Soziale Start-ups müssen kämpfen

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Madi Robson auf Unsplash
Soziale Start-ups
Noch nie war es so einfach, ein Unternehmen zu gründen. Beinah täglich finden spannende Ideen ihre Umsetzung. Die größten Chancen auf Förderung haben solche aus den Bereichen Finanztechnologie, Blockchain oder Künstliche Intelligenz (Artificial Intelligence). Start-ups mit sozialen Ambitionen hingegen haben es schwer in Deutschland.

Wer ein Unternehmen gründen will, braucht als Allererstes eine möglichst innovative und bahnbrechende Idee. Doch was uns Sendungen wie Die Höhle der Löwen zeigen: Der eigene unerschütterliche Glaube an das Projekt reicht noch lange nicht aus. Wer das benötigte Kapital zur Umsetzung nicht privat auftreiben kann oder will, muss sich bei einem Pitch vor möglichen Investoren so richtig ins Zeug legen.

Das Problem: Die meisten Geldgeber lassen sich erst auf einen Deal ein, wenn sie selbst das große Geschäft wittern. Wer investiert, möchte auch Ergebnisse sehen. Soziale Start-ups können einen solchen Erfolg kaum bis gar nicht garantieren. Und klar: Um das Millionen-Geschäft geht es beim sozialen Unternehmertum nicht. Es sollen gesellschaftliche Probleme gelöst werden, um beispielsweise den Umwelt- und Tierschutz voranzubringen oder benachteiligte Menschen zu unterstützen. Eine Aufgabe, die unglaublichen Respekt verdient.

SMABARREL KANN DAS LEBEN VON MILLIONEN MENSCHEN ERLEICHTERN

Wie es ist, ein soziales Projekt aus der Taufe zu heben, wissen die Mitglieder von Enactus, einer internationalen Studierendenorganisation. Das 16-köpfige Team aus Bielefeld hat es sich zur Aufgabe gemacht, soziale und ökologische Probleme durch wirtschaftliche Nachhaltigkeit zu lösen. Da die Wasserversorgung in vielen Regionen Afrikas Aufgabe von Frauen und Kindern ist und die Eimer und Wasserkanister oft kilometerweit auf dem Kopf balanciert oder von Hand getragen werden müssen, haben die Studierenden Smabarrel entwickelt.

Beim Smabarrel (Smart + Barrel) handelt es sich um zwei rollbare Kanister, die durch einen Verschluss miteinander verbunden sind und den Transport des Wassers auch über weitere Strecken erleichtern. Projektleiterin Sarah Özekcin erzählt uns, wie sie darauf gekommen ist: “Die Idee hatte ich bereits 2016. Ich hatte einen Beitrag über den Hipporoller gesehen und großes Entwicklungspotential in den Bereichen Nachhaltigkeit und Unternehmertum gesehen. Im Juli 2017 war es dann so weit, und ich durfte innerhalb der Hochschulorganisation Enactus Bielefeld ein Team für das “Waterroller-Projekt” zusammenstellen. Nach und nach haben wir mit vielen NGOs und Experten gesprochen und Umfragen durchgeführt. Im November haben wir neun Ingenieure von der FH Bielefeld für unser Team gewinnen können, die seitdem kontinuierlich am Prototyp arbeiten.”

Über eine Milliarde Menschen in Afrika haben keinen direkten Zugang zu Trinkwasser.

 

 

FESTE SPONSOREN FEHLEN

Für das Team in Bielefeld ist vor allem die große Entfernung zur Zielgruppe sowie der zu kleine Geldtopf ein Problem. Feste Unterstützer fehlen. “Bisher gibt es noch keine festen Sponsoren. Wir sind noch auf der Suche nach Förderern, welche uns die Starthilfe für die Beschaffung der Werkzeuge in der Produktion leisten. Bei unserer Arbeit unterstützen uns Advisor von KPMG, der Bertelsmann-Stiftung und Dr. Oetker. Wir bereiten gerade unseren Prototyp für die Reise nach Uganda vor; dieser wird dann in einem Dorf getestet. Das Feedback nutzen wir für die weitere Verbesserung des Smabarrels.”

Der Smabarell entlastet die Menschen nicht nur zeitlich und körperlich enorm – da er vor Ort hergestellt und vertrieben wird, werden so auch neue Arbeitsplätze geschaffen. Das Team um Sarah arbeitet ehrenamtlich. “Teils müssen wir neben Smabarrel und dem Studium auch noch arbeiten. Wir stecken also sehr viel Herzblut in unsere Idee und lassen nicht so schnell locker.” Um längerfristig erfolgreich zu sein, soll im besten Fall noch in diesem Jahr ein Unternehmen gefunden werden, das seine Produktion auf den Smabarrel erweitert, erklärt Sarah weiter. Außerdem fehle es noch immer an Startkapital, um die Produktionserweiterung zu finanzieren.

Wir konnten schon sehr viele Leute für unser Konzept begeistern.

