Vergängliche Botschaften: Sam Dougados über seine Sandkunst

Words by Monda Magazin
Photography: AMonnet.Photo
Der Künstler am Strand von Biarritz
Ein unterdrücktes Lachen der Bundeskanzlerin bei einem gemeinsamen Pressetermin mit US-Präsident Donald Trump, ein Überraschungsgast aus Teheran, ein viel beachteter Begrüßungskuss zwischen Melania Trump und dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau und ein sendungsbewusster Gastgeber Emmanuel Macron – das sind die Bilder, die vom diesjährigen G7-Gipfel im französischen Biarritz haften geblieben sind.   
 

Ein weiteres markantes Bild, das buchstäblich um die Welt ging, wurde am Strand des baskischen Gipfelortes geschossen. Dort gab es ein überdimensionales Sandkunstwerk zu bestaunen, das die Köpfe der G7-Staats- und RegierungschefInnen darstellte – versehen mit der Botschaft »Turn the tide for gender equality« – zu Deutsch etwa: Wendet das Blatt für Geschlechtergerechtigkeit. Monda hat mit Sam Dougados, dem Künstler hinter der Aktion, gesprochen. 

Sam Dougados: »Das war meine bisher größte und härteste Herausforderung im Vergleich zu allen Sandwerken, die ich davor angefertigt hatte. Aber das war es wert!«

Wie hat alles angefangen? Was hat Dich inspiriert, Kunst zu machen?

Als Jugendlicher schrieb ich Gedichte. Dann fing ich an zu malen, Skulpturen zu gestalten. Anschließend konzentrierte ich mich auf Landschaftskunst – und das mache ich mittlerweile seit über zehn Jahren. Ich hatte immer das Bedürfnis, meinen Empfindungen und Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Als Selfmade-Künstler habe ich lediglich versucht, meine Ideen zu konkretisieren.  

2008 verlor ich sowohl meinen damaligen Job als auch meine Freundin. Damals nahm ich mir die Zeit, mich selbst zu reflektieren und das zu tun, worauf ich Lust hatte. Ich wollte etwas schaffen, kreieren, mich ausdrücken und – wenn möglich – von meiner Kunst leben. Also versuchte ich mich an vielen Kunstformen, bis ich Strand-Kunst in einem Surf-Video entdeckte und ein Jahr später selbst damit anfing. Seit 11 Jahren beharke ich nun die Strände dieser Welt. Endlich hatte ich etwas Originäres gefunden. Ich war der Erste, der in Frankreich damit anfing. Nach ein, zwei Jahren machte ich dann auch Fotos, die meine Kreationen am Leben hielten. Mittlerweile ist die Fotografie so etwas wie mein zweites künstlerisches Standbein. 

Kurz vor dem diesjährigen G7-Gipfel hast Du eine aufsehenerregende Sandskulptur am Strand von Biarritz in Frankreich kreiert, wo das Treffen stattfand. Was war die Idee dahinter?

Die Idee war ziemlich einfach: Wir wollten eine Botschaft an die mächtigsten Staats- und RegierungschefInnen der Welt senden, damit sie endlich daran arbeiten, Geschlechtergerechtigkeit voranzutreiben. Handelt endlich, statt ständig zu reden. Das tun PolitikerInnen leider allzu oft. Das Kunstwerk habe ich zusammen mit der Entwicklungsorganisation ONE entwickelt. Sie setzt sich dafür ein, dass die Staatenlenker dieser Welt den Fokus auf solche wichtigen Themen richten.

 Wie genau hast Du das Kunstwerk geschaffen? Hattest Du vorher üben müssen?

Ob ich üben musste? Nun ja, etwa elf Jahre, ja! (lacht). Für die große Sandmalerei (45 m x 35 m) habe ich eine Rasterzeichnung angefertigt, die ich dann auf dem Sand reproduziert habe. Es war eine ziemliche Rennerei, das große Kunstwerk während der Ebbe rechtzeitig fertigzustellen. Das Team von ONE hat mir mit den Rastern und der politischen Botschaft geholfen, und ich war mit den sieben Köpfen der Staats- und Regierungsoberhäupter innerhalb von dreieinhalb Stunden fertig. Das war meine bisher größte und härteste Herausforderung im Vergleich zu allen Sandwerken, die ich davor angefertigt hatte. Aber das war es wert!

Wie waren die Reaktionen?

Es gab so viele Reaktionen! 99 Prozent davon waren positiv. Es gab natürlich auch ein paar Verärgerte, weil die Botschaft auf Englisch statt auf Französisch formuliert war oder weil sie einfach nichts mit der Installation anfangen konnten. Viele bedankten sich aber auch für die Botschaft. Einige sagten, dass das Kunstwerk das Schönste sei, was von diesem G7-Gipfel in Erinnerung bleiben würde. An den folgenden drei Tagen kehrten einige zurück, die auf das nächste Kunstwerk warteten. Es gab viel Aufsehen in den sozialen Medien. Das Sandgemälde ging in allen möglichen Medien buchstäblich um die Welt. Ich denke, die Botschaft wurde wahrgenommen. 

Aus Deiner Perspektive: Welche Rolle nimmt Kunst im Aktivismus ein?

Kunst ist ein Weg, sich zu öffnen, persönliche Ideen zu teilen, oder Dinge und Subjekte mithilfe von Farben, Formen, Organisation und Bewegung zu hinterfragen, um Menschen anders zu berühren, als es ein Text oder ein Bild vermag. Emotionen sind wahrscheinlich präsenter und stärker als purer Intellekt. Ich denke, wenn der Intellekt eines Kunstwerkes die Emotion übersteigt, verlieren wir etwas. 

Am Strand ist meine Kunst sehr kurzlebig – wie es die Worte von PolitikerInnen oft sein können. Die Leute schenken einer Sache mehr Aufmerksamkeit, wenn diese nicht lange Bestand hat, wie eine Blume oder ein Schmetterling. Mit meinen Sandzeichnungen und Fotos will ich erreichen, dass wir kurz innehalten und die Magie des Moments reflektieren, unsere Beziehung zur Natur, ihre Schönheit und Zerbrechlichkeit, die Quintessenz unseres Seins.

Ich finde, wir machen uns viele Dinge noch nicht hinreichend klar, wir sind uns zu wenig bewusst über unsere Umwelt, die Schönheit und unser eigenes Wesen. Jemand, der dieser Dinge gewahr ist, kann unmöglich einen Löwen oder einen Elefanten erschießen, nur um seinen Kopf als Trophäe an die Wand zu hängen, dieser jemand kann genauso wenig seine Zigarette am Strand oder an der Straße entsorgen, wissend, dass er damit seine eigene Umwelt verschmutzt, das Wasser vergiftet und damit die Fische, die er später essen möchte, und so weiter.  

 

 Über den Künstler
Sam Dougados ist ein autodidaktischer Künstler aus Frankreich. Sein künstlerischer Schwerpunkt liegt in der Landschaftskunst, genauer der Strand-Kunst. Mit dieser Methode zeichnet er während der Ebbe Formen und Bilder auf die Strände dieser Welt. Es liegt in der Natur seiner Kunstwerke, dass sie vergänglich sind, denn sie werden immer wieder von der See verschluckt. Mehr Informationen über Sam Dougados gibt es auf seiner Website, auf Facebook oder Instagram

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Friederike Röder war mit der Organisation ONE beim G7-Gipfel in Biarritz, um sich für Gleichberechtigung weltweit einzusetzen. Wie es vor Ort lief, hat sie uns in Form ihrer persönlichen fünf größten Erfolge und Misserfolge des Gipfels verraten. 
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Politik

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