesetzes künftig ebenfalls unter Strafe gestellt werden könnten. Ist die Schwangerschaft die Folge einer Vergewaltigung, besteht nachweislich Lebensgefahr für die Mutter oder sind schwere Schäden des Fötus zu erkennen, kann ein Abbruch genehmigt werden. Ist ersteres der Fall, muss allerdings auch erst ein Staatsanwalt sein Einverständnis geben. Wer sich “einfach nur” aufgrund genetischer Schäden beim Kind oder aus sozialen Gründen – wie schwierigen Lebensverhältnissen oder der allgemeinen Gesundheit der Schwangeren – für eine Abtreibung entscheidet und erwischt wird, begeht offiziell eine Straftat und muss ins Gefängnis oder mit hohen Geldstrafen rechnen, die die meisten Frauen nicht aufbringen können.

Die Gewissensklausel erlaubt Verweigerung

Und selbst gesetzlich genehmigte Abtreibungen werden immer seltener durchgeführt. Ein Arzt, der die Abtreibung vornimmt, muss ebenfalls mit einer Gefängnisstrafe zwischen sechs Monaten und acht Jahren rechnen. Das schreckt ab. Und dann wäre da noch die sognannte “Gewissensklausel”. Diese erlaubt es Ärzten in staatlichen Krankenhäusern, den gesetzlich legitimierten Abbruch zu verweigern. Diese Klausel soll nun auch bald dafür sorgen, dass Apotheker selbst entscheiden können, ob sie die Pille danach oder die Anti-Baby-Pille überhaupt verkaufen möchten – oder eben nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass Sexualkunde in den polnischen Schulen kaum noch stattfindet. “In Polen wird nur sehr selten offen über Sexualität gesprochen. Das schließt auch viele Eltern mit ein, die ihre Kinder überhaupt nicht aufklären und sehr ungern über das Thema reden”, erklärt Alexandra.

Durch fehlende Aufklärung, mangelndes Verständnis, sowie Angst vor den Konsequenzen, die ein Schwangerschaftsabbruch in sich birgt, passiert es immer wieder, dass Frauen ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil sie versucht haben, die Schwangerschaft mit Hausmitteln oder dünnen Drahtbügeln selbst zu beenden. Nicht selten sind die Verletzungen so drastisch, dass die Frauen daran verbluten.

Warum Polinen in Deutschland abtreiben lassen
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Tante Barbara hilft

Um noch mehr dieser Fälle zu vermeiden, hilft Ciocia Basia – zu Deutsch: Tante Barbara. Das informelle Netzwerk aus Berlin unterstützt schwangere Polinnen seit 2015. Per E-Mail oder Telefon bekommen die Frauen zunächst seelischen Beistand – können ihr Herz ausschütten. Fällt die Entscheidung für eine Abtreibung, übernimmt Tante Barbara die Kosten für die Fahrt nach Deutschland und die Unterkunft und kümmert sich auch um alles weitere. Dazu gehört auch ein Beratungsgespräch. “Ich finde das super. Frauen helfen Frauen. Es gibt viele junge Mädchen, die verzweifelt sind, durch die Schwangerschaft die Schule nicht beenden können oder gerade erst fertig sind und plötzlich keine Zukunft mehr haben. Ich habe eine Tochter – Kinder sind etwas so Wunderschönes. Doch wenn sie das Leben ausschließlich verkomplizieren, tut das niemandem einen Gefallen – auch dem Kind nicht. Nicht selten wachsen die Kinder in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihnen droht das gleiche Schicksal”, so Alexandra weiter.

Tante Barbara finanziert sich über Spenden. Auf gofundme.com kann das Netzwerk unterstützt werden, um seinen Fortbestand zu sichern. “Nur mit deiner Spende kann Tante Barbara Ewa helfen!”, heißt es hier. Ewa ist eine dreifache Mutter, die ungewollt wieder schwanger ist. “Sowohl sie als auch ihre Kinder sind chronisch krank. In den Augen ihres Partners ist es allein ihr Problem. Ihr ist klar: Für ein weiteres Kind mit chronischer Erkrankung wird sie nicht sorgen können und ihre drei Kinder sollen es nicht noch schwerer haben”, steht dort geschrieben. Der Name der Frau wurde geändert, die Geschichte ist angeblich real. So wie Ewa geht es vielen.

Wie viele Frauen ihr Leben noch aufs Spiel setzen werden und wie es mit dem Abtreibungsgesetz weitergehen wird, steht aktuell noch in den Sternen. Alexandra ist sich allerdings sicher, dass die Diskussionen um eine Verschärfung des Abtreibungsgesetzes bald ein Ende haben werden. “Ich glaube an die Menschen. Sie werden sich durchsetzen und letztendlich wird die Vernunft siegen.” Und tatsächlich: Zuletzt schienen die Diskussionen, zumindest, was die drastische Gesetzesverschärfung betrifft, vertagt worden zu sein…

Das Beitragsbild ist übrigens von Xavier Sotomayor auf Unsplash

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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