Rituale für den Tag der Deutschen Einheit

Words by Jana Ahrens
Photography: Lidya Nada
Rituale für den Tag der Deutschen Einheit

Der Tag der Deutschen Einheit ist ein Feiertag. Doch dass das – neben dem Luxus eines Urlaubstages – auch heißt, dass es etwas zu feiern gibt, das löst bei vielen Deutschen nur Schulterzucken aus. Wie lässt sich dieses komplizierte Fest zelebrieren? Rituale – wie wir sie für Weihnachten, Ostern oder Geburtstage haben – gibt es noch nicht so richtig. Aber wir haben Ideen.

DIE LUSTIGSTEN VORURTEILE AUSTAUSCHEN

Ossi oder Wessi?

Wessi oder Ossi, Schwabe oder Lipper Langohr: So richtig kann sich niemand vom Denken in Klischees frei machen. Vor allem dann, wenn wir nicht über Stereotype reden. Der 3. Oktober ist der perfekte Anlass, um sich gegenseitig von den komischen Ideen zu erzählen, die wir innerdeutsch voneinander haben. In Ostdeutschland gibt’s Kirchen? Neee, oder! Frauen in Westdeutschland färben sich auch die Haare? Wirklich! Für die skurrilsten Beichten können kulinarische Belohnungen aus unseren anderen Vorschlägen gereicht werden. 

ALLIIERTEN-FRÜHSTÜCK

Prost!

 Niemand muss schon vor der Wende bei vollem Bewusstsein gewesen sein, um trotzdem die Sektoren zu kennen, in die dieses Land nach dem 2. Weltkrieg aufgeteilt war. Auch noch nach dem Fall der Mauer gab es viele militärische Einrichtungen, die an die russische, amerikanische, französische und britische Kontrolle erinnerten. Doch nehmen wir davon doch einfach das Beste mit und machen daraus ein Alliierten-Frühstück. Mit Croissants, Milchkaffee, Baked Beans, Scrambled Eggs, Hash Browns, Blintschiki und Schwarztee. Ach, und: einer ordentlichen Portion gebratenen Speck. Der passt nämlich zu allen Ländern. Guten Appetit.

BUNDESDEUTSCHER REMIX-TANZTEE

Tanztee

Dies ist ein Ritual-Vorschlag für die Tanzwütigen und Musikalisch-Begabten unter euch. Stellt euch vor: traditionsreiche Lieder aus dem Erzgebirge, übersetzt in einwandfreies Bayrisch. Oder ein Hamburger Shanty im sächsischen Remix? Wahlweise können dazu Trachten getragen und vermischt werden, während der Lipsi mit latenter Schuhplattler-Infusion getanzt wird. Ein gewagter Vorschlag, aber vielleicht klappts ja, wenn nach dem Alliiertenfrühstück noch ein paar Gläschen Wodka oder Absinth gekippt werden.

GEMEINSAMES STEINEBESPRÜHEN

Steine besprühen

In leichter Anlehnung an österliche Rituale könnten kantige Steinbrocken mit graffiti-ähnlichen Mustern besprüht werden. Schließlich ist das die Form, in der die meisten ihren ersten physischen Kontakt mit der Mauer aufgenommen haben: Das idealerweise selbstgeklopfte Stück bröckelnder Mauer in bunten Farben, das für einige Zeit so ziemlich jeden Setzkasten östlich oder westlich der Grenze zierte. Auch wenn’s irgendwie Kitsch wurde, sollten wir die symbolische Kraft dieser Überreste nicht vergessen.

DOPPELTE ORTE BESUCHEN

Doppelte Orte besuchen

 Feiertag plus Brückentag plus Wochenende ergibt: eine Steilvorlage für Kurztrips innerhalb von Deutschland. Unser Vorschlag: Sucht euch Orte in Deutschland, die es doppelt gibt. Beispielsweise Friedrichshagen in Berlin und Friedrichshagen in Niedersachsen. Oder Halle an der Saale und Halle (Westfalen). So lässt sich ein direkter Vergleich von Ost und West anstellen. Aber viel wichtiger: Ihr kommt mit Sicherheit an Orte, die ihr sonst nie kennengelernt hättet.

DER BUNDES-POTLUCK

Dinnerparty

Hier noch ein Vorschlag fürs nächste Jahr. Wir haben euch schon einmal den Text für eine Einladung vorformuliert:

Hallo Freunde, wir laden Euch für den 3. Oktober zu uns nach Hause ein, und wir haben einen Wunsch: Nehmt euch das Bundesland vor, das ihr am wenigsten kennt. Schaut mal, was es da so für traditionelle Gerichte gibt. Bereitet eine kleine Portion davon zu und bringt sie mit. Neben einem riesigen Buffet entsteht so auch gleich eine Gesprächsgrundlage. Für alle, die behaupten, jedes Bundesland schon in- und auswendig zu kennen: Weißwürste oder Fischbrötchen tun’s notfalls auch.

SANDMÄNNCHEN-MARATHON

Sandmännchen

Auch das Sandmännchen gibt’s doppelt. Obendrein ist es – egal ob Ost oder West – ein Garant für Kindheitsnostalgie. Die wilden Partys werden ja meist am Abend des 2. Oktober gefeiert, weil es für viele am 4. Oktober zurück zur Arbeit geht. Da lässt sich doch der 3. Oktober ganz wunderbar mit einer langen Sandmann-Nacht beschließen. Lieblingsfolgen können ausgesucht und mit entsprechenden Kindheitsanekdoten bereichert werden. Danach dann: Ab ins Bett mit euch. 

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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