Tag der Deutschen Einheit 2018

Words by Annekathrin Walther
Photography: Superikonoskop
Mauer nahe Reichstag
Was ist los mit diesem 3. Oktober? Er scheint ein Feiertag zu sein, den kaum jemand tatsächlich feiert. Der bei den meisten Leuten, wenn man sie fragt, erstmal Achselzucken auslöst. Tag der Deutschen Einheit, ja klar, da haben wir frei – und was feiern wir jetzt genau?

Die Deutschen leben wieder in einem souveränen, freien und geeinten Land.

Der historische Anlass zum Feiern erklärt sich bereits aus dem Namen des Tages und kann bis ins Detail nachvollzogen werden. Am 3. Oktober 1990 wurde der Beitritt der DDR zur BRD wirksam und die deutsche Wiedervereinigung somit vollzogen. Seither leben die Menschen in Deutschland in 16 Bundesländern ohne innerdeutsche Grenze. Es ist weder verklärt noch übertrieben, sich darüber zu freuen. Im Gegenteil: Führt man sich noch einmal vor Augen, was 1989/1990 passierte, ist es ein absoluter Hammer. Friedliche Revolution, Maueröffnung. Die Nachkriegszeit in Deutschland war endlich offiziell beendet. All das scheint noch heute fast unwirklich. Werner Veigel, Sprecher der Tagesschau am 03. Oktober 1990, brachte das Erstaunliche nüchtern auf den Punkt: „Guten Abend, meine Damen und Herren. Die Deutschen leben wieder in einem souveränen, freien und geeinten Land.“

 

Es stand immer außer Frage, dass die beiden Länder wieder eins werden sollten. Trotzdem hatte die Wiedervereinigung bis zum Schluss eher den Anschein eines unmöglichen Traums. Als dieser am 3. Oktober 1990 dann doch wahr wurde, ging ein langer Prozess zu Ende. Zugleich steht dieses Datum für den Beginn eines neuen Prozesses, denn eigentlich ging die Wiedervereinigung der beiden Länder da erst richtig los. Der erste Tag der Deutschen Einheit war einer Hochzeitsfeier nicht unähnlich. Es wurde mit Tamtam etwas bekräftigt und gefeiert, dessen Ausgang zutiefst ungewiss war. Wer kann schon sagen, ob zwei Menschen sich dauerhaft mögen und verstehen werden? Wer konnte schon sagen, ob und vor allem wie 16,11 plus 79,43 Millionen Menschen sich verstehen würden?

Allen Deutschen sollten jetzt vergleichbare Lebensverhältnisse gewährleistet werden, sagte der Bundespräsident.

Ungewissheit, Zweifel und Unsicherheit waren von Beginn an genauso präsent wie Freude und Idealismus. Noch vor der Begrüßung durch Sprecher Werner Veigel zeigte die Tagesschau einen kurzen Ausschnitt aus der Staatsakt-Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: „So erleben wir den heutigen Tag als Beschenkte. Die Geschichte hat es diesmal gut mit uns Deutschen gemeint.“ Auch der DFF (Deutsche Fernsehfunk) eröffnete seine Nachrichtensendung AK am Abend mit einem Ausschnitt aus dieser Rede. Die gewählte Passage betonte jedoch etwas ganz anderes: „Kein Weg führt an der Erkenntnis vorbei: sich zu vereinen heißt teilen lernen.“ Sprecher Wolfgang Lippe zitierte den Bundespräsidenten weiter mit: „Allen Deutschen sollten jetzt vergleichbare Lebensverhältnisse gewährleistet werden“ und erinnerte an dessen Aufforderung zur gegenseitigen Solidarität. Nur beide Nachrichtensendungen zusammen ergeben ein ansatzweise vollständiges Stimmungsbild: Zwischen Jubel und der Frage „Und was jetzt?“ lag kaum ein Atemzug.

 

Weizsäckers Aufruf zur Solidarität ist 28 Jahre später noch genauso aktuell wie seine Forderung nach vergleichbaren Lebensverhältnissen. Der Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit 2018 liefert dazu die Statistik: Noch immer liegt Ostdeutschland beim Lohnniveau und bei der Wirtschaftskraft hinter Westdeutschland zurück. Aber auch jenseits der Zahlen, da, wo persönliche Erzählungen ausgetauscht werden, ergibt sich ein Bild, das von Unwissen und gegenseitigem Unverständnis geprägt ist. Eine Journalistin aus Magdeburg hat beobachtet, dass sie in ihrer Wahlheimat Hamburg immer wieder gefragt wird, warum sie denn nicht sächsle, wo sie doch aus Sachsen-Anhalt komme. Andere Ostdeutsche werden ihr grundsätzlich als Verbündete vorgestellt, mit denen sie doch sicher viel gemeinsam habe. Gleichzeitig beschreibt sie sich selbst als nicht frei von Vorurteilen: Die Vorstellung, dass westdeutsche Frauen nicht – oder nur in Teilzeit – arbeiten, ist genauso wenig verraucht wie die Überzeugung, dass es typisch westdeutsch sei, sich wie der Chef aufzuführen.

In einem taz-Interview vom Mai 2018 stellt Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik, die These auf, Ostdeutsche seien noch immer Migranten im eigenen Land. Genau wie Migranten erlebten Ostdeutsche Heimatverlust, Fremdheitsgefühle und Abwertung. Als einen möglichen Lösungsansatz formuliert sie die Forderung, strategische Allianzen zu bilden „von sozialen Gruppen, die nicht gleichermaßen an den zentralen Gütern der Gesellschaft beteiligt werden.“

VIELLEICHT FEIERT MAN DEN VERSUCH, SICH – MIT ALLEN ERDENKLICHEN ÄNGSTEN UND VORURTEILEN – DOCH ZUEINANDER IN BEZIEHUNG ZU SETZEN.

Was also feiern an einem Tag, der auf eine hochemotionale Geschichte verweist und gleichzeitig im Alltag 2018 fast schulterzuckend nur als freier Tag verbucht wird? Weder eine Master-Erzählung, was Einheit bedeutet, noch ein Masterplan, wie sie zu bewältigen sei, scheinen für die Feier herhalten zu können, denn beides gibt es nicht. Stattdessen gibt es Ungewissheit und Zweifel. Vielleicht feiert man die Einheit jenseits von Gewissheiten und abseits der Großspurigkeit. Vielleicht feiert man das Misstrauen gegenüber allen vereinfachenden und schwarz-weißmalerischen Erklärungsmustern. Vielleicht verabschieden wir uns für den Tag vom zwanghaften Selbstschutz. Denn der ist nicht nur unsexy, sondern auch sterbenslangweilig. Vielleicht feiert man den Versuch, sich – mit allen erdenklichen Ängsten und Vorurteilen – doch zueinander in Beziehung zu setzen. Denn nur so bekommen die Ängste und Vorurteile die Chance, sich zu verflüchtigen, so dass auch die Mauern im Kopf verschwinden können.

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Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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