Stillen in der Öffentlichkeit: Go oder No-Go?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Jordan Whitt auf Unsplash
Stillen
Die nackte weibliche Brust ist immer wieder präsent. In Magazinen, im Kino, im Fernsehen oder am Strand stellt sie nur selten ein Problem dar. Wenn es ums Stillen geht, fühlen sich manche Menschen belästigt. Zu Recht?

Immer wieder erleben Frauen Geschichten wie diese: Café- oder Restaurantbesitzer*innen bitten Mütter zu gehen, sobald sie ihr Kind stillen – oder sie werden bereits an der Tür abgewiesen und gar nicht erst hereingelassen. Auch an anderen öffentlichen Plätzen, wie in Parks, kommt es vor, dass Mütter verständnislose Blicke ernten, sobald sie ihr hungriges Baby anlegen.

STILLENDE MUTTER WEIGERT SICH, SICH ZU BEDECKEN

Vor mehreren Wochen kursierte bei Facebook ein Foto. Darauf zu sehen ist eine Frau, die ihr Kind stillt – ihr Kopf ist von einem Tuch umhüllt. Der Beschreibungstext macht klar, dass sie offenbar zuvor von einem Mann gebeten worden war, sich zu bedecken. Er meinte natürlich nicht ihr Gesicht, sondern ihren Busen. Mit ihrer Reaktion zeigt die Frau deutlich, was sie von der Bitte des Mannes hält. Unter dem Beitrag ist eine Diskussion über das Stillen in der Öffentlichkeit entbrannt. Viele Menschen sind auf der Seite der Frau und kommentieren ihr humorvolles Verhalten mit einem virtuellen Applaus.

A friend’s daughter-in-law was told to “cover up” while feeding her baby, so she did!🤣 I’ve never met her, but I think...

Gepostet von Carol Lockwood am Montag, 30. Juli 2018

UNICEF UND WHO WERBEN FÜRS STILLEN

Doch aus Unsicherheit und um nicht negativ aufzufallen, verzichten laut dem Deutschen Hebammenverband e.V. immer mehr junge Mütter darauf, ihr Kind in der Öffentlichkeit zu stillen. In einigen Fällen führt die fehlende Akzeptanz sogar dazu, dass Mütter viel zu früh abstillen und ihr Baby nur noch mit der Flasche ernähren. Die Weltgesundheitsorganisation und das UN-Kinderhilfswerk UNICEF möchten diesem Trend entgegenwirken. Sie machen immer wieder darauf aufmerksam, wie lebenswichtig Muttermilch ist.

Ein im Juli veröffentlichter Bericht bestätigt nicht nur, dass das Anlegen in der ersten Stunde nach der Geburt enorm wichtig ist, um das Leben des Kindes nicht zu gefährden – sondern auch, dass regelmäßiges Stillen äußerst förderlich sein kann: “Wird ein Säugling in den ersten sechs Monaten seines Lebens ausschließlich gestillt, profitiert er gleich in mehrfacher Hinsicht davon. Die Nährstoffe in der Muttermilch tragen zum Wachstum bei, sie beugen Unterernährung vor, fördern die Gehirnentwicklung und verringern das Risiko, zu einem späteren Zeitpunkt übergewichtig zu werden”, erklärt die WHO. “Stillen ist auch eine Art erster Impfstoff, der vitale Antikörper und einen Immunitätsschub liefert”, heißt es weiter.

 

Stillen
Werden Kinder gestillt, profitieren sie von den Nährstoffen in der Muttermilch

WELTSTILLWOCHE SOLL DIE AKZEPTANZ STEIGERN

Unter dem Motto “Stillen – Basis für das Leben” findet vom 1. bis zum 7. Oktober die Weltstillwoche statt. Von der World Alliance for Breastfeeding Action (kurz: WABA) organisiert, findet diese Aktionswoche seit 1991 in über 120 Ländern statt. Ihr Ziel ist es, die Akzeptanz für das Stillen weltweit zu fördern und diese Methode, sein Kind zu ernähren, als normal und natürlich darzustellen. In einigen Teilen Asiens und Afrikas gehören stillende Mütter vielerorts zum Alltag dazu und werden als völlig unspektakulär betrachtet. Auch in einigen europäischen Ländern steht das Stillen in der Öffentlichkeit unter einem besonderen gesetzlichen Schutz und darf rein theoretisch nicht verboten werden. In Norwegen gehören stillende Mütter ganz selbstverständlich zum Straßenbild. Das Arbeitsschutzgesetzt dort erlaubt es Frauen sogar, Kinder bis zu einem Jahr jeden Tag während der Arbeitszeit eine Stunde lang zu stillen. Das führt dazu, dass bis zum sechsten Monat noch etwa 80 Prozent der Mütter stillen – in Deutschland sind es zu diesem Zeitpunkt nur noch knapp 40 Prozent. In den USA machen es die nicht vorhandene Elternzeit, fehlender Mutterschutz und eine niedrige Akzeptanz oft schwer. Die meisten Frauen stillen bereits nach den ersten vier Monaten ab und geben die Flasche.

STILLEN IN DER ÖFFENTLICHKEIT: WAS DENKEN DIE DEUTSCHEN DARÜBER?

Anfang 2017 rief Papst Franziskus dazu auf, auch während der Gottesdienste nicht auf das Stillen zu verzichten. “Geht voran, stillt, stillt ohne Angst, wie die Jungfrau Maria es getan hat.” Mit diesen Worten spaltete er die Meinungen, was auch durch eine Umfrage bestätigt wird, die vom Umfrage-Portal YouGov in Zusammenarbeit mit Statista veröffentlicht wurde. Wie stehen die Deutschen dazu? Etwa 61 Prozent der Befragten halten es demnach grundsätzlich für angemessen, wenn Mütter ihre Kinder in der Öffentlichkeit stillen. Doch das “Wo” spielt eine entscheidende Rolle: So sind sich 41 Prozent der Befragten einig, dass das Geben der Brust in einem Restaurant unangemessen ist – ähnlich unpassend wie im Bus oder in der Bahn und auch in der Kirche. “Ja” zum Stillen, aber bitte nur an ausgewählten Plätzen. So sind sich etwa 76 Prozent einig, dass es am Strand oder auf einer Parkbank und dem Schwimmbad kaum ein Problem darstellt.

Stillen
Stillen in Restaurants oder in öffentlichen Verkehrsmitteln halten etwa 41 Prozent der Befragten für unpassend

Fest steht, dass die Antidiskriminierungsstelle des Bundes Stillverbote als Diskriminierung von Frauen ansieht. Soweit die Theorie. Praktisch gilt vor allem in Cafés oder Restaurants das Hausrecht der Betreiberin oder des Betreibers – rausgeworfen werden kann hier im Grunde jeder Mensch. Um unangenehmen Situationen aus dem Weg zu gehen, könnte es durchaus hilfreich sein, im Vorhinein zu kommunizieren, was wo genau gewünscht ist und was nicht. Sich das Stillen gänzlich verbieten lassen, und da ist sich die Mehrheit einig, sollte sich keine Frau. Und am Ende geht es doch immer um das Wohl des Kindes, und das sollte jederzeit an erster Stelle stehen.

Das Beitragsbild ist übrigens von Jordan Whitt auf Unsplash

 

Share:

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

Kommentieren