Die Formel-1 braucht eine Frau – Sophia Flörsch im Interview

Words by Arzu Gül
Photography: Sophia Flörsch
Lesezeit: 5 Minuten
Sophia Flörsch in Macau

Sophia Flörsch ist 19 Jahre alt und bereits die erfolgreichste deutsche Automobilrennfahrerin. Im Interview erzählt sie von ihrer Vision, Weltmeisterin zu werden, und erklärt, warum Frauen im Rennsport immer noch ungleich behandelt werden.

 

Wer sich für Frauen im Rennsport interessiert, der kommt an einem Namen nicht vorbei: Sophia Flörsch, Deutschlands jüngster und erfolgreichster Automobilrennfahrerin! Mit nur vier Jahren saß sie bereits in einem Kart, wechselte im Alter von 15 Jahren in den professionellen Formel-Sport und ist die erste Frau, die jemals Punkte in der deutschen Formel-4-Meisterschaft erzielte. 2018 erreichte sie dann ihren nächsten Meilenstein: einen Start in der Formel-3-Serie. 

Trotz eines Horror-Unfalls beim Macau Grand Prix 2018 ließ sie sich nicht beirren und arbeitet härter denn je an ihrem Traum, die erste Weltmeisterin in der Formel-1 zu werden. Im Interview mit dem Monda-Magazin erzählt sie uns, wie der Unfall ihr Leben verändert hat, warum Frauen körperlich und mental genau die gleichen Voraussetzungen für eine Karriere im Motorsport haben wie Männer und wann sie ihren großen Traum, einen Start in der Formel-1, Wirklichkeit werden lassen möchte. 

Sophia, du hast bereits in sehr jungen Jahren mit dem Motorsport angefangen. Wie ist deine Leidenschaft für diesen außergewöhnlichen Sport überhaupt entstanden?

Mit vier Jahren befand ich mich das erste Mal auf einer Kartbahn. Damals war mir das Kart aber wohl noch zu laut. Meine Eltern erzählten mir, dass ich mich mächtig erschrocken habe, und so wartete ich noch mehrere Wochen, ehe ich das erste Mal selber hinter dem Steuer saß. Mit der Zeit wurde ich aber immer besser und bekam immer mehr Spaß an dem Sport. Als ich schließlich 2008 mein erstes Rennen fuhr, gewann und auf dem Siegertreppchen stand, wusste ich: Hier gehöre ich hin!

Du bist 19 Jahre alt und kannst bereits auf eine lange Karriere als Rennfahrerin zurückblicken. Inzwischen bist du die weltweit erfolgreichste Rennfahrerin. War dies von Anfang an dein Ziel?

Als ich mit dem Kartsport anfing, war es mein größter Traum, irgendwann einmal ein Formel-Auto zu fahren. Dass ich irgendwann einmal eine Formel-3-Serie fahren würde, hätte ich selber nie gedacht. Dennoch war es schon immer mein Ziel, Frauen und Männer in diesem Sport zu schlagen, die Schnellste auf der Rennstrecke zu sein und ganz vorne mitzufahren. Dieses Ziel treibt mich auch heute noch stark an.

Vor 2 Jahren, beim Macau Grand Prix 2018, hattest du einen schlimmen Unfall. Dein Wagen wurde rückwärts durch die Luft in ein mobiles Podest geschleudert. Es war Glück, dass du dir dabei »nur« 2 Wirbel gebrochen hast. Wie hat dich der Unfall mental beeinflusst?

Als RennfahrerIn ist man sich immer eines gewissen Risikos bewusst. Dass dann wirklich ein Worst-Case-Szenario eintritt – Shit happens! Ich bin sehr dankbar, dass niemand bei diesem Unfall ernsthaft verletzt wurde. Auf den Videos sieht die Kollision zwar sehr brutal aus, in meiner Wahrnehmung lief das Ereignis aber unglaublich schnell ab. Seither gehe ich definitiv bewusster durchs Leben. Ich bin dankbar für das, was ich täglich machen darf und habe das Beste aus der Situation gemacht. Nun stelle ich mich neuen Chancen und Herausforderungen.

Wie lange hat es gedauert, bis du wieder am Steuer saßt?

Der Unfall ereignete sich am 18. November 2018. Ziemlich genau 100 Tage später, Anfang März 2019, saß ich dann in Monza (Italien) wieder in einem Formel-3-Rennwagen. Darauf habe ich mich sehr gefreut!

Frauen können in dieser Branche alles erreichen

Sophia Flörsch

Du bist die erste Frau, die in der deutschen Formel-4-Meisterschaft auf dem Podest stand, und in der europäischen Formel-3-Meisterschaft 2018 warst du die einzige Frau, die an den Start ging. Damit bist du eine Vorreiterin und natürlich auch ein Vorbild für viele andere Frauen. Hattest du schon immer diese Vision von dir selbst, anderen den Weg zu ebnen? 

Nein, ich selbst sehe mich nicht als Vorbild, aber ich freue mich natürlich dennoch, wenn ich jungen Mädchen Selbstbewusstsein mitgeben und ihnen zeigen kann, dass sie sich nicht von Rückschlägen unterkriegen lassen sollen. Wenn ich sie dazu motiviere, ihren Traum zu leben. Ich hoffe sehr, dass ich mehr Mädchen für den Motorsport begeistern kann. Nicht nur als Pilotinnen, sondern auch als Ingenieurinnen, Entwicklerinnen oder in den Medien. Es gibt unglaublich viele interessante Berufsfelder im Motorsport. Die Möglichkeiten sind vielfältig und ich denke, Frauen können in dieser Branche alles erreichen!

