Ist Rosa schlecht für die Gleichberechtigung?

Words by Annekathrin Walther
Photography: Natasha Kasim auf Unsplash
Eine dunkelhaarige Frau in einem rosa Pullover hockt vor einer rosa Wand
Zum ersten Mal ist der Internationale Frauentag (8. März) ein offizieller Feiertag in Berlin. Wir nehmen ihn zum Anlass, um uns mit »Rosafizierung« zu beschäftigen. Wir richten den Blick auf die Farbe Rosa als angebliche Mädchenfarbe schlechthin. Was hat es mit ihrer Omnipräsenz in den Spielwarenregalen auf sich? Und warum ist ihre Dominanz schlecht für die Gleichberechtigung?
 

Rosa und Blau. Blau und Rosa. Mädchen und Jungen. Jungen und Mädchen. Rosa ist für Mädchen. Blau ist für Jungen. Das sind einfache Sätze, die leicht über die Lippen gehen. Und betritt man einen Spielwarenladen, so kann man in Versuchung kommen zu glauben, dass sie auch wahr sind. Die Spielzeug-Warenwelt ist nämlich nicht nur bunt. An vielen Stellen ist sie vor allem auch eins: Zweigeteilt in rosa und blaues Spielzeug.

Rosafizierung

Mit diesem Vorwissen im Hinterkopf machte sich im letzten Jahr eine Potsdamer Studentin der Europäischen Medienwissenschaft auf den Weg in Spielwarengeschäfte. Amelie Kreis forschte für ihre Bachelorarbeit zum Thema »Natürlich Rosa? Geschlechterdifferenzierung im Kontext der Spielwarenwelt«. Als Grundlage für ihre Arbeit wollte sie ein Stimmungsbild einholen und befragte deshalb sechs Mitarbeiter*innen in fünf Potsdamer Spielzeugläden: Was würde das Fachpersonal zur Farbe Rosa und zur Zweiteilung der Spielwarenwelt in blaue und rosa Produkte sagen?

Rosa für Mädchen

Die von Kreis befragten Mitarbeiter*innen waren sich grundsätzlich darüber einig, dass es eine Zweiteilung gibt. Es herrschte ebenfalls Einvernehmen darüber, dass rosa Spielwaren für Mädchen, und blaue Spielwaren für Jungen gedacht sind. Prinzessinnen, Einhörner und Elfen wurden als klassisches Mädchenspielzeug bezeichnet. Mit großer Selbstverständlichkeit wurde davon ausgegangen, dass rosa — und nicht etwa grün — für diese Produkte die angemessene Farbe sei.

Die Befragten erklärten, dass Mädchen weniger dazu gedrängt würden, sich für Rosa zu entscheiden. Mädchen würde andersfarbiges Spielzeug durchaus immer wieder zugestanden. Jungen hingegen würden sich nur in Ausnahmefällen für rosa Spielzeug entscheiden. Täten sie es doch, würde es ihnen nur sehr selten von den Eltern auch gekauft.

Unsicherheit und Ratlosigkeit brachten die Mitarbeiter*innen zum Ausdruck, als sie von Kreis nach Gründen für die bestehenden Verhältnisse gefragt wurden. Niemand konnte genau sagen, warum und seit wann Rosa als Mädchenfarbe gilt. Einig waren sich alle wiederum darin, dass die Zweiteilung in den letzten Jahren zugenommen hat. Obwohl durchaus eingestanden wurde, dass Rosa polarisiert und mit Klischees zusammenhängt, wurde die Dominanz der Farbe von niemandem als wirklich unangebracht oder gar gefährlich eingestuft. Im Zuge ihrer Befragung hörte Kreis immer wieder Gleichgültigkeit und Machtlosigkeit heraus:

Ich weiß nicht, wie oft ich die Sätze gehört habe: ›Rosa ist eben für Mädchen‹ und ›So ist das eben einfach‹.

Amelie Kreis
Die Macht der Farbe

Farben als Erkennungszeichen

»So ist das eben« ist kein schöner Satz. Er klingt wie die Kapitulation vor einem Naturgesetz, gegen das man ganz einfach nichts machen kann. Deshalb an dieser Stelle erstmal die gute Nachricht: Am Rosaboom ist nichts natürlich. Rosa ist für Mädchen, weil wir als Gesellschaft – zumindest in Teilen – entscheiden, dass es so ist. Farben sind Erkennungszeichen. Sie helfen uns dabei, die Welt zu ordnen und uns in ihr zu verhalten. Entscheidend ist, dass Farben nicht an sich Bedeutungen haben, sondern von Menschen mit Bedeutungen aufgeladen werden. Es ist also nicht die Farbe selbst, die irgendetwas aussagt, sondern der Mensch – oder die Gesellschaft –, der bzw. die die Farbe immer und immer wieder mit bestimmten Werten, Emotionen und Stimmungen verknüpft.

 

Rosa: früher eine Farbe für Jungen

Am Beispiel der Farbe Rosa lässt sich die Wandelbarkeit und die Willkür dieser Dynamik gut zeigen. Rosa war nämlich nicht (schon) immer eine Mädchenfarbe. 1890 empfahl das »Ladies‘ Home Journal« – eine US-amerikanische Frauenzeitschrift, die noch heute erscheint – in Bezug auf Babykleidung Folgendes:

Pure white is used for all babies. Blue is for girls and pink is for boys, when a color is wished.

