Schizophrenie: Die Stimmen in meinem Kopf

03.09.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Schizophrenie: Die Stimmen in meinem Kopf

Plötzlich sind sie da: Die ständigen Stimmen im Kopf. Schizophrenie ist eine schwere psychische Störung. Medikamente können die Symptome lindern – ganz verschwinden werden sie aber nie. Ein Forscherteam hat neue Erkenntnisse über eine Krankheit, die sich sehr offensichtlich zeigt und doch so undurchschaubar bleibt.

Schizophrenie: Was ist das?

Die Schizophrenie ist eine der schwerwiegendsten psychischen Erkrankungen und zählt zu den Psychosen. Mit ihr einhergehen Realitätsverlust, Wahrnehmungs-, Denk-, Antriebs- und motorische Störungen sowie Probleme mit der Sprache, die sich in sprunghaften und ungeordneten Gedanken äußern. Die Krankheit nimmt häufig einen chronischen Verlauf. Doch manchmal klingen die Symptome nach einigen Wochen oder Monaten teilweise oder phasenweise sogar vollständig ab.

Statistiken zufolge erkrankt etwa eine von 100 Personen in ihrem Leben daran und das meist zwischen dem 15. und dem 35. Lebensjahr. Männer und Frauen sind in der Regel gleich häufig betroffen – wobei der Krankheitsverlauf bei Frauen durch ein zweistufiges Auftreten gekennzeichnet ist und zwischen dem 25. und 30. Lebensjahr und noch einmal ab 40 Jahren auftreten kann. Männer sind im Schnitt fünf Jahre jünger, wenn sich die Krankheit zeigt.

“Die Schizophrenie ist eine…Störung, an der etwa ein Prozent der Bevölkerung leidet, wobei die Neuerkrankungsrate bei Männern höher ist als bei Frauen. Bestehende Therapien mit Psychopharmaka konzentrieren sich auf die Linderung von Symptomen wie der Verzerrung von Wahrnehmung und Denken; sie können die Schizophrenie aber nicht heilen. Dies liegt wohl vor allem daran, dass über die biologischen Ursachen dieser Krankheit noch zu wenig bekannt ist.”Prof. Dr. Sven Cichon und Dr. Thomas Mühleisen vom Forschungszentrum Jülich.

Schizophrenie: Neue Studie klärt Ursachen
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Die Formen der Schizophrenie

Ärzte unterscheiden verschiedene Formen der Schizophrenie. Dazu gehören die katatone Schizophrenie, bei der es zu motorischen Störungen kommen kann, die hebephrene Schizophrenie, die durch Störungen des Gemüts- und Gefühlslebens gekennzeichnet ist und die Schizophrenia simplex – die mildere Form, die schleichend die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit verringert. Die am häufigsten auftretende Form ist jedoch die paranoide Schizophrenie. Diese äußert sich vor allem durch beständige und häufige Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Betroffene sind meistens der Meinung verfolgt zu werden oder Geister und Außerirdische sehen zu können. Viele hören auch Stimmen, die ihnen Befehle geben oder Angst machen.

Schizophrenie: Neue Erkenntnisse zu Auslösern der Krankheit

Ein Konsens der Wissenschaft ist, dass unterschiedliche Faktoren gibt, die zum Ausbruch der Krankheit führen. Zum einen gibt sogenannte Risikogene, die vererbt werden, doch nicht jeder, der diese Gene in sich trägt, wird auch krank. Ein internationales Forscherteam rund um den Mediziner Gianluca Ursini ist der Frage nach dem “Warum” ein Stückchen nähergekommen. Im Zusammenspiel mit den Genen spielt demnach scheinbar auch der Verlauf der Schwangerschaft eine erhebliche Rolle. Für die Studie, die im Fachjournal “Nature Medicine” veröffentlicht wurde, wurde das genetische Material von 2.885 gesunden Menschen und Schizophreniekranken aus Italien, Deutschland, Japan und den USA untersucht. Prof. Dr. Hans-Georg Frank von der Ludwig-Maximilians-Universität erklärt dazu: “Die vorliegende Studie ist von sehr hoher Qualität und Aussagekraft. In der Natur der Methode der Studie liegt der starke Fokus auf die Genexpression. Diese ist aber nur der erste Schritt auf dem Weg zu dem Phänotyp, der noch direkter mit dem Risiko für Schizophrenie zusammenhängen muss. In diesem Sinn ist die Studie wegweisend für zukünftige Arbeiten.”

