Schreiben nach Gehör wird abgeschafft

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Pan Xiaozhen
Ein Junge beim Schreiben
Es ist eines der größten Streitthemen an deutschen Grundschulen. Das sogenannte Schreiben nach Gehör erlaubt es jungen Schülern, so zu schreiben, wie sie sich die gehörten Wörter vorstellen. Doch das Rechtschreibniveau sinkt. 
 

Was unsere Kinder in den ersten Schuljahren beigebracht bekommen, sollte eine solide Basis für die künftigen, noch wesentlich leistungsorientierteren Jahre schaffen. Vermittelt werden erste Kenntnisse im Rechnen, an einigen Schulen auch immer häufiger bereits Englisch als erste Fremdsprache und natürlich auch Deutsch. Das Alphabet, bestimmte Wörter oder auch ganze Sätze sollten in der vierten Klasse in jedem Fall fehlerfrei von jedem Kind aufs Papier gebracht werden. Doch aktuell ist das immer seltener der Fall. 

Schreiben nach Gehör:  Eine Methode von Jürgen Reichen

Die Schreiben-nach-Gehör-Methode wurde von dem Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen entwickelt und galt einst als eine gute Möglichkeit, um den Schülern die deutsche Rechtschreibung beizubringen. Das Ergebnis der letzten Jahre zeigt allerdings, dass das Rechtschreibniveau bei dieser Lehrmethode immer weiter sinkt. Laut einer Studie des Instituts für Qualitätssicherung im Bildungswesen erfüllt jede*r fünfte Viertklässler*in bei der Rechtschreibung noch nichteinmal die Mindeststandards.

Schreiben nach Gehör: Verbot in Hamburg & Schleswig-Holstein

Aus diesem Grund haben Bundesländer wie Hamburg und Schleswig-Holstein das umstrittene Konzept bereits verboten. Auch Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) verordnete zuletzt, dass Grundschullehrer künftig wieder verstärkt kontrollieren müssen, ob Schüler von Anfang an richtig schreiben: »Die Regeln der deutschen Rechtschreibung können und müssen von der ersten Klasse an gelernt werden«, erklärte sie. 

Bisher durften Grundschüler in den Klassen 1 und 2 nach Gehör schreiben, und erst ab der 3. Klasse sollte die Rechtschreibung die volle Beachtung finden. Um die Kinder nicht zu demotivieren und ihre Schreiblust nicht zu hemmen, sollten neben den Lehrer*innen auch die Eltern auf eine Korrektur verzichten. Eine Studie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn hat jedoch ergeben, dass Grundschüler die Orthografie am besten erlernen, wenn sie ihnen nach der klassischen Fibelmethode beigebracht wird. Heißt: Erst Buchstabe für Buchstabe und dann über einzelne Wörter. 

 

Die Probleme gehen viel tiefer

Die Probleme bei der Rechtschreibung seien allerdings nicht nur dem umstrittenen Prinzip zuzuschreiben, erklärte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger: »Die abfallenden Rechtschreibleistungen beobachten wir nicht nur in den Ländern, die sehr stark auf die Lesen-durch-Schreiben-Methode gesetzt haben.« Vor allem auch in den Ost-Bundesländern, wo die Methode nie verbreitet war, gibt es immer häufiger Schwierigkeiten. Das habe seiner Meinung nach vor allem damit zu tun, dass viele der Kinder nur noch sehr selten, manche auch gar keine Bücher mehr lesen würden. Der Umgang mit den sozialen Medien verlange einfach keine perfekte Rechtschreibung. Hinzu kommen mangelnde Konzentration und zu heterogene Klassen, in denen die Anforderungen an die Lehrer*innen immer weiter steigen. 

Künftig werden gerade deshalb noch weitere Herausforderungen auf die Politik, die Lehrer*innen und die Eltern zukommen. Ein Verbot der Schreiben-nach-Gehör-Methode kennzeichnet somit nur den ersten von vielen weiteren Schritten.

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Alltag

Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

2 Kommentare

Merlin
#2 — vor 3 Wochen
Wegen der Sprache verunstaltenden Genderschreibweise werde ich diese Webseite in Zukunft meiden.
madx
#1 — vor 2 Monaten 1 Woche
Diese Gendersternchen gehen mir auf den Geist. Meine Vorlesesoftware kann den Text nicht richtig erfassen. Alles hört sich fürchterlich an. Solche Texte werde ich in Zukunft gar nicht mehr lesen sondern gleich entweder umblättern oder wegklicken. Diesen Terror mache ich nicht mehr mit, das ist nicht mehr praktikabel und geht zu weit.

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