Iris Braun

Ein weiteres Beispiel für ein soziales Start-up ist Share. Dr. Sebastian Stricker, einer der Gründer, ist kein Neuling auf dem Gebiet. Vor seiner aktuellen Idee setzte er 2013 die Spenden-App “ShareTheMeal” um, mit der die Nutzer durch Spenden von Centbeträgen hungernde Kinder in Afrika unterstützen können. Mehr als eine Million Mal wurde die App bis heute heruntergeladen. Doch dann keimte eine neue Idee in Stricker auf. Wieso kann man nicht automatisch spenden, indem man bestimmte Lebensmittel im Supermarkt einkauft? Dabei heraus kam eine neue Lebensmittelmarke, die nicht nur soziale Ungleichheit bekämpfen, sondern auch unser Kaufverhalten verändern soll.

Iris Braun gehört ebenfalls zum Gründerteam – sie erzählt uns, dass bereits zahlreiche Leute an die Idee glauben: “Wir konnten schon sehr viele Leute für unser Konzept begeistern: Von den Händlern über unsere Produktionspartner bis zu unseren Celebrity-Unterstützern wollen einfach sehr viele Menschen diese Möglichkeit haben, beim Einkaufen auch einer anderen Person etwas Gutes zu tun! Allerdings sind wir gerade erst im großen Umfang in den Handel gekommen und müssen erst sehen, wie es die Kunden annehmen und wie ihnen auch die Produkte gefallen. Bisher sieht es aber gut aus.”

Durch den Kauf von Mineralwasser, Seife und Müsliriegeln wird automatisch gespendet

 

Zweifel gehören zum Gründen dazu.

Mit den Share-Produkten – Mineralwasser, Müsliriegel und vegane Seifen, die für die Grundbedürfnisse Essen, Trinken und Hygiene stehen – wird das sogenannte “1+1”-Prinzip verfolgt, bei dem für jedes verkaufte Produkt ein vergleichbarer Artikel an Bedürftige geht. Für eine verkaufte Flasche Wasser erhält ein Mensch in Not für einen Tag Trinkwasser, ein Bio-Nussriegel steht für eine Portion Essen, und pro Stück verkaufter Handseife kommt einem Menschen ebenfalls ein entsprechender Hygieneartikel zu. Um genauestens nachvollziehen zu können, wo genau die Hilfe ankommt, sind auf den Artikeln Tracking-Codes zu finden. Transparenz ist hier Programm. Die Share-Produkte gibt es inzwischen in über 500 Filialen von Rewe und dm zu kaufen. Gewinne für die Gründer und das Team sind in den ersten Jahren kaum zu erwarten.

Trotz der ersten positiven Resonanz: Zweifel schwingen immer mit, wie uns Iris Braun verrät: “Gründen kommt immer auch mit Zweifeln, weil man ja etwas probiert, was es so noch nicht gibt. Wir haben allerdings ein enormes Maß an Unterstützung erfahren, das uns hoffnungsvoll macht. Unsere größte Sorge ist, dass wir in der Umsetzung scheitern, weil die Menschen unser Konzept im Laden nicht wahrnehmen oder verstehen.”

OHNE MOOS NICHTS LOS?

Doch wie sieht sie denn nun aus, die Unterstützung von sozialen Start-ups? Voller Chancen oder chancenlos? Sarah Özekcin erlebt derzeit selbst, wie schwierig es sein kann. Der Smabarrel könnte noch viel mehr Support gebrauchen, denn immerhin handelt es sich doch um eine ziemlich gute Sache. “Alle reden von Nachhaltigkeit und sozialen Aspekten, aber oft werden diese Werte nicht gelebt. Wenn es ums Anpacken geht, verlieren wir viele Menschen auf dem Weg zu unseren Zielen. Dazu haben viele NGOs einen schlechten Ruf, darunter leiden auch wir. Wir haben keine riesigen Organisationen hinter uns, wir leben dieses Projekt und opfern viel Lebenszeit – doch wir lieben es.”

Iris Braun von Share schätzt die Situation positiver ein und glaubt daran, dass soziale Start-ups in Zukunft vermutlich deutlich mehr Aufmerksamkeit von Investoren bekommen werden. “Wenn man eine normale Firma ist, dann unterstützen dich Menschen nur, wenn sie das große Geld dahinter sehen, und das ist bei jedem einzelnen Start-up nun einmal unwahrscheinlich. Soziale Unternehmen können auf mehrere Arten motivieren. Ich glaube, dass die Motivation, wirkliche soziale Veränderung zu schaffen, oft sogar noch mehr begeistern kann. Wichtig ist natürlich, dass man auch erkennen kann, dass es ernst gemeint ist. Aber das kann dann Hebel in Bewegung setzen, auf die man mit Geld keinen Zugriff hat. Und je mehr Menschen sich für eine Idee zusammentun, desto wahrscheinlicher wird dann eben auch der Erfolg.”

Dennoch: Um als soziales Projekt wachsen und nennenswerte Umsätze erzielen zu können, sind die Unternehmen auf kostenlose Werbung durch Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen. Kommt diese nicht ins Rollen und fehlen dann auch noch diejenigen Unterstützer, die bereit sind, nicht nur darüber zu sprechen, sondern auch zu investieren, kann ein solches Projekt schnell scheitern.

Was Smabarell und Share angeht, bleiben wir auf jeden Fall dran…

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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