Welchen Rat gibst du jungen Mädchen, die Interesse am Motorsport haben? Welche Eigenschaften müssen sie mitbringen?

Viel Spaß. Selbstbewusstsein. Ehrgeiz. Disziplin. Und eine gewisse Arroganz, um den Jungs um die Ohren zu fahren. Man muss sich definitiv trauen, auch einmal austeilen zu können.

Gibt es Bereiche im Rennsport, die für Frauen aufgrund ihres Geschlechts schwieriger oder nachteiliger sind? 

Eine Frau hat im Rennwagen keinen Nachteil. Weder physisch noch mental. Die gesamte Argumentation über »Kraft« und »Kampfwillen« kommt aus der Glorifizierung männlicher Rennfahrer in der Vergangenheit. Sie sind das Heldentum alter Geschichten. Ich nenne in dem Zusammenhang auch immer gerne Michèle Mouton. Sie wurde 1982 Rallye-Vize-Weltmeisterin. In dem Rennen fuhr sie in einem extrem leistungsstarken Gruppe-B-Rallye-Auto, welches bald danach verboten wurde. Niemand zweifelte damals an der Kraft oder dem Siegeswillen von Mouton. Daran sollten sich Frauen viel öfters erinnern!

Wo es hingegen tatsächlich eine Ungleichheit gibt, ist der Bereich der finanziellen Unterstützung. Für eine Ausbildung im Motorsport braucht es sehr viel Geld. Jeder Testkilometer ist teuer. Mit meinem Budget kann ich nur etwa 30 % so viel trainieren wie große Namen in den Nachwuchsserien. Und je weniger Budget du zur Verfügung hast, desto unwahrscheinlicher ist ein Platz in einem Top-Team. Cockpits in Top Teams sind sehr teuer und kosten einige Hunderttausend Euro mehr als in normalen Teams. Hier entscheidet also letztlich nur das Geld, nicht das Talent. Es benötigt also in den meisten Fällen Sponsoren. Und da haben es Männer um einiges leichter. Sie müssen keine Fragen zu einer »Schwangerschaft« oder zur »Ernsthaftigkeit ihrer Absichten« beantworten. Aufgrund der fehlenden finanziellen Förderung hat es noch keine Frau an die Spitze geschafft. Wir benötigen dringend die Chancengleichheit in unserer Ausbildung, damit wir Frauen auf Topniveau an der Weltspitze mitfahren können.

Es entscheidet letztlich das Geld, nicht das Talent

Sophia Flörsch

Du hast schon einmal gesagt, die Formel-1 braucht eine Frau. Ist es dein Ziel, diese Frau zu sein?

Ja, mein Ziel ist es, Weltmeisterin zu werden und damit auch den »Proof of Concept« zu liefern, dass Frauen es an die Spitze schaffen können. Natürlich weiß niemand, wie der Rennsport sich in den nächsten Jahren entwickelt und ob die Formel-1 dann noch die Spitze darstellt. Es ist durchaus möglich, dass die Formel-E, in der nur Formelwagen mit Elektromotoren antreten, die Position der Königsklasse einnehmen wird. Die Formel-E ist sehr spannend und innovativ. Für mich ist daher erst mal nur relevant, dass meine GegnerInnen die Besten der Besten sind. 

Das Thema Nachhaltigkeit ist präsenter denn je. Du hast es gerade selber angesprochen, in der Formel-E tut sich unheimlich viel. Wäre die Teilnahme hier aktuell eine Option für dich?

Die Formel-E ist inzwischen in der sechsten Saison und aktuell mit Fahrzeugen der zweiten Generation unterwegs. 2022 oder 2023 werden wahrscheinlich Fahrzeuge der 3. Generation eingesetzt werden. Dies sind sehr leistungsstarke Rennfahrzeuge. Die Entwicklung der Elektro-Wagen und der gesamten Rennserie macht sehr große Fortschritte. Fast alle führenden Automarken sind mit eigenen Teams vertreten. Meiner Meinung nach ist das Fahrerniveau sogar höher einzuschätzen als in der Formel-1! Mir persönlich würden aktuell aber noch der Benzingeruch, der herrliche Sound eines aggressiven Rennmotors und der gewaltige Kick auf Slicks und in Highspeed-Kurven fehlen. Dennoch verfolge ich die Formel-E sehr genau. Sie entwickelt sich zu einem maximal professionellen Motorsport und ist bereits heute eine spannende Option für viele Rennfahrer.

Wie geht es 2020 weiter? Welche Ziele hast du dir selber gesteckt?

Es laufen diverse Gespräche in verschiedene Richtungen. Mein Wunsch ist es, in der FIA-Formel-3 an den Start zu gehen, meine Formelausbildung zu verfeinern und weiter an meinem Traum, der Formel-1, weiterzuarbeiten. Parallel habe ich die Chance, bei dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans zu fahren. Dies ist ein Lebenstraum von mir! Bisher gibt es kaum 19-jährige FahrerInnen, die bei diesem Rennen angetreten sind.

Und wenn wir noch 5 Jahre weiter schauen? 

Bis dahin möchte ich möglichst viele Kilometer gefahren sein, meine Grenzen erweitert haben und spätestens im März 2025 meine Qualifikation für den F1-Grand-Prix von Australien absolvieren!

Vielen Dank für das Interview, liebe Sophia! Wir haben keinen Zweifel daran, dass du das schaffen wirst!

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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