Es war also nicht nur akzeptabel, Jungen in rosa zu kleiden: Rosa war für sie sogar die Farbe der Wahl. Angesichts der Wandelbarkeit der Zuordnung und Bedeutung der Farbe scheint es absurd, von Rosa als einer natürlichen Mädchenfarbe auszugehen.

Wann Rosa zur Mädchenfarbe wurde, ist nicht mit absoluter Sicherheit zu sagen. Es wird davon ausgegangen, dass die aktuell geltende Festschreibung erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgte. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch von einer Rosafizierung, wie wir sie heute erleben, noch nichts zu spüren. Selbst wer in den 1980er Jahren aufgewachsen ist, erinnert sich nicht an eine solch starke Dominanz von rosa Spielzeug oder Verpackungen. Die Farbe kam vor, ja. Sie war auch vor 30 Jahren eher eine Mädchenfarbe. Aber von einem rosa Überraschungsei oder einem rosa Globus für Mädchen waren wir damals noch weit entfernt.

Wäre dieses Einhorn auch mit grüner Mähne denkbar?

Amelie Kreis‘ Bachelorarbeit gibt ein gutes Beispiel für die Entwicklung des Rosatrends: Ausgehend vom Playmobil Produktarchiv konnte sie einen auffälligen Anstieg von rosa Spielsets für Mädchen erst nach der Jahrtausendwende feststellen. Es ist also davon auszugehen, dass die straffe Verknüpfung von Rosa und Weiblichkeit noch sehr, sehr jung ist.

Fortschritt ist Rückschritt?

Warum gerade jetzt? Wieso wird die Verknüpfung ausgerechnet zu einer Zeit so dominant, in der das Bewusstsein für Genderthemen doch eigentlich wächst? Das rosa Überraschungsei ist ein Phänomen unserer Zeit. So etwas hat es noch nie gegeben. Und trotzdem fühlt es sich – inmitten von Fortschritt – an wie ein Rückschritt.

Tatsächlich sind die Emotionen und Werte, die wir mit Rosa und Weiblichkeit verknüpfen, nicht unbedingt fortschrittlich. Rosa steht für Empfindsamkeit, Zärtlichkeit, Sanftheit, Romantik, Naivität, Unschuld, Charme, Höflichkeit. Rosa Spielzeugwelten kreisen oft um die Themen Häuslichkeit und Mütterlichkeit. Da wo – in Gestalt von Feen, Meerjungfrauen, Einhörnern und anderen Fantasiewesen – Abenteuer ins Spiel kommt, geht es nicht um Risiko, Mut oder Gefahr. Worum geht es dann? Amelie Kreis fiel auf, dass viele weibliche Playmobil-Figuren im Fantasiewelt-Kontext mit einem Spiegel ausgestattet sind: Mädchen werden Abenteuer somit zugestanden, solange sie dabei nicht vergessen, sich um ihr Aussehen zu kümmern. 

Die Dichterin Hollie McNish und der Regisseur Jake Dypka veranschaulichen mit ihrer gemeinsamen Videoarbeit »Pink or Blue« die Wertvorstellungen, die mit den Farben Rosa und Blau verknüpft sind. 

Während in der realen Welt die klassischen Werte von Weiblichkeit schwächeln, sind sie in der rosa Spielzeugwelt nach wie vor omnipräsent. Genau an dieser Stelle liegt die Gefahr: Die Farbe Rosa scheint schleichend zu einem Platzhalter für die Werte geworden zu sein, die wir mittlerweile eigentlich als rückständig wahrnehmen. Rosa erinnert uns – und vor allem auch unsere Kinder – konstant daran, dass wir immer noch häuslich, mütterlich und schön zu sein haben, auch wenn wir gleichzeitig vielleicht studieren, Karriere machen und ein dickes Auto fahren.

Zweiteilung entzweit

Die Gefahr liegt außerdem in dem, was auch die Mitarbeiter*in im Potsdamer Spielzeuggeschäft bemerkte: Während Mädchen aus der rosa Spielzeugwelt ausbrechen dürfen, werden Jungen konsequent aus ihr ausgeschlossen. Die rosa und blauen Welten treiben letztlich einen Keil zwischen Mädchen und Jungen. Sie impfen Kindern ein, dass Mädchen zwar in die Jungenwelt dürfen, alles Weibliche jedoch nichts für Jungen ist. Ja, es gab schon immer Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Es wird auch immer welche geben. Für die Überbetonung und konsequente Verstärkung dieser Unterschiede gibt es jedoch keinen vernünftigen Grund.

Was war noch die gute Nachricht? Ach ja, wir sind keinem Naturgesetz unterworfen. Wir haben die Rosafizierung selbst in der Hand. Die schlechte Nachricht dürfte sein, dass wir uns diese Tatsache nicht oft genug zunutze machen. Es wäre toll, wenn wir grüne Einhörner in nächster Zeit so selbstverständlich annehmen würden wie rosa Einhörner. Sie sind nämlich kein Ding der Unmöglichkeit. Sie entsprechen nur einfach nicht unseren aktuellen Gewohnheiten. Diese zu hinterfragen – und wenn nötig zu verändern – sind wir unseren Kindern doch schuldig, oder? 

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Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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