Schizophrenie ist eine psychische Störung
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Schwangerschaftskomplikationen erhöhen das Schizophrenierisiko

Bei der Untersuchung kam heraus, dass das Risiko an Schizophrenie zu erkranken, um das Fünffache anstieg, sobald zusätzlich Komplikationen während der Schwangerschaft auftraten. Dazu zählen Stress oder eine Viruserkrankung (postinfektiöse Hypothese) – aber auch Alkohol- und Nikotinkonsum sowie Wachstumsstörungen des Kindes – wobei auch die Plazenta (der Mutterkuchen) eine entscheidende Rolle spielt. Während der Schwangerschaft versorgt diese das Baby mit Nahrung und Sauerstoff. Doch auch bestimmte Umwelteinflüsse können so die Entwicklung des Kindes beeinflussen und die Genexpression verändern. Das bedeutet, dass bestimmte Gene aktiver werden und somit häufiger aus dem Erbgut abgelesen und in Proteine umgewandelt werden – das wiederum beeinflusst die Hirnentwicklung.

“Die Plazenta ist das wesentliche Bindeglied zwischen Mutter und Fetus und für das physiologische Gleichgewicht in der Gebärmutter verantwortlich. Beinahe jeder Stressor, der von der Mutter auf den Fetus übertragen und mit der Entstehung von neuropsychiatrischen Erkrankungen in Verbindung gebracht wird, muss diese natürliche Schutzschranke passieren. Es ist daher von enormer Bedeutung, den Transfer von mütterlichem Stress und die Rolle der Plazenta besser zu verstehen, um eventuell eines Tages die Entstehung von Krankheiten bereits im Mutterleib zu verhindern”, so Dr. Florian Rakers vom Universitätsklinikum Jena.

Erkranken Männer doch häufiger?

Eine zweite zentrale Erkenntnis der Forschungen ging der Untersuchung nach, dass Männer scheinbar doch häufiger erkranken und warum. Heraus kam, dass die Risikogene, die unter anderem für eine Schizophrenie verantwortlich sind, bei Männern grundsätzlich stärker aktiv sind, als bei Frauen. Warum das wiederum so ist, muss abschließend noch geklärt werden.

Insgesamt weist Dr. Florian Rakers allerdings darauf hin, dass all diese Erkenntnisse nicht ohne Einschränkungen zu interpretieren sind. “Zum einen lässt eine genomweite Analyse per se keine sicheren Rückschlüsse auf Kausalität zu. Ob die genetische Varianz also durch Geburtskomplikationen verursacht wird, ist nicht mit Sicherheit zu belegen. Auch der daraus resultierende Zusammenhang mit der Entwicklung einer Schizophrenie ist noch nicht kausal erklärt. Zum anderen wurden in den Schizophreniekohorten die Angaben zu Geburtskomplikationen retrospektiv erhoben und basieren zum Teil auf Angaben der Erkrankten selbst. Ob und inwieweit diese Angaben gerade bei psychisch Erkrankten valide sind, muss zumindest kritisch hinterfragt werden.”

Soll heißen, dass der Zusammenhang zwischen Schwangerschaftskomplikationen und verstärkt abgelesenen Risikogenen, die eine Schizophrenie auslösen, bisher noch nicht eindeutig bewiesen werden konnten – was Dr. Florian Rakers zum einen mit der fragwürdigen Erhebung der Angaben zu den möglichen Komplikationen begründet.

Schizophrenie ist eine Krankheit
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Schizophrenie vorbeugen: Geht das?

Die Forschung ist einen Schritt weiter, doch ob und wann ein Ausbruch der Krankheit verhindert werden kann, lässt zu diesem Zeitpunkt nicht beantworten. Doch kann etwas getan werden, um der Krankheit vorzubeugen? Da ein Grund für das Auftreten erbliche Faktoren sind, ist eine konsequente Verhinderung nicht möglich. Allerdings können belastende Ereignisse, Stress sowie Drogen- und Alkoholkonsum den Ausbruch der Krankheit stark begünstigen. Menschen mit einer erblichen Vorbelastung können also Einfluss nehmen, indem sie derartige negative Einflüsse vermeiden.

Das Beitragsbild ist übrigens von Yuris Alhumaydy auf Unsplash

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

1 Kommentar

  1. Hans-Joachim Schneider

    Was bringt uns das jetzt? Neue Erkenntnisse? Eigentlich viel mehr neue Fragen als neue Erkenntnisse. Darüber hinaus ist der Text auch sprachlich nicht sehr sauber. Schade, das Thema hätte etwas mehr Zuwendung verdient.

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